Dienstag , 22. September 2020
Spezialkräfte haben vor allem in Kaltenmoor, aber auch in anderen Stadtteilen Wohnungen von mutmaßlichen Dealern durchsucht. Kripochef Steffen Grimme sprach von einem empfindlichen Schlag gegen die Drogenszene. (Foto: ca)

Lückenschluss auf Drogenmarkt

Lüneburg. Das Geschäftsleben funktioniert ganz einfach: Bricht ein Händler in einem guten Markt weg, übernimmt die Konkurrenz das Geschäft. Von diesem Leitsatz der Marktwirtschaft gehen Ermittler aus, nachdem sie vor zwei Wochen einen Versorgungsweg der Lüneburger Drogenszene trockenlegten. 250 Beamte durchsuchten Wohnungen in der Stadt, sie nahmen neun Verdächtige fest, gegen immerhin fünf erließ das Amtsgericht Haftbefehle. Die Frage ist nun: Wer springt in die Lücke?

„Das Vakuum wird gefüllt“, sagt ein Beamter, der seit langem dabei ist. Sorge machen er und seine Kollegen sich, weil sie scharfe Waffen und eine schusssichere Weste gefunden haben: „Da bereitet man sich auf eine Auseinandersetzung vor.“ Nach LZ-Informationen sollen Ermittler zwei Szenarien für denkbar halten: Die Händler klären die Übernahme des Gebiets handfest oder die verschiedenen Familien und Gruppen klären die Übernahmen der Marktanteile friedlich. Denn eins scheint klar: Keiner hat Interesse daran, Szenen wie nach der Schießerei von Kaltenmoor vor zwei Jahren beziehungsweise ein paar Jahre zuvor am Klinikum zu erleben. Aufmerksamkeit stört das Geschäft.

Fahnder hatten Hauptverdächtigen bislang nicht auf dem Schirm

Die jetzt ins Visier geratene Gruppierung soll unter anderem für die Versorgung der Kundschaft im Clamartpark verantwortlich gewesen sein. Ein offenbar ertragreiches Feld. Bei der Durchsuchung des Hauses des Hauptverdächtigen fand die Spurensicherung nicht nur Kokain, sondern überall Bargeld. Selbst unter Teppichen sollen Scheine gelegen haben. Alles in allem gut 130 000 Euro. Dazu fast ein Kilo Kokain.

Fahnder wundern sich, denn den 33-Jährigen hatte man „bislang nicht auf dem Schirm gehabt“. Er habe unauffällig gelebt, kein großes Auto, kein Protzen.

Im Drogenkommissariat haben die Beamten monatelang ermittelt, bevor sie zuschlugen. Sie nutzten dabei auch die Erkenntnisse, die ihnen regelmäßige Überprüfungen der Szene brachten. Konsumenten und kleine Händler bleiben hängen, Namen und Stoff sind die Beute der Polizisten.
Die Klientel verteilt sich über die Stadt. Neben dem Clamart- und dem Wandrahmpark stehen die Junkies an der Johanniskirche, streifen über den Berge, treffen sich nahe der Herberge am Kalkberg. Anwohner berichten davon, wie ein Dealer inzwischen auf Zuruf seine Kunden mittels eines Elektro-Tretrollers versorgt. Vom einem „Drogen-Taxi“ weiß auch die Polizei.

Die Fahnder setzten sich ein Mosaik zusammen. Sie hatten die „Front-Dealer“ im Blick, blieben an ihnen dran, erkannten Strukturen. Sie sollen davon ausgehen, so heißt es aus Polizeikreisen, dass sie bis zu einer „mittleren Ebene“ vorgedrungen sind. Wer dann kommt? Das ist noch offen.

„Die Gegenseite hat gelernt“

Die Ermittler sind sich sicher, dass die entscheidenden Figuren auch Flüchtlinge für die Straße rekrutieren, arme Schlucker, oftmals selber abhängig: „Wenn die hops genommen werden, tut es nicht weh. Die wissen ja nicht viel, was sie erzählen könnten.“ Wenn sie überhaupt etwas sagen. „Die Jungs selber machen einen schnellen Euro und bekommen Drogen.“

Pillen, Marihuana, Heroin, Kokain – alles auf dem Lüneburger Markt zu bekommen. Reichlich. Drogenfahnder beobachten einen Preisverfall. Kostete das Gramm Koks vor zehn Jahren um die 80 Euro, ist es heute für 50 zu haben. Das weiße Pulver rieselt „aus jeder Ecke“. Selbst wenn der Zoll im Hamburger Hafen tonnenweise Kokain beschlagnahmt, seien keinerlei Lieferengpässe festzustellen. „Wenn wir so viel finden, was geht an uns vorbei?“, fragt einer, der das Geschäft seit langem beobachtet.

Doch an die Hintermänner kommen weder die Lüneburger noch ihre Hamburger Kollegen so richtig ran. Die Gegenseite habe gelernt.

Telefonüberwachung laufe ins Leere, weil Deals eben nicht am Hörer besprochen werden. „Was sollen wir machen, wenn einer nach Hamburg fährt und da jemanden trifft?“ Vor allem dürften verschiedene „Freunde“ von oben nach unten in der Lieferkette eine Rolle spielen.

An der Sucht hängt quasi eine kriminelle Warenwirtschaft. Denn wer den Stoff finanzieren will, ist für diverse Delikte „gut“: Einbrüche, Autos knacken. Den Ladendiebstahl haben einige Abhängige im vergangenen Jahr heruntergefahren. „Die Justiz greift schneller und härter durch“, hieß es, als Polizeichef Jens Eggersglüß und seine Kollegen Steffen Grimme und Roland Brauer jüngst die Kriminalitätsstatistik vorstellten: Die Szene klaut lieber Fahrräder, eben weil die Konsequenzen geringer ausfallen, wenn man erwischt wird. Auch hier geht es gut organisiert zu: Die gestohlenen Räder tauchen oftmals nicht wieder in der Region auf. Ebay fungiert sozusagen als Hehler. Die Polizei hat ab und an „Sammeltransporte“ gestoppt, die Drahtesel vermutlich zu Abnehmern bringen sollten.

Die Fahnder bleiben dran. Denn einen Versorgungsweg mögen die Polizisten empfindlich gestört haben, aber Auf der Hude machen sie sich keine Illusionen: Andere rücken nach.

Von Carlo Eggeling