Freitag , 23. Oktober 2020
Transparente in den Fenstern rufen zu Solidarität auf. Foto: be

Kämpferisch im künstlichen Koma

Lüneburg. Hilfspakete sollen das künstliche Koma abmildern, in das die Wirtschaft versetzt wurde. Doch für manche Berufsgruppen sind sie nicht richtig adressiert. Zum Beispiel für die Heilmittelerbringer, wie Physiotherapeuten, Logopäden, Podologen und Ergotherapeuten genannt werden. Als Freiberufler greifen bei ihnen Garantien oder Haftungen nicht. Zudem haben sie nicht geschlossen. Doch viele Patienten bleiben aus Angst vor Ansteckung fern. Grund zum Resignieren? Nicht für Iris Prinke-Gosch, die am Sand eine Praxis für Krankengymnastik führt: „Es ist unfassbar, dass unsere Berufsgruppe in den Umbruchszeiten wieder erfahren darf, dass es keine Lobby für uns gibt. Seit Wochen werden wir hingehalten, Klarheit und Entscheidungen fehlen. Für mich heißt das: weiterhin aktiv bleiben!“

Wunsch nach mehr Hilfe aus der Politik

Ähnliche Töne hört man von Jens Lorbach, der in Häcklingen ein Therapiezentrum betreibt: „Ich kann das Gejammer nicht ab. Die Seuche ist für alle Branchen katastrophal. Jetzt muss man zunächst ergründen, was man selbst machen kann.“

Für Lorbach heißt das: Zurückstecken und informieren. „Ich habe alle meine Patienten an meine angestellten Physiotherapeuten abgegeben, werde wie ein Löwe um jeden einzelnen Arbeitsplatz kämpfen.“ Dabei wünscht er sich mehr Hilfestellung der Politik. „Für den März habe ich noch keine Kurzarbeit angemeldet.“ Falls das aber später doch mal nötig sei, würde er den Nettoverdienstverlust seiner Angestellten ausgleichen. „Aber hier wäre ein Zeichen der Politik sinnvoll, dass sie mir als Arbeitgeber dann bei den Sozialversicherungsbeiträgen entgegenkommt.“

Weil sowohl bei Ärzten als auch bei Patienten „große Verwirrung“ vorherrsche, ob die Heilberufler überhaupt noch arbeiteten, „wirft der Kopierer in unserem Büro seit drei Tagen Briefe an unsere Patienten aus. Darin informieren wir über unsere Situation, zeigen aber auch den Patienten, die nicht zu den extem Gefährdeten zählen, auf, dass eine Aufnahme ihrer Therapie jetzt auch ein Zeichen der Solidarität wäre.“

Eine Flut an Terminabsagen, obwohl weiter geöffnet ist

Entlassungen stehen für den Häcklinger nicht auf der Tagesordnung. „Schließlich ging es uns in den letzten Jahren auch nicht so schlecht.“ Die Auswirkungen der Absagenflut von Patienten erreichten die Physiotherapeuten erst im Frühsommer. „Und noch sind wir nach den Aussagen der Virologen noch nicht mal auf dem Berg.“ Insofern sei es für ihn derzeit unnötig, die 5000 Euro Zuschuss, die sein Betrieb mit zehn Vollbeschäftigten vom Land Niedersachsen kriegen würde, zu beantragen. Ebensowenig die 15.000 Euro, die ihm der Bund in Aussicht gestellt hat.

Österreichs Krankenkassen bieten den dortigen Physiotherapeuten derzeit Vorschüsse an. Ein Modell, das Jens Lorbach skeptisch sieht: „Um dieses Quasi-Darlehen wieder abzubezahlen, müsste die Arbeit nachgeholt werden. Aber die Arbeitswoche hat nur fünf Tage.“

Beim südlichen Nachbarn gefällt der Lüneburgerin Iris Prinke-Gosch hingegen, „dass unsere ganze Branche von Seiten der Kassen mehr Unterstützung bekommt.“ Hierzulande dränge sich eher das Gefühl auf, „dass wir ausgeklammert werden. Einerseits sind wir so wichtig, dass wir offen bleiben müssen, andererseits werden wir beim Aufspannen des Rettungsschirms für Ärzte und Kliniken vergessen.“ Schwer akzeptabel findet Prinke-Gosch, dass finanzstarke Konzerne wie Adidas, H & M und Deichmann ihre Miete aussetzten, Physiotherapiepraxen dieser Weg aber verschlossen sei. „Mein Vermieter hat mich an die NBank verwiesen. Da solle ich mir die Miete für ihn holen.“

So herausfordernd die Corona-Krise für die Heilberufler auch ist, zwei Erfahrungen möchte Jens Lorbach gerne in die Zeit danach mitnehmen: Zum einen „den schlagartigen Abbau bürokratischer Hürden, die wir seit Jahren angeprangert hatten. Jetzt legen fehlerhafte Rezepte nicht gleich die Therapie lahm und auch wir selbst dürfen sie verändern. Hoffentlich bleibt das so.“ Und zum anderen der besondere Teamgeist. „Ich muss jetzt oft schnell und unkonventionell entscheiden. Wie dennoch alle mitziehen, ist fabelhaft.“

Von Joachim Zießler