Donnerstag , 1. Oktober 2020
Auch im Gefängnis in Markt gelten Abstandsregeln. Besuche sind aktuell nur in Ausnahmefällen erlaubt. Foto: be

Wie das Virus draußen bleiben soll

Lüneburg. Abstand halten ist für die Gefangenen im Lüneburger Untersuchungsgefängnis am Markt sozusagen von selbst gegeben. Die Häftlinge sind vom normalen Leben abgeschnitten, jetzt noch mehr als sonst. „Besuche sind kaum möglich“, sagt Sabine Hamann, sie leitet die Justizvollzugsanstalt Uelzen mit ihren Außenstellen in Lüneburg. Die rund 50 Männer, die neben dem Landgericht einsitzen, warten auf ihren Prozess oder stehen schon vor Gericht, dementsprechend sollen sie keinen Kontakt beispielsweise zu Zeugen haben, um die zu beeinflussen. Das ist die eine Seite. Die andere: Gespräche mit der Familie könnten Frust abbauen, der sich in manchem anstaue. „In Absprache mit dem Gericht dürfen die Gefangenen länger mit Angehörigen telefonieren“, erklärt Sabine Hamann das Vorgehen. Einzelne Nummern seien freigeschaltet, Zeiten verlängert worden.

Weniger Besucher als sonst zugelassen

Auch hinter Mauern und verschlossenen Türen brennt das Thema Corona mit all seinen Sorgen. „Zeitung und Fernsehen liefern Informationen“, sagt die Gefängnis-Chefin. Das sei aber eher eine theoretische Einschätzung. Von der Stimmung in den Straßen seien die Männer weit entfernt – auch wenn nur ein paar Meter dazwischen liegen. Das macht Sorgen diffus, daher seien der Kontakt zum Beispiel zur Partnerin oder den Kindern wichtig.

Sabine Hamann und ihre Mitarbeiter wollen so viel Alltag wie möglich erhalten. Denn eine Struktur sei ein Gerüst, um sich zu orientieren. So arbeiten die Gefangenen weiter in der Metallwerkstatt, sie können beim Sport beispielsweise Tischtennis spielen: „Da ist Abstand möglich.“ Das Personal öffne derzeit nur für wenige die Tore, um das Risiko einer Ansteckung so klein wie möglich zu halten. So dürfen auch keine Reporter ins Gefängnis. Lieferanten dürfen aber Ware bringen, auch die Werkstatt bekomme Rohstoffe.

Landesweit hat sich der Strafvollzug verändert. Im Justizministerium in Hannover sagt Hans-Christian Rümke, dass quasi der Nachschub hinter Gittern reduziert werde: Wer Ersatzfreiheitsstrafen zu verbüßen habe, werde derzeit nicht zum Haftantritt geladen. Darunter versteht man Delinquenten, die eine Geldstrafe nicht bezahlt haben und die deshalb in den Knast einrücken müssen. Auch wer zu einer Freiheitsstrafe von unter einem Jahr verurteilt wurde, kann noch zu Hause bleiben. Ausgenommen davon sind Gewalt- und Sexualtäter.

5800 Haftplätze gibt es derzeit in Niedersachsen

Der Sprecher in Hannover betont, dass bei aller Isolation selbstverständlich die Rechte von Gefangenen beachtet werden: „Gespräche mit dem Verteidiger sind möglich.“ Berührungspunkte mit der „Außenwelt“ sollten aber so weit wie möglich reduziert werden, um das Virus nicht ins Gefängnis einziehen zu lassen. Bislang habe man keinen Infizierten. Erkranke jemand, werde er in Absprache mit dem zuständigen Gesundheitsamt isoliert. Aktuell gebe es gut 5800 Haftplätze in Niedersachsen, rund 4600 seien besetzt.

In Uelzen betreuen die Mitarbeiter 230 Gefangene, in Lüneburg weniger als 50. Dort gebe es – anders als in der Vergangenheit – keine Überbelegung. Gleiches gelte für den sogenannten offenen Vollzug am Brockwinkler Weg: Ein Dutzend Freigänger geht tagsüber einer Arbeit nach, bevor die Männer am Abend wieder eingeschlossen werden.

Auch für die Beamten gilt so viel Alltag wie möglich. Wie auch „draußen“ sollen sie Vorgaben zur Hygiene noch stärker beachten als sonst. Ihre Arbeitszeiten haben sich aber nicht geändert.

Von Carlo Eggeling