Montag , 19. Oktober 2020
Stefan Eschen liebt seinen Job. Im Augenblick geht er seiner Arbeit aber mit einer Mischung aus Freude und Sorge nach. Foto: Michael Behns

Die Bagger rollen trotzdem

Lüneburg. Donnerstagmorgen auf der Großbaustelle der Salztherme Lüneburg (SaLü): Drei Fliesenleger sitzen auf umgedrehten Farbeimern in der Sauna – oder jenem nackten Raum, der einmal Sauna werden soll. Zeit für ein Frühstück. Eigentlich ist alles wie immer an diesem Tag. Eigentlich. Zwischen den Dreien klafft eine Lücke: Abstand halten ist angesagt. „Der Chef wollte auch Handschuhe und Masken besorgen, hat er aber nicht gekriegt“, erzählt Sven Dittrich. Kollektives Schulterzucken. Arbeiten wollen die Bauarbeiter trotz Corona-Krise.

Die Bauwirtschaft ist weit weniger von den Einschränkungen der Krise betroffen, als andere Branchen – aufgrund der besonderen Arbeitsbedingungen mit viel Platz im Freien und der anhaltend hohen Nachfrage, heißt es von der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU). Dementsprechend gehe die Arbeit auf den meisten Baustellen unverändert weiter. „Mehr als schon zuvor zeigt sich die Baubranche damit als Stabilitätsanker der deutschen Konjunktur.“ Auch in Lüneburg herrscht hinter den Bauzäunen noch Hochbetrieb.

Krankschreiben lassen kommt nicht infrage

„Eigentlich müsstest Du zu Hause bleiben“, sagt Fliesenleger Dittrich zu seinem Kollegen Eckhard Bich. Der nickt: „Eigentlich schon.“ Seine Frau hat Krebs. „Aber in der Praxis ist zu Hause bleiben nicht umsetzbar“, meint der Baustellenmitarbeiter aus Sachsen-Anhalt. „Da müsste ich mich ja krankschreiben lassen.“ Und das komme nicht infrage. Unter der Woche teilen sich die drei Männer einen Firmenwagen, leben zusammen, arbeiten zusammen. Auf der Baustelle fühlen sie sich einigermaßen sicher: „Wir kommen ja so mit anderen Menschen gar nicht in Berührung.“ Einkaufen sei anstrengender.

Rund 30 Leute arbeiten derzeit auf der Baustelle „Badewelt“ des SaLü, sieben Firmen aus ganz Deutschland sind beteiligt. Noch im April soll der Rohbau stehen, für das Frühjahr 2021 ist die Eröffnung geplant. Doch wie lange werden die Bauunternehmen ihre Mitarbeiter noch nach draußen schicken? „Das ist die letzte Frage, bevor ich ins Bett gehe und die erste, wenn ich morgens aufstehe“, verrät Dirk Günther, Geschäftsführer der Kurzentrum Lüneburg Kurmittel GmbH. „Wenn ein Fliesenleger oder eine Sanitärfirma den Dienst einstellt, bin ich gespannt, wie es weitergeht.“

Formalitäten werden am Telefon geregelt

Derweil rollen die Bagger auch über die Bardowicker Straße. Schöner und sicherer soll sie werden. „Es ist eigentlich alles wie immer. Wir sind froh, dass wir Arbeit haben“, sagt Vorarbeiter Eduard Schilling. Auch hier sollen sich die Mitarbeiter nicht zu nah kommen – in der Praxis sei das aber manchmal kaum möglich. Beim Setzen der Kantsteine etwa sind mehrere Augen und Hände gleichzeitig gefragt. Schilling macht sich Sorgen, dass es bald schwierig werden könnte, Material zu beschaffen, wenn die Zulieferer ihren Dienst einstellen sollten.

Sein Chef Thomas Kroll von der gleichnamigen Tief- und Straßenbaufirma teilt diese Sorge nicht. Derzeit liefen die Firmen auf „Notprogramm“. Formalitäten würden am Telefon geregelt, die Waren draußen auf die Lkws geladen. „Solange die in Betrieb sind, habe ich keine Probleme.“ Von Problemen bei der Beschaffung von Beton, Stein oder Fliesen hat auch Dirk Günther noch nichts gehört – im Gegenteil: „Teilweise ist Material sogar besser zu kriegen“, vermutlich, weil die Nachfrage in Zeiten von Corona nicht mehr so stark sei.

Nicht mehr als drei Personen dürfen zeitgleich in Container

Vier Baustellen in der Region betreut das Unternehmen von Thomas Kroll derzeit, noch seien alle Mitarbeiter gesund. Sie haben sich an einige neue Regeln zu halten: In den Mannschaftscontainern dürfen sich nicht mehr als drei Personen aufhalten. Dasselbe gilt für die morgendliche Fahrt zur Baustelle in den fir-meneigenen Siebensitzern.

IG BAU-Bundesvorstandsmitglied Carsten Burckhardt rief zuletzt in einer Pressemitteilung die Baubetriebe dazu auf, umfassenden Schutz für die Beschäftigten zu gewährleisten. „Die Praxis, Kollegen in Kleinbussen gemeinsam auf die Baustelle zu fahren, muss geändert werden. Wir fordern, dass ab sofort jeder mit dem eigenen Auto fahren kann und ihm dafür die entsprechenden Kilometerpauschalen gezahlt werden.“ Weiter heißt es: „Etwaige Lohn-Ausfälle in Folge der Pandemiepläne sind vom jeweiligen Arbeitgeber zu tragen und es ist eine Selbstverständlichkeit, dass die Betriebschefs auf besonders belastete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, etwa aus Risikogruppen, Rücksicht nehmen.“

Einer davon ist Stefan Eschen. Der 57-Jährige ist Bauarbeiter aus Leidenschaft, hat aber fünf Jahre aufgrund einer Tuberkuloseerkrankung aussetzen müssen. „Da ist mir die Decke auf den Kopf gefallen“, erzählt er. Gerade begradigt er mit einem Spaten den Sand für die neuen Gehwegplatten in der Innenstadt – mit einer Mischung aus Freude und Sorge. „Die Tuberkulose hat fast meine Lunge aufgefressen.“ Dementsprechend empfindlich sei sie jetzt. Mit einem Mundschutz könne er nicht atmen, auf die Arbeit verzichten aber genauso wenig. Die Bagger rollen weiter über die Baustellen – und niemand weiß, wie lange noch.

Von Anna Petersen