Sonntag , 20. September 2020
Landrat Jens Böther im Gespräch mit LZ-Chefredakteur Marc Rath. Foto: ap

„Wir appellieren an jeden Einzelnen“

Lüneburg. Geschlossene Geschäfte, mehr als 1500 Menschen waren oder sind in Quarantäne, Existenzängste – die Verbreitung des Corona-Virus prägt die Menschen im Landkreis in allen Lebensbereichen. Entsprechend viele Fragen hatten LZ-Leser an Landrat Jens Böther. Wir drucken Auszüge.

Familie Doeyen aus Lüneburg: Ist Deutschland mit drastischen Maßnahmen wie Ausgangssperren einfach zu langsam, können Sie da nicht selbst tätig werden?

Böther: Wenn es eine generelle Ausgangssperre geben soll, kommt die vom Land per Weisung. Wir wissen nicht, ob sie kommt, wann sie kommt und welche Ausnahmen es gibt. Wir könnten theoretisch Regelungen für einzelne Orte treffen, dafür haben wir aber derzeit keinen Anlass.

Jens Molzen will wissen: Am Montag wurden im Landkreis 188 Personen getestet, am Mittwoch nur noch 60. Sind die Fallzahlen in Lüneburg schon rückläufig?

Die Zahlen sind nicht rückläufig, wir haben aktuell 53 positiv getestete Personen. Die Häufung am Wochenanfang kam über die Zuweisungen vom Wochenende.

Robert Strade, Lüneburg: Reichen die Klinikbetten aus, wenn die Zahl der Corona-Erkrankten in die Höhe schnellt? Und Thorsten Bahr will wissen, ob man in solchen Fällen nicht das ehemalige Hilfskrankenhaus unter dem Schulzentrum Oedeme reaktivieren kann?

Wir sind im ständigen Austausch mit dem Klinikum, welche Kapazitäten erforderlich sind. Das Klinikum selbst hat schon zusätzliche Trakte für den Zweck bereitgestellt. Natürlich arbeiten wir, wenn notwendig, weitere Szenarien aus. Das Hilfskrankenhaus Oedeme kommt dafür nicht in Frage, es wird völlig anders genutzt, da gibt es gar keine Krankenhausinfrastruktur mehr.

Petra Boldt-Heuer: Wie viele Menschen sind in Stadt und Landkreis aktuell in Quarantäne und werden die damit verbundenen Auflagen eingehalten?

Wir hatten einen großen Fall mit dem Johanneum, das waren ja allein über 1000 Quarantänefälle. Wir führen keine detaillierte Statistik, insgesamt müssten es mehr als 1500 Fälle sein, vielleicht auch ein paar mehr. Entscheidend ist, dass die Menschen mit der Quarantäne verantwortungsbewusst umgehen. Ein Verstoß dagegen ist strafbar.

Andrea Rieken, Lüneburg: Sind die Virus-Testkapazitäten für Lüneburg begrenzt?

Das Diagnosezentrum ist derzeit nur vormittags geöffnet, das reicht aber völlig aus. Wir könnten dort zusätzliche Kapazitäten schaffen, aber das ist in der aktuellen Situation nicht erforderlich.

Nina Kirsten: Warum informiert man nicht, aus welchen Teilen des Kreises die Infizierten kommen?

Theoretisch könnte man das tun, aber wir reden derzeit über viele Einzelfälle, die leicht verortet werden können und wir müssen darauf achten, dass wir den Datenschutz nicht verletzen. Intern schauen wir uns aber an, ob es irgendwo Konzentrationen gibt.

Nathalie Toschke, Brietlingen: Werden Maßnahmen wie Geschäftsschließungen über den 19. April hinaus verlängert?

In allen Allgemeinverfügungen steht, dass eine Verlängerung möglich ist. Konkret geplant ist es derzeit aber nicht. Aber wir halten uns diese Option offen.

Katja Wittig, Lüneburg: Die Tafel ist geschlossen, günstige Lebensmittel sind durch Hamsterkäufe rar. Wie wird die Versorgung der ärmsten Mitbürger sichergestellt?

Da gibt es in der Tat einen Bedarf. Personen, die Bedarfsleistungen beziehen und einen Tafelausweis besitzen, können sich unter Telefon (04131) 261244 beim Sozialamt melden und einen Wertgutschein erhalten, den sie im Supermarkt einlösen können. Diese Regelung gilt ab nächste Woche. Toll finde ich außerdem die vielen Nachbarschaftshilfen, die sich gerade entwickeln.

Klaus Bruns, Reppenstedt: Jugendliche lungern herum und machen Party, für sie sind das verlängerte Ferien. Kann an solchen Treffpunkten nicht verstärkt kontrolliert werden?

In der Tat haben viele Menschen den Ernst der Lage noch nicht erkannt. Wir haben Menschenansammlungen, die Polizei und die Ordnungsämter kontrollieren konsequent und steuern entschieden gegen. Ich habe auch den Eindruck, dass es Wirkung zeigt und langsam ein Umdenken stattfindet.

Marta Klonowska: Wir dürfen mit unseren Kindern nicht auf den Spielplatz, aber dürfen wir mit ihnen noch raus in den Wald?

Ja, selbstverständlich dürfen Sie noch in den Wald gehen. Natürlich wissen wir, dass das Verbot der Nutzung von Spielplätzen eine große Einschränkung ist, aber wir müssen dies tun, um unser Ziel zu erreichen – nämlich möglichst wenige neue Ansteckungen.

Tobias W. Goers, Lüneburg: Wie kann es sein, dass Lüneburg gerade jetzt, wo sich das Virus weiter verbreitet, an der Durchführung des Wochenmarkts mitten in der Stadt festhält?

Wir bekommen diese Regelungen vom Land vorgegeben und die Wochenmärkte sind dort von der Schließung ausgenommen, sie dienen ja auch der Versorgung der Menschen in der Region. Ich denke aber, dass wir auf dem Wochenmarkt am Sonnabend schon eine größere Sensibilität haben werden, gerade auch hinsichtlich der Abstandsregelung.

Ulrich Stoye, Lüneburg und Heike Wolter aus Neetze bewegt die Frage, wann auch Friseure und Kosmetikstudios schließen. Gerade dort sei ein Sicherheitsabstand nicht einzuhalten.

Hier die gleiche Antwort: Es gibt Ausnahmeregelungen, die vom Land beschlossen sind und wir halten uns daran. Aber wir appellieren auch an die Verantwortung jedes Einzelnen, man muss ja jetzt nicht zum Friseur gehen. Natürlich kann man immer viele Ausnahmen hinterfragen.

Christina Lange: Warum werden Produktionsstätten mit mehr als 50 Angestellten nicht generell geschlossen?

Für diesen Bereich der Wirtschaft haben wir bislang keine Regelungen. Es ist wichtig, dass Produktionsstätten, die ja auch dem Einkommen der Bevölkerung dienen, wenn möglich weiter offen sind. Wichtig ist, dass die Leute nicht auf engem Raum arbeiten, ich höre da von vielen Unternehmen gute und kreative Lösungen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten und dennoch den Schutz des Einzelnen zu gewährleisten.

Kristina Braun fragt nach Hilfen und Unterstützungsangeboten für Existenzgründer und junge Start-ups, damit diese nicht gleich wieder „einpacken“ müssen.

Das ist eine ganz große Problematik, die uns über Monate, wenn nicht Jahre beschäftigen wird. Für Kleinunternehmen und Existenzgründer werden derzeit Bundes- und Landesprogramme ausgearbeitet. Da können die Wirtschaftsförderung Lüneburg mit ihrer Hotline und die IHK, aber auch Sparkasse und Volksbank vermitteln und Lösungen erarbeiten.

Herr Böther, zum Abschluss: Die Menschen sollen ja möglichst zu Hause bleiben. Wie wird das Wochenende des Landrates aussehen?

Momentan lassen sich die Tage nur schwer vorausplanen. Früh morgens geht es zum Dienst, spätabends nach Hause. Wir stellen uns auf eine Lage ein, die uns noch länger beschäftigen wird, zusammen mit vielen Kollegen in verschiedensten Abteilungen.

Das komplette Interview ist als Live-Video auf der Facebook-Seite der LZ zu sehen. Fragesteller, die nicht zum Zuge kamen, bekommen ebenfalls noch eine Antwort.