Samstag , 24. Oktober 2020
Kicken im eigenen Garten statt Corona-Lagerkoller: Marina und Antoni versuchen, Papa Patrizio den Ball abzuluchsen. Mama Jagoda und Nesthäkchen Maja schauen gespannt zu. Foto: t&w

Mama muss mehr improvisieren

Lüneburg. Wenn die persönliche Freiheit eingeschränkt wird, kann das auf Dauer zum echten Härtetest werden. Mehr Zeit für die Familie, dieser Wunsch fast aller Mütter und Väter, erscheint plötzlich gar nicht mehr so rosarot, wenn sie von höherer Stelle verordnet ist und bei all der gemeinsamen Zeit so vieles verboten ist. Fast alles hat dicht, selbst Spielplätze sind gesperrt, der Kontakt zu Freunden ist weitestgehend eingeschränkt, selbst hinter dem Familienbesuch steht ein großes Fragezeichen. Was macht eine Familie mit drei Kindern den ganzen Tag? Droht da der baldige Lagerkoller? Die LZ hat Jagoda Ziolkowski und Patrizio Di Francesco mit ihren Kindern Antoni, Marina und Maja in Oedeme besucht.

Corona hat die gewohnte Alltagsstruktur ausgehebelt

Maja ist das Nesthäkchen. Die Zweijährige hat am lautesten protestiert, als sich die erste Allgemeinverfügung des Landkreises konkret auf den Alltag der Familie mit italienischen und polnischen Wurzeln auswirkte. Ihre Mama erzählt: „Sie hat anfangs überhaupt nicht verstanden, dass sie morgens jetzt nicht mehr in die Krippe gehen darf, um dort ihre Freundin Nora zu treffen. Es hat gedauert, bis sie sich daran gewöhnt hat.“ Antoni (7) und Marina (5) fiel es dagegen um Einiges leichter, ohne Schule und ohne Kita auszukommen. „Sie spielen viel und gut miteinander, können sich auch mal längere Zeit allein beschäftigen“, erzählt die Mutter. Maja dagegen braucht angesichts ihres Alters naturgemäß fast rund um die Uhr die Aufmerksamkeit ihrer Eltern.
Corona hat dem Alltag der Lüneburger die gewohnte Struktur genommen. Das fängt beim Job an. Jagoda Ziolkowski könnte im Moment auch dann nicht ihrem Beruf in gewohnter Weise nachgehen, wenn sie nicht auf ihre Kinder aufpassen müsste. Sie ist Lehrerin, unterrichtet am Gymnasium Salzhausen Französisch und Biologie und arbeitet nun – soweit es geht – von Zuhause aus. „Ich habe meinen Schülern ein Lernangebot zusammengestellt, sodass ich abends Aufgaben bekomme, die ich dann korrigiere“, erzählt die 38-Jährige. In den nächsten Tagen will sie aber womöglich doch mal in die Schule, das Biologiefach könnte mal wieder aufgeräumt werden.

Für ihren Mann ist Homeoffice schon Routine. Nur die Intensität hat sich durch Corona verändert. Bisher hat er an zwei Tagen pro Woche im heimischen Büro gearbeitet, jetzt eben an fünf. Der Schiffsbauingenieur arbeitet für ein Unternehmen, das Schiffe zertifiziert – „wie der TÜV“, beschreibt der 36-Jährige, der Bau- und Reparaturpläne für Maschinenanlagen prüft und genehmigt. „Jetzt machen wir fast alles per Videokonferenzen. Das hat durchaus Vorteile, die Arbeit ist viel effizienter geworden, als wenn wir immer zu den Werften fahren müssen und alles vor Ort machen.“ Um seinen Job macht er sich trotz der Pandemie keine Sorgen: „Wir haben immer genug Arbeit.“

Wenn Mama Yoga macht, ist die Jüngste jetzt dabei

Auch abseits des Berufs hat sich in den vergangenen Wochen einiges verändert für die Familie. „Wir gehen jetzt viel spazieren, sind noch mehr im Garten als sonst“, schildert die Mutter, die mehr improvisieren muss. „Morgens mache ich immer Yoga, da macht Maja jetzt schon mal mit.“ Damit ihr Sohn ohne Schule „nicht ganz wieder rauskommt“, achte sie darauf, dass er morgens wenigstens eine Stunde lang ein paar Aufgaben macht. Das komprimierte Familienleben, das derzeit weniger Freiräume für eigene Bedürfnisse lässt, empfindet sie dennoch nicht als große Belastung – im Gegenteil: „Es ist total entspannt, man kommt sogar zu Sachen, die sonst gern mal liegen bleiben. Ich habe gerade Fenster geputzt, Vorhänge gewaschen, den Gefrierschrank abgetaut, den Kühlschrank gründlich aufgeräumt, wir haben das Gemüsebeet im Garten vergrößert und das Spielzeug der Kinder, mit dem sie nicht mehr spielen, für den nächsten Flohmarkt aussortiert.“

Mit ihren Familien, die überwiegend in Italien und in NRW leben, halten Jagoda Ziolkowski und Patrizio Di Francesco gerade jetzt regen Kontakt. Und auch eine Tante aus Australien hat sich gerade gemeldet, um zu erfragen, wie es den Lüneburgern denn so geht. Und die konnte eine Parallele zu Deutschland berichten, Jagoda Ziolkowski verrät: „Sie hat erzählt, dass dort auch gerade das Toilettenpapier zur Neige geht.“

Karten- und Brettspiele, aber kein Schaukeln mehr

Für die Kinder hat die verordnete Familienzeit durchaus Vorteile. Schon morgens mit Lego bauen statt Rechnen in der Schule, noch häufiger Brett- und Kartenspiele mit den Eltern, viel draußen spielen bei herrlichem Frühlingswetter. Das eigene Haus mit Garten ist gerade jetzt Gold wert.

Doch es gibt auch Wermutstropfen. Mit Freunden und Nachbarskindern spielen, das geht nur noch höchst eingeschränkt bis gar nicht mehr. Für Maja sind die Rutsche und die Schaukel auf dem Spielplatz die Straße runter vorerst tabu. Kinderschwimmen, Kinderturnen, die Jugend-Fußballmannschaft – auf all das müssen die Geschwister für längere Zeit verzichten. Und dann hat die Mama auch noch was dagegen, wenn Antoni „am liebsten den ganzen Tag Fernseh gucken“ möchte. Doch wenn Papa dann mit raus in den Garten kommt und alle zusammen Fußball spielen, ist die Enttäuschung darüber schnell vergessen. Lagerkoller? Bei der Familie Ziolkowski/Di Francesco ist davon trotz aller Einschränkungen zumindest noch nichts zu spüren.

Von Alexander Hempelmann

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