Samstag , 31. Oktober 2020
Anna und Christian Spiegler sitzen mit ihren Kindern in Afrika fest. Ein Forschungsstipendium hatte sie dorthin verschlagen. Foto: privat

Gestrandet in Namibia

Lüneburg. Es klang wie eine große Chance und ein spannendes Abenteuer zugleich: Für zwei Monate wollte die Lüneburgerin Anna Spiegler im Rahmen eines Forschungsstipendiums nach Namibia reisen, ihre Familie nahm sie mit. Doch wenig später veränderte die Corona-Krise die Welt und machte alle Versuche, vorzeitig wieder nach Hause zu kommen, zunichte – jetzt hoffen Anna (33), ihr Mann Christian (32) sowie die Söhne Noah (4) und Levi (1), dass sie von der Bundesregierung zurückgeholt werden.

„Tschüss, wir sind dann mal weg.“ Als Anna Spiegler in ihrem Namibia-Blog am 25. Februar diese sechs Worte schrieb, hätte sie sich nie ausmalen können, welch dramatische Wende ihre Afrikareise kurze Zeit später nehmen würde. Im Rahmen ihrer Promotion an der Fakultät für Nachhaltigkeit an der Leuphana hatte sie ein YEES-Forschungsstipendium erhalten. Ihr Mann nahm zwei Monate Elternzeit und kam mit, um die beiden Kinder zu betreuen – auch wenn ihm dies als angehender Wirtschaftsprüfer viel Ärger in seiner Hamburger Kanzlei einbrachte.

Regierung erklärt Ausnahmezustand

YEES will afrikanische und deutsche Forscher vernetzen und interkulturellen Austausch fördern. „Wir sind so happy, Teil davon zu sein.“, schreibt Anna in den ersten Tagen. Die gestalten sich ebenso vielseitig wie aufregend: Auf dem Tagesprogramm stehen mal kulturelle Erlebnisse, mal Geschichte, mal Kultur – und viele menschliche Begegnungen. So heißt es noch am 9. März im Blog: „Heute fuhren wir zu einer Farm, die sich seit 1898 in deutschem Familienbesitz befindet. Diese Farm, Krumhuk, liegt rund 20 km südlich von Windhoek in der Khomas Hochlandsavanne, ist 8000 ha groß und gibt, inkl. Kindern, 80 Personen ein Zuhause – und eine Arbeit. Die älteste Tochter (9) des Farmersohnes führte uns über den Hof, der fast ein eigenes Dorf ist: es gibt eine Schmiede, eine Werkstatt, eine Metzgerei, eine Bäckerei, eine Molkerei, ein riesiges Gemüsezelt, eine Kapelle, einen Kräuter- und einen Kindergarten. Wir durften mit der Familie und den Feriengästen zu Mittag essen und hatten ein langes Gespräch mit dem Farmerssohn.“

Am 15. März dann die Wende: In Namibia werden die ersten drei Corona-Fälle bestätigt. Die Familie verlegt sofort den Rückflug vom 18. April auf den 21. März. Kurze Zeit später spitzt sich die Lage dramatisch zu: Namibias Regierung erklärt den Ausnahmezustand. Eigentlich sollte der Rückflug über Südafrika nach Europa gehen. „Aber am Abend vor unserer Abreise wurde der Transitbereich in Johannisburg für Bürger aus stark von Corona betroffenen Ländern wie Deutschland gesperrt“, schildert Anna Spiegler. Anfrage bei den Fluggesellschaften KLM und Air Namibia bleiben unbeantwortet.

Quarantäne im Paradies

Die vier treten daraufhin den ersten Teil der Reise nach Südafrika nicht an, um nicht mit zwei kleinen Kindern im Johannisburger Flughafen zu stranden. Zwei Tage später teilt KLM mit, dass die Spieglers hätten mitfliegen können… In den Folgetagen wird der Flugplan gehörig durcheinander gewirbelt, letztlich stranden die Spieglers in Namibia.

„Wir stehen nun auf der Liste des Rückholprogramms sowie der Krisenvorsorgeliste des Auswärtigen Amtes und rechnen mit einer Rückholung in zwei Wochen“, schreiben die Lüneburger. Zuerst seien Bürger aus kritischeren Länder wie Spanien an der Reihe, in denen es viele Coronafälle gibt oder die in absehbarer Zeit nicht mehr zurückgeholt werden können, da eine Luftraumsperrung ansteht. Ihren Mut hat die Familie nicht verloren: „Wir haben uns gut mit der Situation abgefunden, fühlen uns im Land selbst nach wie vor sicher und genießen nun die Zeit hier. Schließlich sitzen wir in Quarantäne im absoluten Paradies. Könnte uns schlimmer treffen!“

Von Thomas Mitzlaff