Mittwoch , 21. Oktober 2020
Wenn Ingo Hammerich und Friederike Martiny ins Internet kommen möchten, müssen sie sich ins Gewächshaus setzen.

Von der Außenwelt abgeschottet

Barnstedt. Dem vergangenen Jahreswechsel hatte Ingo Hammerich freudig entgegen gefiebert. Unter anderem, weil Anfang 2020 endlich „richtiges“ Internet in seinem Drei-Parteien-Haus Einzug halten sollte. Bis dahin lief das Internet über Funk. Das funktionierte, war aber eine teure Angelegenheit: Schnell stieg die Rechnung auf über 100 Euro, daran, Filme zu streamen oder ähnliches, war gar nicht zu denken. „Wenn jemand versucht hat, etwas herunterzuladen, war das Datenvolumen aufgebraucht“, erinnert sich Hammerich. „Man konnte seine Mails checken, mal was bestellen. Wir haben uns damals auf zeitgemäßes Internet gefreut, auf das, was andere schon lange haben.“

Rückblickend waren das goldene Zeiten für die Hausgemeinschaft in der Hauptstraße in Barnstedt, denn seit dem 31. Dezember ist Internet für sie gänzlich passé. Hammerich: „Als Vermieter wollte ich den anderen Parteien keine Extra-Kosten aufbrummen und habe fristgerecht zum Jahresende gekündigt. Seitdem sitzen wir auf dem Trockenen.“ Der Glasfaserausbau in Barnstedt ist abgeschlossen, die Anwohner sind seit Mitte Januar mit schnellem Internet versorgt. Nur nicht das Haus von Ingo Hammerich, das irgendwie hinten runtergefallen sein muss. „Seit drei Monaten frage ich nun immer wieder nach, werde aber nur hingehalten. Lediglich das Telefon gehöre zur Grundversorgung, wurde ich sogar von der Telekom abgefertigt.“

Mulmiges Gefühl, nicht auf dem Laufenden zu sein

Bislang habe Hammerich mit der Situation leben können, öfter mal bei den Nachbarn vorbeigeschaut, um etwas im Internet zu erledigen. Doch in Zeiten von Corona geht das nicht mehr. „Die neuesten Informationen bekommt man gerade einfach übers Internet.“ Es sei schon ein mulmiges Gefühl, nie den aktuellen Stand zu kennen. „Ich kann mal beim Nachbarn über den Zaun fragen oder Freunde anrufen, aber ich erfahre alles nur aus zweiter Hand. Natürlich können wir abends um 20 Uhr vorm Fernseher sitzen, aber die Ereignisse überschlagen sich ja momentan.“ Ingo Hammerich und die anderen Mieter seines Hauses fühlen sich isoliert, von der Außenwelt abgeschirmt.

Ihnen geht es nicht darum, sich ohne Internet nicht beschäftigen zu können, sondern um das dauernde Gefühl von Unsicherheit und Unwissenheit. Und auch im Berufsalltag wird das Leben offline gerade zum Problem: Die Hausbewohnerin Friederike Martiny ist Lehrerin, muss die Aufgaben für ihre Schüler vorbereiten. Das macht sie dick eingemummelt im Gewächshaus im Garten, dort kommt sie ins WLAN eines Nachbarn. Hammerich: „Gestern kam sie irgendwann völlig durchgeforen zurück ins Haus und sagte nur ‚Ich kann nicht mehr‘. Da hatten wir 2 Grad.“ Ein anderer Hausbewohner ist selbstständiger Koch, kann derzeit nicht arbeiten. Er würde sich gerne schlau machen, wie es für ihn weitergehen kann, doch den Antrag für die Sofortmaßnahmen gibt es nur im Internet.

Telekom: „Die Adresse ist tiefbau- und montagetechnisch fertig“

Die Nutzung von Whatsapp und anderen Messengern? Fehlanzeige. Auch das belastet die Hausgemeinschaft, Kontakte zur Außenwelt fehlen, jetzt, wo sich das Leben weitestgehend zuhause abspielt. „In diesen schweren Zeiten haben wir hier auf dem Land jetzt Vorteile, die wir vorher nicht gespürt haben, zum Beispiel, dass wir einen großen Garten haben, eine Werkstatt und uns nicht eingesperrt fühlen müssen. Aber eben isoliert und allein gelassen.“

Auf Nachfrage der Landeszeitung hieß es bei der Telekom, die Adresse sei tiefbau- und montagetechnisch fertig. Stefanie Halle, Pressesprecherin der Telekom: „Jetzt finden wichtige Arbeiten in der Dokumentation und in unseren Kundensystemen statt, damit der Kunde das Produkt auch beauftragen kann. Wir gehen nach wie vor davon aus, dass es in zwei spätestens in vier Wochen so weit ist.“ Das hat Ingo Hammerich schon oft gehört, noch mag er daran nicht glauben.

Von Lea Schulze