Dienstag , 29. September 2020
Fleißarbeit am Laptop: Viele Stunden brachte Eva Pankoke damit zu, die Dutzenden eingesandten Chorstimmen übereinander zu legen. Foto: privat

Der Quarantäne-Chor des Johanneums

Lüneburg. Daniel Kruse weiß schon genau, was er heute machen wird: „Einen langen Spaziergang und einkaufen“, sagt der Fachobmann Sport des Johanneums lachend. Doch das Lüneburg, durch das der Lehrer nach Aufhebung der Quarantäne spazieren will, ist ein komplett anderes als vor dem Beginn der Isolierung vor knapp zwei Wochen. Ein Restaurant wird Kruse nicht mehr besuchen, sich nicht mehr mit Freunden in der Stadt treffen können – und in einen Supermarkt kommt er ohne Einkaufswagen nicht mehr hinein.

Vom 14. März bis Mittwoch dieser Woche waren 1100 Schüler und rund 100 Lehrkräfte sowie Mitarbeiter des Gymnasiums unter Quarantäne, weil ein Lehrer an Corona erkrankt war – eine im Landkreis Lüneburg bislang einmalige Maßnahme. Für die Betroffenen war das eine schwierige Zeit, doch sie haben die Tage auch genutzt, um das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken.

Musiklehrerin Eva Pankoke gab den Anstoß

Wenn sich Schüler und Belegschaft irgendwann im April oder Mai wieder in ihrer Einrichtung treffen, dann haben sie unter anderem einen Quarantäne-Chor – eine Singgemeinschaft, die entstand, als jeder für sich allein zu Hause bleiben musste. Es ist ein Chor, von dem es (noch) kein Gruppenbild gibt. Wie denn auch, schließlich sangen die Mitglieder über den gesamten Landkreis verteilt. Und jetzt sind größere Menschenansammlungen ohnehin verboten.

Die Idee zu dem Chor hatte Musiklehrerin Eva Pankoke. Per E-Mail und über das digitale Aufgabenmodul schickte sie eine Nachricht an alle Angehörigen der Schulgemeinschaft. „Wir produzieren gemeinsam den JoJo-Quarantäne-Song!“ schlug sie darin vor. Als Melodie wählte die Pädagogin das Lied „Auf uns“ von Andreas Bourani und versah diesen mit einem eigenen Text. „Wer sperrt uns in diesem Moment ein, schräger kann es nicht sein/denkt an die Tage, die hinter uns liegen/wie lange wir Freude und Tränen schon teilen“, heißt es da, und weiter: „Doch schaut nur, was hier grad passiert/ich hab‘s noch nicht so ganz kapiert/wir bleiben alle schön zu Haus/und gehen nicht raus.“

Die Musik samt Text schickte Eva Pankoke an die gesamte Quarantäne-Gemeinschaft und forderte sie auf, zur Musik ebenfalls zu singen und dies mit dem Mobiltelefon aufzunehmen. Die zurückgesandten Dateien arbeitete sie mit ihrem Kollegen Marco Rossow mit ein und schnitt sie übereinander, so dass ein vielstimmiger Chor entstand.

Lehrer drehen Videos mit Sport-Übungen

Schon nach zwei Tagen hatte sie 50 Chorstimmen gesammelt, ein erstes Ergebnis schickte sie erneut in die Runde – daraufhin stimmten nochmals mehrere Dutzend Schüler, Lehrer und Mitarbeiter in den Gesang mit ein. Die Kreativität kannte dabei kaum Grenzen: „Manche schickten akustische Versionen mit Musikinstrumenten“, schildert die Musiklehrerin. Und wer weiß – vielleicht gibt es ja einen Live-Auftritt, wenn dies denn wieder erlaubt ist.

Kathrin Horstmann zeigt Übungen im eigenen Garten, die per Video an alle Johanneum-Schüler und Lehrer gehen. Foto: privat

Der Quarantäne-Chor blieb nicht das einzige Angebot, mit dem sich die Schüler und Belegschaft während der Quarantäne die Zeit vertreiben konnten – so hatten sich die Lehrkräfte Kathrin Horstmann und Daniel Kruse dem Thema körperliche Fitness verschrieben. Getrennt voneinander entwickelten die beiden ein Video, in dem zum einen die Sportlehrerin diverse Übungen vorführte, die im heimischen Wohnzimmer leicht mitgeturnt werden können. „Sich selbst dabei mit dem Handy aufzunehmen, ist dabei nicht immer einfach“, erzählt Horstmann. Daniel Kruse, Fachobmann für Sport am Johanneum, unterlegte das Video mit Bildern wie der leeren Sporthalle oder auch dem Schulgebäude. Über rund 1000 Aufrufe konnten die beiden sich freuen, dazu auch eine große Resonanz per E-Mail. Manche Schüler hatten sich sogar ergänzende Übungen für das nächste Video ausgedacht.

Aktionen, die zeigen, wie lebendig eine Schulgemeinschaft auch in Zeiten der räumlichen Trennung sein kann, freut sich Rektorin Ulrike Lindemann. Letztlich aber sei man auch erleichtert, dass die Quarantäne nunmehr vorbei ist.

Von Thomas Mitzlaff