Samstag , 26. September 2020
Am Donnerstagabend war auf der Homepage noch zu lesen, dass es "akute Serverprobleme" gibt. Am Morgen darauf ist von eingeschränkter Verfügbarkeit die Rede. Foto: Screenshot NBank-Homepage

Förderbank nicht erreichbar

Lüneburg. Mittel vom Bund und vom Land Niedersachsen, um Unternehmen, die wegen der Corona-Krise in Not geraten, stehen bereit. Das Problem: Bis Donnerstagabend war das Internetportal der niedersächsischen Förderbank NBank, über die die Unterstützung laufen soll, so überlastet, dass Anträge auf Förderung nicht gestellt werden können. Seit Freitagmorgen ist auf der Homepage zu lesen, dass das Kundenportal nur eingeschränkt verfügbar sei. „Um die Funktionsfähigkeit des Portals zu gewährleisten, haben wir den Zugang auf eine Anzahl an maximalen Nutzern eingeschränkt.“

Scharfe Kritik an dem Missstand kam von Detlev Schulz-Hendel, Lüneburger Abgeordneter im Landtag und dort wirtschaftspolitischer Sprecher der Grünen: „Bei mir steht das Telefon nicht mehr still.“ Und weiter: „Wir haben Rückmeldungen von vielen betroffenen Unternehmen auch aus der Region Lüneburg, dass sie seit rund 20 Stunden, teilweise die ganze Nacht, ohne Erfolg versuchen, ihre Anträge auf Soforthilfen zu stellen. Wir als Grüne fordern deshalb schnelle Informationen und Abhilfe durch NBank und Landesregierung, unter anderem durch unbürokratischen Vorschüsse oder Einmalzahlungen.“

Nur eine bestimmte Anzahl Nutzer hat als Folge der Überlastung Zugang

Wie dringend die Hilfe für die Wirtschaft nötig ist, wissen vor Ort die Industrie- und Handelskammer (IHK) Lüneburg-Wolfsburg und die Handwerkskammer (HWK) Braunschweig-Lüneburg-Stade nur zu gut. Die IHK vertritt 65 000 Betriebe in Nordostniedersachsen, die HWK ist Interessenvertreter von 28.000 Unternehmen. Beide Kammern bieten auf ihren Internetseiten umfangreiche Informationen für ihre Mitglieder an, beraten bei Bedarf telefonisch.

Die Umsatzeinbrüche in zahlreichen Betrieben seien dramatisch, sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Michael Zeinert: „Aus einer zwei Wochen alten Umfrage wissen wir, dass schon damals mehr als die Hälfte der Mitgliedsunternehmen mit Umsatzrückgängen von mehr als zehn Prozent aufs Jahr rechneten. Das dürfte sich inzwischen noch deutlich dramatischer darstellen. Für genaue Zahlen ist es aber noch zu früh. Von Steuerberatern wissen wir, dass diese zurzeit für viele Mandanten die Gewerbesteuervorauszahlungen auf null korrigieren lassen. Zahlreiche Unternehmen gehen also schon jetzt davon aus, dass sie in diesem Jahr keine Gewinne machen werden.“

„Die Corona-Krise erfasst das Handwerk immer stärker.“ – Eckard Sudmeyer, Handwerkskammer

Zeinert über die angekündigten Bundeshilfen: „Der Bund hat äußerst schnell auf die Herausforderung der Corona-Krise reagiert. Das ist gut, denn es kommt jetzt auf jeden Tag an. Wir bewerten positiv, dass das Paket sehr umfangreich ist und für die sehr unterschiedlichen Anforderungen auch verschiedene Lösungen bietet. Die große Frage ist aber, wie schnell und unbürokratisch die Hilfen nun ankommen.“

Für die Situation des Handwerks hatte Eckhard Sudmeyer, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Braunschweig-Lüneburg-Stade, schon vor den Beschlüssen von Bund und Land deutliche Worte gefunden: „Die Corona-Krise erfasst das Handwerk immer stärker. Für einige Handwerksbetriebe wird die Situation zunehmend kritisch. Kunden bleiben weg, Aufträge werden storniert, Mitarbeiter melden sich krank.“ Viele Firmen seien existenziell gefährdet, weil Umsätze einbrechen und Lieferengpässe entstehen.

Zum Notpaket des Bundes erklärte Sudmeyer: „Das Hilfspaket zeigt den politischen Willen, in dieser Extremsituation alles zu tun, um die kleinen und mittelständischen Betriebe mit ihrer Vielzahl an Arbeitsplätzen über die Krise hinweg zu retten. Bleibt zu hoffen, dass die Hilfen nun auch schnell und unbürokratisch ankommen.“

Von Ingo Petersen

 

Hier lesen Sie vier Geschichten von Betroffenen: 

„Angst bringt nichts“

Patricia Grimm. Foto: t&w

Patricia Grimm hat viele Jobs: Sie unterrichtet Yoga, bietet Mitarbeitern von Unternehmen Bewegungspausen am Arbeitsplatz an, schult ältere Menschen in Seniorenheimen in Entspannung und Körperwahrnehmung. Und dann kocht sie auch noch auf Teilzeit in einem Lüneburger Café. Gerade kann die Sport- und Gymnastiklehrerin nichts von all dem tun. Der Grund? Corona. Für ihren Teilzeitjob konnte sie für die Monate März und April Kurzarbeit beantragen, 300 Euro bleiben ihr aktuell zum Leben. Aber immerhin wurde sie nicht gekündigt und ist weiter versichert – in der Krise. Der Typ Mensch, der in Selbstmitleid zerfließt und den Kopf in den Sand steckt, ist Patricia Grimm nicht. „Es nützt ja nichts. Ich versuche, das zu akzeptieren, mich nicht von der Panik anstecken zu lassen. Angst bringt einen nicht weiter“, sagt sie, die sich nicht alleine auf weiter Flur sieht. „Mein Partner und meine Familie unterstützen mich.“ Die Lüneburgerin erfährt viel Entgegenkommen zurzeit. So hat ihr Vermieter ihr für den Monat April die Miete für ihr Studio erlassen, in dem sie Yogakurse gibt und die Bewegungspausen anbietet. „Das hat mir sehr geholfen.“ Gleichwohl weiß die selbstständige Kleinunternehmerin, „dass der April hart wird.“ Den halben März konnte sie noch arbeiten. Sie wird nun dem Finanzamt schreiben und mitteilen, dass sie auf die nächste Vorauszahlung der Einkommenssteuer verzichten möchte. Die wäre im Juni fällig. Dass sie Anrecht auf Arbeitslosengeld II hat, weiß Patricia Grimm inzwischen. Sie hat mit dem Jobcenter telefoniert und sich die Anträge zuschicken lassen. Einen Zuschuss als Solo-Selbstständige in Höhe von vermutlich 2000 bis 3000 Euro erhält sie außerdem von Land und Bund, das ist das Ergebnis des Corona-Notpakets, das die Bundesregierung jetzt geschnürt hat. „Dafür muss ich einen Antrag bei der IHK stellen, das läuft dann über die NBank.“ ap

Der Faktor Zeit

Julia Knirr. Foto: Quardon

„Wir haben 50 Prozent weniger Patienten.“ Julia Knirr ist selbstständig, in ihrer Praxis in Adendorf arbeiten fünf weitere Physiotherapeutinnen und eine Empfangsdame. Um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, darf das Team nur noch medizinisch notwendige Behandlungen durchführen. Entsprechend reglementiert seien auch die Ärzte bei der Ausstellung der Rezepte, sagt Knirr. Dass aber auch so viele Langzeitpatienten nicht mehr kommen, hat einen anderen Grund. „Wir behandeln viele Risikopatienten über 65 und viele chronisch Kranke, sie kommen nicht mehr, weil sie Angst haben, sich anzustecken“, sagt die Brietlingerin, die vor einer Woche die Notbremse gezogen hat, um die Arbeitsplätze ihres Teams und ihren eigenen über die Krise hinweg zu retten: Sie hat sich dazu entschieden, Kurzarbeit anzumelden. Für die Anträge musste sie sich die Zahlen sehr genau anschauen. Füllen alle Therapeuten in einer „normalen Woche“ gemeinsam 187 Stunden, sind es jetzt 15 bis 20 Stunden, auf die ein Mitarbeiter pro Woche kommt, rechnet sie vor. „Ich hatte am Montag vier Patienten, sonst sind es 15.“ Für die Kurzarbeit müssen die Physiotherapeuten ihre Arbeitszeit genau dokumentieren. Fallen in einer regulären 38-Stunden-Woche also 15 Stunden Arbeit an, werden diese von der Chefin vergütet. Die Differenz, den Arbeitsausfall also, zahlt das Arbeitsamt – allerdings nicht die volle Summe, sondern 60 Prozent davon. Diese Summe wird der Praxisinhaberin erstattet. „Ich muss aber in Vorleistung gehen, die Gehälter erstmal regulär überweisen.“ Julia Knirr ist dankbar für die Möglichkeit, auf Kurzarbeit umzustellen, könnte sie doch mit dem aktuellen Umsatz gerade mal zwei Leute beschäftigen. Der Faktor Zeit ist in ihrer Branche ein ganz entscheidender: Sollten die Patienten im Mai langsam zurückkehren, dauert es drei bis vier Wochen, bis etwa ein Rezept mit sechs Behandlungen abgearbeitet ist. „Dann mache ich die Abrechnungen und reiche sie ein. Und dann dauert es nochmal zwei bis vier Wochen bis die Krankenkassen auch zahlen. Bis zum Juli müssen wir also irgendwie klar kommen.“ ap

„Es geht nur um Geld“

Anna Schwemmer. Foto: t&w

Eine größere Geschichte über Anna Schwemmer war Ende Oktober in der Mutmacher-Sonderausgabe der LZ zu lesen. Der Mut und die Zuversicht haben die Gesangslehrerin und Chorleiterin aber auch jetzt nicht verlassen. Auch wenn es allen Grund dazu gäbe: Fast alle beruflichen Termine musste sie absagen, das Virus hat die Einnahmen der Solo-Unternehmerin schlagartig halbiert. Trotzdem sagt sie: „Ich verzweifele nicht.“ Komplett weggebrochen ist zum Beispiel die Musical-Produktion „Just So“, eine Kooperation der Musikschule mit dem Theater Lüneburg. Keinen Cent verdient die 54-Jährige in diesem und im nächsten Monat mit ihrem „Vokalatelier“, das sie Anfang des Jahres eröffnet hat. Die Miete muss sie aber trotzdem zahlen – jetzt aus ihren Ersparnissen. Unterricht an der Musikschule kann sie natürlich auch nicht mehr geben: „Für diesen Monat habe ich mein Gehalt noch bekommen. Wie es weitergeht, weiß ich aber nicht.“ Anna Schwemmer hofft, dass Mitte April wieder etwas Normalität einkehrt: „Doch wenn ich ganz realistisch bin, glaube ich nicht daran.“ Drei bis vier Monate könnte sie wohl überbrücken, „dann wird‘s eng“, sagt die Mutter von drei Kindern. Und schaltet im selben Moment wieder in den Mutmacher-Modus um: „Aber im Moment geht‘s nur um Geld. Wir sind gesund. Das ist die Hauptsache. Ich lasse mich nicht verrückt machen.“ Anna Schwemmer stellt sich darauf ein, nach der Krise „doppelt so viel zu arbeiten und so meinen Schuldenberg abzutragen“. Hoffnung macht der Gesangslehrerin auch die Aussicht auf staatliche Finanzhilfen für Solo-Unternehmerinnen wie sie. Was sie sich von der Politik wünscht? „Unkomplizierte Verfahren für die Beantragung solcher Hilfspakete.“ Und dass die Wege, Unterstützung zu bekommen, besser kommuniziert werden. Um sich nicht anzustecken und nach der Corona-Krise wieder durchstarten zu können, sei sie „extrem vorsichtig“, sagt Anna Schwemmer: „Wir bleiben komplett unter uns, treffen niemanden. Ich kaufe nur noch alle zwei bis drei Tage ein, halte sehr viel Abstand und wasche oft die Hände.“ bol

„Die Lage ist katastrophal“

Ute Westedt. Foto t&w

Seit 20 Jahren arbeitet Ute Westedt als selbstständige Kunsthandwerkerin und Restauratorin. Leicht gewesen sei das nie. „Ich habe mich immer irgendwie am Leben halten können“, sagt Westedt. Rücklagen hat sie nicht. Die Corona-Krise trifft sie hart: Einen Großteil ihrer Einkünfte machen Kunsthandwerkermärkte aus, so war sie zum Beispiel stets bei der Kulturellen Landpartie im Wendland vertreten. Alles abgesagt. Besonders bitter: „Mir fehlen nicht nur die Einnahmen aus den Märkten selbst, bislang steht sogar in den Sternen, ob wir die Standgebühren überhaupt zurückbekommen.“ Gerade arbeitet sie noch einen Auftrag ab, „aber spätestens ab Mai ist hier Schluss. Unklar ist auch, ob meine Kunden in dieser Situation zahlen können. Darüber mag ich noch gar nicht nachdenken.“ Westedts Auftraggeber sind unter anderem Kommunen. „Aber auch die werden jetzt sparen müssen“, mutmaßt sie. Westedt ist alleinerziehend, hat eine 18-jährige Tochter. Der Vater ihrer Tochter zahlt Unterhalt, sie bekommt Kindergeld, doch das reicht nicht, um einen Zwei-Personen-Haushalt zu ernähren. Ute Westedt stellt sich darauf ein, jetzt Hartz IV-Anträge ausfüllen zu müssen. „Glücklich bin ich damit nicht, aber meine Lage ist katastrophal.“ Freunde haben Westedt angeboten, ihr Geld zu leihen, eine nette Geste, doch das sei ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Soforthilfe-Formulare hat sie noch nicht, die Internetseite der Bundesregierung bricht bei dem großen Ansturm immer wieder zusammen. Ohnehin befürchtet Ute Westedt von Miethilfen nicht profitieren zu können, weil sie keine separaten Gewerberäume hat. Den Kopf hängen lassen will sie aber nicht: „Ich bin dankbar, dass es überhaupt Hilfen gibt. Irgendwie schaffen wir das. Ich bin schon immer alleinerziehend und selbstständig gewesen. Wenn ich nach Italien oder Spanien schaue, will ich mich nicht beschweren. Ein Glück sind wir gesund.“ ls