Sonntag , 27. September 2020
Zahnärztin Annette Rambuscheck behandelt in ihrer Lüneburger Praxis – wie die meisten ihrer Kollegen – nur noch Schmerzpatienten. (Foto: be)

Arbeiten in Zeiten der Pandemie

Lüneburg. Seit dieser Woche gelten besondere Regeln. Nicht jeder darf noch arbeiten. Und manche dürfen zwar, haben aber oft einen engen Kontakt zu ihren Kunden. Wie gestaltet sich da der Arbeitstag? Die LZ hat nachgefragt.

Annette Rambuscheck, Zahnärztin in Lüneburg:

„Risikopatienten und älteren Patienten haben wir schon vor einiger Zeit abgesagt. Jetzt versorgen wir nur noch echte Schmerz- und Unfallpatienten, etwa wenn ein Kind mit dem Mund gegen die Tischkante gestoßen ist oder einen Fahrradunfall hatte. Für Behandlungen, die aufgeschoben werden können, vergeben wir Termine ab Juni, die aber falls erforderlich noch einmal verschoben werden. Infektionsschutz ist bei uns natürlich ein ganz großes Thema. Jüngst hatten wir einen Schmerzpatienten, dessen Angehörige sich in Corona-Quarantäne befinden. Diese Behandlung haben wir dann in Operationskleidung ausgeführt, durch die der gesamte Körper und der Kopf nochmals gesonders geschützt sind. Insgesamt muss man aber sagen, dass die Patienten sehr gut mitziehen. Sie desinfizieren ihre Hände und halten Abstand. Man merkt, dass das Thema mittlerweile angekommen ist bei den Menschen.“

Claudia Nitsche. (Foto: lvc)

Claudia Nitsche (36), Inhaberin des Kosmetiksalons „Lünebeauty“:

„Wir sind ein Kosmetikstudio und dürften theoretisch noch arbeiten. Ich habe mich allerdings dagegen entschieden und seit Donnerstag geschlossen. Für die nächsten vier Wochen bleibt mein Kosmetiksalon aus zwei Gründen zu: Zum einen tragen wir eine Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeiterinnen. Wir wollen, dass alle gesund aus dieser Situation herausgehen. Zum anderen gilt die gleiche Verantwortung gegenüber meinen Kunden. Denn bei unseren Anwendungen sind wir häufig nur 20 Zentimeter von ihnen entfernt. Das Risiko ist meiner Meinung nach zu groß. Die Kunden sind in der letzten Woche trotzdem gekommen. Aber ich möchte ein Zeichen setzen. Wir können nicht weiter so tun, als sei alles normal, denn das ist es nicht. Die Entscheidung zur Schließung tragen meine Mitarbeiterinnen mit, wir hatten alle kein gutes Gefühl mehr bei der Arbeit.“

Annika Helbig. (Foto: lvc)

Annika Helbig (42), Taxifahrerin bei „LG Taxi“:

„Wir haben jetzt Schilder auf der Beifahrerseite angebracht, mit der Bitte hinten Platz zu nehmen. Da halten sich auch eigentlich alle dran. Generell fahren aber im Moment viel weniger Leute mit dem Taxi, außerdem dürfen wir nicht mehr zum Bahnhof fahren, damit wir keine Personen von außerhalb mitnehmen. Aber es gibt halt Menschen, die auf uns angewiesen sind – und das sind leider meistens Leute, die in die Risikogruppe fallen, zum Beispiel Krebs- oder Dialysepatienten. Meine Kunden sind auch verunsichert, Corona ist bei jeder Fahrt ein Thema. Manche tragen einen Mundschutz und fragen mich, warum ich das nicht tue. Ich bin froh, wenn Kunden von sich aus den Kontakt vermeiden, am besten zahlen sie auch nicht mehr mit Bargeld, sonst muss ich mich ja doch umdrehen und man berührt sich an den Händen. Generell ein bisschen mehr Rücksicht von Seiten der Kunden wäre schön. Trotz allem bin ich aber froh, dass ich noch arbeiten kann und somit aus dem Haus komme.“

Jennifer Carstensen. (Foto: lvc)

Jennifer Carstensen (32), Friseurin bei „Show Cut“:

„Noch arbeiten wir ganz normal wie immer. Geändert hat sich fast gar nichts, außer, dass wir uns vielleicht öfter die Hände desinfizieren. Aber wie sollen wir denn einen Abstand von eineinhalb Metern einhalten? Waschen, schneiden, föhnen, das geht nur aus nächster Nähe. Aber auf Augenbrauenzupfen und -färben müssen die Kunden erstmal verzichten, da kommen wir einfach zu nah ans Gesicht heran. In der letzten Woche hatten wir aber deutlich weniger Kunden, ich würde sagen bestimmt 70 Prozent weniger. Leider kommen die älteren Menschen aber immer noch, dabei sollten die doch gerade zu Hause bleiben. Ich fände es besser, wenn wir schließen würden, denn so rentiert sich das Geschäft einfach nicht mehr. Wir werden da jetzt mit unserem Chef drüber sprechen – und dann wird sich zeigen, wie und ob wir weiter machen.“

Hans Heinrich Warnecke. (Foto: privat)

Hans-Heinrich Warnecke, Optik-Warnecke:

„Was mir auffällt: Kaum einem ist klar, dass wir Optiker als Handwerker noch geöffnet haben dürfen. Dabei hat sich bei unserer Arbeit eigentlich nichts geändert. Natürlich sind wir vorsichtig, aber Hygienevorschriften halten wir ja immer ein, nicht nur jetzt. Außerdem stehen unsere Tische alle zehn Meter voneinander entfernt, da besteht keine Infektionsgefahr. Zudem arbeiten wir immer, aber jetzt verstärkt, nach Terminen. So können wir gewährleisten, dass nie zu viele Kunden im Geschäft sind und wir können weiterhin für sie da sein. Mir fällt aber auf, dass wir derzeit etwa 50 bis 60 Prozent weniger Kunden haben. Die Menschen kümmern sich jetzt eben zuerst zielgerichtet um die Lebensmittelversorgung. Aber wir werden auf keinen Fall freiwillig schließen, denn es kann immer sein, dass ein Kunde uns dringend braucht, weil zum Beispiel seine Brille zerbrochen ist.“

Manuel Görtemaker (41), „Salt Ink City“ Tattoo-Studio:

„Dass wir als Dienstleister angesehen werden, ist für uns ein Problem. Denn rein nach dem logischen Menschenverstand müssten wir schließen, weil wir einen engen Kontakt zu unseren Kunden haben. Das geht aber nicht, weil wir dann einen enormen Dienstausfall haben und nicht auf Unterstützung hoffen können – weil wir ja freiwillig geschlossen hätten. Deshalb warten und hoffen wir auf die Anweisung, dass wir auch schließen müssen. Man muss sich das so vorstellen: Manche Termine dauern zwei bis drei Stunden, in denen man mit dem Kunden aufeinanderhängt, da ist die Infektionsgefahr natürlich enorm hoch. Im Moment handhaben wir das deshalb so, dass wir das Studio für Publikumsverkehr geschlossen lassen, auch Piercings oder Schmuckwechsel bieten wir nicht mehr an. Aber ansonsten überlassen wir die Entscheidung unseren Kunden, schließlich haben die teilweise schon lange auf ihren Termin gewartet. Und wir können ihnen ja auch keinen neuen anbieten, so lange wir nicht wissen, wie lange diese Situation anhält. Deshalb nehmen die meisten ihren Termin auch trotz dieser schwierigen Umstände noch wahr.“

Behandlungsproblem

Nur das Nötigste

Die Zahnärztekammer Niedersachsen empfiehlt ihren Mitgliedern, die Zahl der Behandlungen auf das Nötigste zu beschränken. „Die große Mehrzahl der Praxen reduziert aufgrund dieser Empfehlung jetzt ihren Betrieb“, sagt Thomas Koch, Lüneburger Kreisstellenvorsitzender der Kammer. Konkret heißt das: Vorübergehend sollen nur noch Patienten mit akuten Beschwerden behandelt werden. Prophylaktische Maßnahmen und planbare Behandlungen werden dagegen auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Die Patienten seien entsprechend informiert. Auch der Notdienst wird aufrecht erhalten.

Von Lilly von Consbruch, Henriette Glag und Thomas Mitzlaff