Samstag , 24. Oktober 2020
Polizei und Hilfsorganisationen warnen vor Gefahren. Doch wie lässt sich Entspannung organisieren? (Foto: Adobe Stock)

Zu viel Nähe kann schnell aggressiv machen

Lüneburg. Die Polizei hat alljährlich mit dem Weihnachts-Phänomen zu kämpfen. Wenn an den Feiertagen Familien lange eng zusammen sind, steigen die Aggressionen – im Polizeibericht ist dann im schlimmsten Fall von häuslicher Gewalt die Rede. Eleonore Tatge leitet Auf der Hude das Präventionsteam. Die Hauptkommissarin und ihre Kollegin Kathrin Richter sehen die Gefahr, dass die Auswirkungen der Corona-Krise eben auch in Übergriffen enden könnten. Noch melden ihre Kollegen von der Wache allerdings nicht mehr entsprechende Einsätze als sonst.

Die Familie kann zum Tatort werden: Man könne mit den Kindern nicht auf Spielplätze gehen. Das ist anstrengend für Mädchen und Jungen, aber eben auch für Mütter und Väter. Zudem können Paare in Streit geraten, auch das kann für Kinder eine Belastung sein, wenn sie nicht wissen, ob die Eltern ihren Konflikt klären können.

Keine Entlastung für pflegende Angehörige

Wer kranke oder pflegebedürftige Angehörige betreut, ist möglicherweise auf sich gestellt. „Hilfsdienste kommen nicht oder Besuche sind nicht möglich“, umreißt Eleonore Tatge die Lage. Das bedeutet, dass es für Verwandte auch keine Entlastung und Pausen geben könne. Aus Gereiztheit könne Wut werden, denn mancher Demente verstehe nicht, wie anstrengend er für seine Betreuer sein kann: „Das kann in Gewalt umschlagen.“ Gleiches gelte für Pflege- und Seniorenheime. Auch dort könne zumeist kaum noch Besuch empfangen werden, das Personal sei ständig gefordert und im Zweifel überfordert. Neben Gesprächen mit Kollegen verweisen die Polizistinnen auf Hilfsangebote. Rufnummern finden Sie auf der Grafik und in der Info-Box.

Hilfsangebote in Lüneburg.

Das Lüneburger Frauenhaus bietet Frauen und ihren Kindern, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, Schutz und Beratung. „Wir gehen davon aus, dass die häusliche Gewalt noch zunehmen wird“, sagt Mitarbeiterin Mira Lambertz. Allerdings seien zurzeit alle Plätze belegt wie landesweit in vielen Einrichtungen. In Familien, in denen ein Streit schnell zu eskalieren drohe, spitze sich die Situation zu, weil sich das Leben nun oft in beengten Wohnverhältnissen abspiele. Das Telefon des Frauenhauses sei weiterhin rund um die Uhr besetzt, „in den vergangenen Tagen gab es vermehrt Anrufe“.

Dabei ging es nicht nur um die Beantwortung von sozialen und rechtlichen Fragen. „Wir merken, dass Frauen psychisch stärker belastet sind, weil Paare und Familien es nicht gewohnt sind, längere Zeit auf engerem Raum zu leben. Unser Tipp ist zum Beispiel: Gehen Sie raus mit den Kindern, unternehmen Sie etwas in der Natur.“

Auch der Weiße Ring macht auf das Problem aufmerksam. Ortsgruppenleiter Jürgen Schubbert, selber Polizist, weiß: „Häusliche Gewalt ist auch in ‚normalen‘ Zeiten in Deutschland alltäglich: Mehr als 140 000 Fälle wurden 2018 bei der Polizei angezeigt – statistisch wird demnach knapp alle vier Minuten ein Mensch Opfer von Gewalt in den privaten vier Wänden.“ Die Dunkelziffer liege deutlich höher. Die Befürchtung der bundesweit tätigen Organisation: „Wegen der Corona-Maßnahmen könnten es deutlich mehr Opfer werden.“

Tipps zum Runterfahren

Bevor die Lage eskaliert

Albrecht von Bülow ist Therapeut, er arbeitet bei der Ehe- und Lebensberatung, betreut zudem Gewalttäter. Der Experte gibt einige Ratschläge, die helfen können, Gewalt auch in der Familie angesichts der Corona-Krise zu vermeiden.

  • Corona nicht zum Dauerthema machen, sondern sich morgens und abends kurz und knapp informieren. Zu viel Bedrohliches könne eine Stimmung kippen lassen – in Depression und/oder Aggression.
  • Wird der innere Druck zu hoch, hilft reden auch per Telefon: Mit Freunden, Partnern oder Profis, Sorgentelefone sind geschaltet.
  • Absprachen helfen: Wer Kinder oder Senioren betreut, sollte sich abwechseln, sodass jeder die Chance hat, sich zu erholen. Steigen Aggressionen, mal eine halbe Stunde an die frische Luft gehen, um im doppelten Sinne durchzuatmen.
  • Wer Hilfe benötigt, erreicht die Ehe- und Lebensberatung am Montag, 30. März, von 8.30 bis 10.30 Uhr, und am Mittwoch, 1. April, von 15.30 und bis 17.30 Uhr unter (04131) 48898.

Von Carlo Eggeling und Antje Schäfer