Donnerstag , 24. September 2020

Wer wird‘s?

Lüneburg. „Am besten wäre eine Frau, bekannt in Lüneburg, mit Leitungserfahrung in der Verwaltung“ – es ist ein nasskalter und stürmischer Sonnabend im vergangenen Dezember, als Alexander Schwake diese Worte am Infostand der CDU im Ilmenaugarten ausspricht. Der Vorsitzende des CDU-Stadtverbandes hat gerade die Frage gestellt bekommen, mit wem denn die Christdemokraten in den Lüneburger Oberbürgermeister-Wahlkampf ziehen könnten.

Die Frage ist für den CDU-Chef so ungemütlich wie das Wetter an diesem Nachmittag. Er bekommt sie nicht zum ersten Mal gestellt. Nur – eine Antwort hat er (noch) nicht. Doch nicht nur er. Seit Sommer sondieren die Spitzen der drei großen Parteien der Hansestadt eine Nachfolge für Ulrich Mädge. Doch fest steht derzeit nur eines: Der Sozialdemokrat kann im Herbst 2021 nicht mehr antreten. Mädge ist dann 71 Jahre alt, und Kandidatinnen und Kandidaten dürfen das 65. Lebensjahr noch nicht vollendet haben.

Die großen Parteien schauen insbesondere auf Frauen

Eine Kandidatin, die genau auf Schwakes Anforderungsprofil passt, steht im Ilmenaugarten kaum zwei Meter von ihm entfernt in seinem Rücken: Monika Scherf hat diese Frage nicht zum ersten Mal gestellt bekommen. Doch die 55-jährige Regierungsbeauftragte des Landes und ehemalige Kreisrätin lächelt dann meist, schüttelt mit dem Kopf und sagt etwas, was sich so deuten lässt, dass diese Option nicht sehr wahrscheinlich ist.

Bei SPD und Grünen ist die Situation nicht anders. Ein wirklicher Favorit schält sich nicht heraus. Allenfalls, dass alle durchaus eher Favoritinnen suchen.

Sozialdemokraten und Grüne wollen jedenfalls nach ihren vermasselten Landratswahlkämpfen im vorigen Jahr vieles besser machen. Die SPD will nicht mehr nur im kleinen Kreis Festlegungen für das Nominierungsverfahren treffen, die Grünen nicht mehr auf den letzten Drücker, sondern frühzeitig ins Kandidatenrennen gehen.

Doch so einfach ist es nicht. Eine Nachfolge hat Ulrich Mädge jedenfalls nicht aufgebaut – und wenn, hat er dies bislang geschickt verborgen. Der OB hinterlässt große Fußstapfen. Ende 2021 wird er 25 Jahre Chef der Verwaltung sein, zuvor war er bereits fünf Jahre ehrenamtliches Stadtoberhaupt. Der im Sternzeichen des Zwillings geborene Mädge bewältigt dabei ein Arbeitspensum, das auch zwei ausfüllen könnten.

Die Bezeichnung „ewiger Oberbürgermeister“ hört er nicht gerne, aber nahezu jeder in der Verwaltung dürfte von ihm eingestellt oder zumindest befördert worden sein. Lüneburger unter 40 Jahren haben praktisch keinen anderen Rathauschef bewusst kennengelernt.

Bewerber von außen haben es nicht nur deshalb schwer. Sie bräuchten Zeit, um sich überhaupt bekannt und mit der Stadt vertraut zu machen. Und wer kann sich das aus einer anderen verantwortungsvollen Position heraus schon erlauben? Es geht schließlich um etwas: 1350 Mitarbeiter, ein Etatvolumen von mehr als 550 Millionen Euro, die städtischen Gesellschaften nicht mitgerechnet. Gewählt wird 2021 nur noch für eine Amtszeit von fünf Jahren, eingestuft in der Besoldungsstufe B 7. Das bedeutet derzeit ein Grundgehalt von 10 078,23 Euro. Soviel bekommen auch der Landrat und die Bundestagsabgeordneten. Katholik Mädge führt und füllt das Amt aus, als sei es das schönste neben dem des Papstes. In jedem Fall ist es ein Spitzenjob.

Dass SPD, Grüne und CDU etwas ratlos bei der Suche sind, hat nicht nur etwas mit geeignetem Personal und der Suche nach dem richtigen Zeitpunkt für die Nominierung zu tun. Ein Ergebnis aus dem Jahr 2019 ist im politischen Lüneburg so eingeschlagen, dass der Donner bis heute nachhallt. Am 26. Mai beteiligten sich in der Stadt mehr als 65 Prozent bei der Europawahl. So viele wie noch nie.

Und es gab einen politischen Erdrutsch: Die Grünen holten mit 35,36 Prozent nahezu genauso viele Stimmen wie CDU (18,80 Prozent) und SPD (17,11 Prozent) zusammen. Zwei Wochen später gab es für die Stadt-CDU einen weiteren Dämpfer. In der Stichwahl zum Landrat verschlechterte sich ihr Kandidat Jens Böther um mehr als 2000 Stimmen zum Ergebnis der Hauptwahl. In der Hansestadt war der im gesamten Landkreis unterlegene SPD-Kokurrent Norbert Meyer deutlicher Sieger.

Die Wahl könnte für neue Bündnisse in der Stadt sorgen

Es spricht daher vieles dafür, dass die Parteien nicht nur intern sondieren, sondern auch untereinander auf Tuchfühlung gehen. Gibt es vielleicht eine von SPD und CDU gemeinsam getragene Persönlichkeit, um den Grünen Paroli bieten zu können? Verständigen sich Rot und Grün, die inhaltlich eigentlich viele Schnittmengen haben, oder entflammt das zuletzt stark abgekühlte Verhältnis von Grünen und CDU noch einmal, um die langjährige SPD-Dominanz in der Hansestadt zu brechen? Da kommt es neben Positionen auch auf Personen an.

Die LZ hat auf dieser Seite einmal die Chancen von sieben Frauen und fünf Männern beleuchtet, die bei der Suche durchaus in die engere Wahl kommen könnten. Nur eines steht zum Auftakt wohl fest: Wer 2021 erfolgreich sein will, muss 2020 die Weichen stellen.

Heiko Meyer (Foto: be)

Heiko Meyer (parteilos)

Deutschlandweit agierender Kaufmann, lokaler Gastronom, ehrenamtlicher Vorsitzender des Lüneburger City-Managements (LCM) – der 50-Jährige ist ein Tausendsassa. Politisch kommt der gebürtige Lüneburger mit vielen Kräften gut aus. Für die SPD sitzt der parteilose Schwiegersohn von Bürgermeister Eduard Kolle seit 2016 im Stadtrat, zuvor war er bereits bei der CDU schon mal als OB-Kandidat im Gespräch. Meyer könnte auch als unabhängiger Bewerber antreten. Er wäre insbesondere eine Option für das bürgerliche Lager.

 

Pia Steinrücke (Foto: t&w)

Pia Steinrücke (parteilos)

Sie ist die Senkrechtstarterin in der Stadtverwaltung. 2014 kam die studierte Sozialarbeiterin als Fachbereichsleiterin, ein Jahr später wurde sie bereits Dezernentin für Bildung, Jugend und Soziales. Steinrücke führt damit nicht nur ein 500-köpfiges Megaressort, unter ihrer fachlichen Verantwortung managte die Stadt die Flüchtlingswelle souverän. Für die 47-Jährige dürfte es auf der Karriereleiter noch weiter nach oben gehen. Ihr Vorteil: Sie kennt das Rathaus von innen. Politisch wäre sie eher eine rot-grüne Kandidatin.

 

Ulrich Blanck (Foto: t&w)

Ulrich Blanck (Bündnis 90/Grüne)

Fast sein halbes Leben ist der 50-Jährige inzwischen in der Lüneburger Kommunalpolitik aktiv. Seit Jahren schon gilt er als wichtiger Strippenzieher der grünen Stadtpolitik. Fraktionsvorsitzender ist Ulrich Blanck seit dieser Wahlperiode. Er war im Herbst 2016 ein wichtiger Architekt des sich aktuell auseinanderlebenden Jamaika-Bündnisses mit CDU und FDP. Der Grünen-Fraktionschef und der OB liefern sich im Rat so manches wortgewaltiges Duell. Dem politischen Kopf fehlt indes die Erfahrung in der Führung.

 

Sigrid Vossers (Foto: t&w)

Sigrid Vossers (parteilos)

Zieht es die Juristin vom Kreishaus ins Rathaus? Im vorigen Jahr hatte sich die 47-jährige Parteilose ins Rennen um die CDU-Landratskandidatur begeben, scheiterte aber letztlich an Jens Böther. Damals galt sie aber schon als heimliche Favoritin der Stadt-CDU. Vossers, die seit drei Jahren Kreisrätin in der Lüneburger Kreisverwaltung ist, zog im vorigen Sommer auch mit der ganzen Familie an die Ilmenau. Sie würde genau ins Profil des CDU-Stadtchefs passen und wäre auch ein Signal an die Grünen, die sie damals bei der Wahl als Kreisrätin unterstützt hatten.

 

Andrea Schröder-Ehlers (Foto: as)

Andrea Schröder-Ehlers (SPD)

Als Unterbezirks-Vorsitzende und Landtagsabgeordnete ist Andrea Schröder-Ehlers Lüneburgs ranghöchste SPD-Vertreterin. Bevor sie 2008 ins Landesparlament einzog, hat die 58-Jährige zehn Jahre als Fachbereichsleiterin im Rathaus die Bandbreite von Umwelt über Sicherheit bis Verkehr verantwortet. Insofern fällt unweigerlich ihr Name, wenn es um die Mädge-Nachfolge geht. Gleichwohl ist sie als Vorsitzende des Justizausschusses eng eingebunden in Hannover und Ende 2021 auch schon 60 Jahre alt.

 

Monika Scherf (Foto: us)

Monika Scherf (CDU)

Es gibt kaum eine Lüneburger Verwaltung, die Monika Scherf nicht kennt. Die 55-Jährige bekleidet seit 25 Jahren verantwortliche Positionen – zunächst bei der Bezirksregierung, dann bei zwei Kreisverwaltungen. Seit zwei Jahren unterstehen ihr als Landesbeauftragte für elf Landkreise 190 Mitarbeiter. 2014 verlor Scherf den Landratswahlkampf gegen Amtsinhaber Manfred Nahrstedt. Sie ist in Lüneburg bestens vernetzt und häufig präsent, wirkt aber derzeit so, dass sie sich in dieser Rolle äußerst wohlfühlt.

 

Ulf Reinhardt (Foto: phs)

Ulf Reinhardt (Bündnis 90/Grüne)

Von 0 auf 100 ging es für Ulf Reinhardt in der Stadtpolitik. Nur wenige Tage Mitglied, wurde er vor zwei Jahren bereits einer der beiden Sprecher des Grünen-Stadtverbands. Die Partei profitiert gerade in der Stadt vom politischen Trend und verzeichnet seitdem fast 50 Prozent neue Mitglieder. Reinhardt sorgt für neues Profil, jüngst mit einem mehrseitigen Papier zur Finanzpolitik. Der 51-Jährige übernimmt in diesem Jahr aber als neue Herausforderung die Aufgabe als geschäftsführender Vorstand der Lüneburger Wohnungsgenossenschaft.

 

Claudia Kalisch (Foto: t&w)

Claudia Kalisch (Bündnis 90/Grüne)

Die Reppenstedterin galt bereits im Vorjahr bei den Günen als heimliche Favortin für die Landratskandidatur. Doch Claudia Kalisch war damals gesundheitlich außer Gefecht gesetzt. Zudem musste die Betriebswirtin, die 2016 als unabhängige Kandidatin ins Amelinghausener Ratshaus einzog, noch ihre Samtgemeinde-Verwaltung neu ordnen. Dort wartet auf die 46-Jährige auch weiterhin viel Arbeit. Zudem wird auch dort 2021 gewählt. Daher gibt sich Kalisch reserviert, gleichwohl gilt sie als ambitioniert.

 

Peter Rowohlt (Foto: t&w)

Peter Rowohlt (SPD)

Der Embser ist in der Kommunalverwaltung ein Quereinsteiger. Der Bürgermeister der Samtgemeinde Ilmenau machte 2014 sein Hobby Kommunalpolitik zum Beruf. Führungserfahrungen hatte der 52-Jährige jedoch zuvor als Abteilungsleiter einer großen deutschen Krankenkasse durchaus sammeln können. Für die Landratswahl stand Rowohlt aus privaten Gründen nicht zur Verfügung. Beim OB-Posten dürfte dies ähnlich sein. Am gleichen Tag ist zudem auch die Samtgemeinde-Bürgermeisterwahl.

 

Thomas Maack (Foto: t& w)

Thomas Maack (SPD)

Was seine Präsenz auf Fotos angeht, reicht Thomas Maack fast an Ulrich Mädge heran. Der Adendorfer Bürgermeister bewegt sich oft und gerne auf dem Lüneburger Parkett. Seit dem Jahr 2011 leitet der 58-Jährige nunmehr die Verwaltung im Nachbarort und wurde erst im vorigen Jahr mit einem klaren Ergebnis bestätigt. Maack waren zuletzt auch Ambitionen für den Landratsposten nachgesagt worden. Da Manfred Nahrstedt jedoch lange gezögert hatte, vor Ablauf der Amtszeit in den Ruhestand zu gehen, entschied er sich für eine erneute Kandidatur in Adendorf.

 

Monika von Haaren (Foto: us)

Monika von Haaren (Bündnis 90/Grüne)

Sie wurde lange Zeit für höhere Aufgaben in Lüneburg gehandelt. Doch Monika von Haaren macht sich in der Hansestadt derzeit rar. Die 48-Jährige ist in ihrem Hauptberuf als Referentin für Bundes- und Europaangelegenheiten bei der Landesregierung voll eingespannt. Vor einem Jahr gab die Grüne daher nicht nur den Vorsitz des Wirtschaftsausschusses ab, sondern zog sich auch aus der Ratsarbeit zurück. Aus der zweiten Reihe und wegen ihrer beruflichen Belastungen dürfte sie kaum einen OB-Wahlkampf führen können.

 

Sonja Jamme (Foto Lippels)

Sonja Jamme (CDU)

Sie kam 2016 erstmals in den Stadrrat und gehört zu den auffälligsten aus der nächsten Generation in der Kommunalpolitik. Die 42-jährige Kulturwissenschaftlerin ist ambitioniert und vernetzt sich erkennbar in Stadt und Partei. Ihr Anlauf, auf der Niedersachsenliste der CDU ins Europaparlament einzuziehen, verlief im vergangenen Jahr weniger erfolgreich, war aber ein erstes Achtungszeichen. Wenn Sonja Jamme zur OB-Wahl antreten würde, wäre dies wohl auch in erster Linie eine Aufbaukandidatur für künftige Aufgaben.

Von Marc Rath