Donnerstag , 1. Oktober 2020
Das Ehepaar Dorothea Noordveld-Lorenz und Diederik Noordveld von Lüneburgs St. Johannis wechseln sich ab, wer von beiden das Video aufnimmt und wer die Andacht spricht. Foto: geo

Gott kommt übers Internet

Lüneburg. Sonntag 10.05 Uhr in Lüneburg: Zu dieser Zeit sind die Kirchenglocken eigentlich längst verstummt, der letzte Nachhall verklungen. Am Sonntag war das anders: Da schallten zwischen 10 und 10.30 Uhr Lieder über die Altstadt – ein Gottesdienst in der Luft. Schließlich sind die Kirchen geschlossen, Zusammenkünfte nicht erlaubt. Und die Gemeinden in Lüneburg und Umgebung finden neue Wege.

Der Weg von St. Michaelis in Lüneburg führt nach oben in den Glockenturm. Almut und Johannes Roeßler gehören der Glöckner-Gilde an, spielen ansonsten zu Festgottesdiensten Choräle auf dem Geläut der Kirche. „In der Passionszeit ist das eigentlich nicht üblich, weil es eine Zeit der Stille ist“, sagt Almut Roeßler. Doch in diesem Jahr ist das anders: „Wir spielen Passionslieder, als Reminiszenz an den Gottesdienst. Ich finde, das ist ein besonders schönes Symbol.“ Solange das noch geht, möchten die Mitglieder der Glöckner-Gilde dies aufrechterhalten – das bedeutet: solange es keine Ausgangssperre gibt.

Zusätzlich hat St. Michaelis einen Youtube-Kanal eingerichtet, zeigt dort kleine Videos unter dem Motto „Michaelis-Zeit“. Kantor Henning Voss spielt am Flügel, dazu sprechen Pastorinnen und Pastoren Andachten. Pastor Stephan Jacob hat für Kinder die „Wohnzimmerkirche“ eingerichtet, sie besitzt sogar eine eigene Homepage: wohnzimmerkirche.net. Und am Zaun neben dem Eingang zur Kirche hängen Psalme auf farbigem Papier: „Worte zum Abpflücken“, also zum Mitnehmen.

Videoandacht und Gebetshotline

Lüneburgs Superintendentin Christine Schmid ist glücklich über Ideen wie diese. „Es gibt eine völlig neu erfundene Gottesdienstlandschaft“, sagt sie. „Am Anfang überwog der Schreck und der Schmerz über die Schließung unserer Kirchen. In nur einer Woche wurden jetzt unentdeckte neue Wege gefunden, um Gottesdienste zu feiern und Verbundenheit zu erleben.“ Zugleich würden aber auch gute alte religiöse Formen wieder entdeckt. „Man kann einfach eine Kerze entzünden. Zur Ruhe kommen. Ein Gebet sprechen.“ Auch wurden Briefe mit Grüßen an die Bewohner der Alten- und Pflegeheime versendet. „Es ist wichtig, für die Seele zu sorgen in diesen aufwühlenden Tagen.“

Aus Lüneburgs größter Kirche St. Johannis schickt Kantor Joachim Vogelsänger jeden Freitag musikalische Grüße von der Orgel – zu hören und zu sehen per Video auf der Homepage. Jeden Mittwoch und jeden Sonntag nehmen Pastorin Dorothea Noordveld-Lorenz und Pastor Diederik Noordfeld Videos auf, mittwochs sind es kleine Spaziergänge durch die Stadt und sonntags Andachten in der Kirche. „Damit wollen wir zeigen: Nur, weil die Kirche nicht geöffnet ist, heiß es nicht, dass sie nicht da ist“, sagt Pastorin Noordveld-Lorenz.

Und wenn Pastor Noordfeld seine Sonntagsvideos aufnimmt, dann spricht er nicht von der Kanzel oder am Stehpult, sondern sitzt in der Bank des Chores. Nicht im Talar, sondern Chino. Ähnlich macht es Pastor Eckhard Oldenburg in St. Nicolai: Auf der Internetseite der Gemeinde gibt es ab sofort sonntags eine Videoandacht.

Videokanal auf „Youtube“ eingerichtet

Die Freie evangelische Gemeinde an der Stadtkoppel hat an diesem Sonntag zum ersten Mal einen Gottesdienst live in ihrer Kirche aufgenommen und gesendet. „Mit Moderation, einem Interview, einer Predigt, einer Band, Interaktionsmöglichkeit für die Zuschauer und Gebetsangebot per Hotline im Anschluss“, erzählt Pastor Joschi Stahlberg. Ab sofort will die Gemeinde dies jeden Sonntag tun, immer pünktlich ab 10 Uhr. Auch die Friedenskirche in Lüneburg hat ihren Youtube-Kanal aktiviert und kündigt eigene Nachrichten und Videos an.

Martin Hinrichs von der Auferstehungskirche in Reppenstedt hat einen Videokanal auf „Youtube“ eingerichtet, auch er steht in diesen Zeiten nicht in Talar vor der Kamera, sondern Alltagskleidung. „Wenn Sie Hilfe brauchen beim Einkauf oder etwas anderem, melden Sie sich bei uns“, sagte Hinrichs in der ersten Folge des Kanals. Und: „Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ Die Umsetzung sei zwar „noch nicht so professionell, wie wir uns das wünschen“, sagt Hinrichs, „aber wir arbeiten daran“. Wer mag, kann eigene Wünsche über eine Kommentarfunktion einbringen. Das Programm werde wöchentlich erweitert.

Frank Jürgens, Pastor in Amelinghausen, hat noch eine ganz andere Idee für den individuellen Gottesdienst. Auf der Internetseite der Hippolit-Kirchengemeinde führt Jürgens in Form kleiner Videos an besondere Orte in der Natur, zum Beispiel zu einem Birkenkreuz an der Lopau nahe Oldendorf. „Dieser Ort eignet sich, um einen Moment inne zu halten, zur Ruhe zu kommen, ein Gebet zu sprechen. Die Dinge, die uns bewegen, die uns Angst machen, unter das Kreuz zu legen.“

Das Lachen darf nicht vergessen werden

In Bardowick betet Pastorin Amélie zu Dohna während des 18-Uhr-Läutens zu Hause und lädt ein, dies ebenfalls zu tun. Pastor Knigge in Artlenburg hat am Sonntag stellvertretend für seine Gemeinde eine kleine Liturgie in der St. Nicolai-Kirche vollzogen, und auch St. Johannes Dahlenburg schickt einen Gruß in die Internet-Welt.

Dechant Carsten Menges von der katholischen Kirche Lüneburg bietet an, eigene Anliegen per E-Mail an ihn zu schicken, für die mit gebetet werden soll. Denn die Priester werden täglich im Anliegen der Gemeinden nicht öffentlich eine Heilige Messe feiern, schreibt Menges auf der Homepage.

Neben Tipps für die Gestaltung von Gottesdiensten zu Hause, speziellen Angeboten für Familien – von Gebets- bis zu Bastelideen – möchte Menges eines auch in diesen Zeiten nicht vergessen: zu lachen. Unter dem Link „Humor und gute Nachrichten in Zeiten von Corona“ stellt Carsten Menges zusammen, was ihn selbst zurzeit zum Schmunzeln bringt – zum Beispiel ein Text über die heilige Corona, einer Märtyrerin aus dem 2. Jahrhundert. Sie gilt als die Patronin gegen Seuchen.

Von Carolin George

Gottesdienst in Corona-Zeiten

Hier gibt es Informationen

Übersichten der Angebote, Tipps und Anregungen liefern auch der ev.-luth. Kirchenkreis Lüneburg unter www.kirchenkreis-lueneburg.de sowie die Katholische Kirche unter www.katholische-kirche-lueneburg.de. Außerdem gibt es einen Aufruf: Abends um 19 Uhr „Der Mond ist aufgegangen“ zu singen, aus dem Fenster auf die Straße hinaus. Die Landeskirche Hannover sendet jeden Sonntag einen Gottesdienst aus einer anderen Kirche, zu sehen sind die Übertragungen unter: www.landeskirche-hannovers.de.