Freitag , 25. September 2020
Ein Bild aus dem Kriegslazarett von Dr. Alfred Bauer. Der Stabsarzt - Großvater des ehemaligen Lüneburger Forstdirektores Peter Lex - rückte von Lüneburg aus in den Ersten Weltkrieg. Am Ende des Krieges wurde die Grippe zur mörderischen Geißel. Foto: privat/Lex

Die Mutter aller Seuchen

Lüneburg. Manchmal wirkt die Gegenwart wie ein unheilvolles Echo aus der Vergangenheit. Ein neuer Krankheitserreger. Keine Impfung. Kein Medikament. Im Herbst 1918 erreichte eine tödliche Pandemie Lüneburg – die Spanische Grippe. Weltweit forderte die Seuche mindestens 20 Millionen Todesopfer, infizierte in nur anderthalb Jahren jeden dritten Menschen. Wie reagierten die Lüneburger damals? Die vergilbten Seiten der „Lüneburgschen Anzeigen“ geben – zum Teil überraschende – Antworten.

Zunächst einmal fällt auf: Wo heute die LZ, die Nachfolgerin der „LA“, auf Sonderseiten jeden Aspekt der Ausbreitung beleuchtet, finden sich damals nur versteckte Hinweise auf den Seiten. Es waren andere Zeiten. Noch starben Männer an den Fronten des Ersten Weltkriegs. Die Zensur verhinderte, dass wahrheitsgemäß über die Seuche berichtet wurde. So kam die Krankheit zu ihrem Namen: Nur das neutrale Spanien berichtete in aller Offenheit über das Sterben im eigenen Land. Zudem erschien die Krankheit vertraut. Es dauerte, bis die Lüneburger realisierten, dass sich die saisonale Grippe in eine Bestie verwandelt hatte. Und so hinterließ die Bestie überraschend diskrete Spuren in der Berichterstattung der Kollegen vor 102 Jahren.

Erste Hinweise in den Todesanzeigen

Dass Sanitäts-Rat Dr. Müller am 4. September 1918 per Anzeige kundtat, „Anmeldungen zu Privatimpfungen“ in der Grapengießerstraße 7 entgegenzunehmen, hat noch nichts mit der Grippe zu tun. Der Auslöser der Krankheit war noch unbekannt. Aber Dr. Müllers Anzeige spiegelt die damalige Euphorie wider. Dank der Erfolge der Bakteriologen glaubten viele, dass Infektionskrankheiten ausgerottet werden könnten.

Ein Irrtum. An der Westfront starben zur selben Zeit kräftige, junge Soldaten zu Hunderttausenden an der Grippe. Das ahnte in Lüneburg niemand. Die Zensur wirkte – ebenso die Kriegsparanoia. In den USA hielt man den Pharmakonzern Bayer für den Schuldigen. Die Deutschen hätten die Aspirin-Tablette zu einer Waffe umfunktioniert.

Verwundete Soldaten und Fronturlauber kamen nach Hause. Und brachten die winzige, aber tödliche Bestie mit. Zu denen, die hungerten und froren. In den amtlichen Mitteilungen wurden die Bauern fast täglich gemahnt, ihre Kartoffeln abzuliefern. Auch an Kohle zum Heizen mangelte es. Preußen verhängte fleischlose Wochen.

Das Virus, das die Spanische Grippe 1918 auslöste. Foto: dpa

Am 9. September 1918 findet sich in den Todesanzeigen vielleicht der erste Hinweis auf die Seuche: „Dora Tönjes verstarb nach kurzer, sehr schwerer Krankheit“. Ab dem 18. September ändert sich auch die Tonlage der Anzeigen der Gefallenen. Vorher hieß es „starb den Heldentod“, „nach schweren Kämpfen“ oder „erlitt einen Kopfschuss“. Jetzt findet sich immer häufiger die Formel „ist diesem Kriege zum Opfer gefallen“ – wie am 20. September Hermann Lonkwitz „im blühenden Alter von 19 Jahren“.

Sport und Königshäuser sorgten auch damals für Zerstreuung: In einem Fußball-Pokalspiel schlug Res. Lazarett Uelzen II den Lüneburger Sportklub II 2:1. Am 19. September zitierten die „LA“ den „Schwäbischen Merkur“, wonach der König (Wilhelm II. von Württemberg, nicht etwa der Kaiser) seit Wochen „infolge eines Influenza-Anfalles an heftigen neuralgischen Schmerzen“ leide.

Am Montag, den 30. September wurde aus dem böhmischen Klattau berichtet: „Hier sind in den letzten Tagen sechs Personen unter Anzeichen einer merkwürdigen neuen Krankheit erkrankt und bereits nach einigen Stunden gestorben. Die Krankheit verbreitet sich so rasch, daß, um der Ausdehnung Halt zu tun, die sofortige Schließung der Kinos, Konzert- und Unterhaltungsräume verfügt worden ist.“

„Hier sind in den letzten Tagen sechs Personen unter Anzeichen einer merkwürdigen neuen Krankheit erkrankt und bereits nach einigen Stunden gestorben.“

Was die Lüneburger und Böhmen damals traf, streckte auch Inuit in Alaska und Samoaner in der Südsee nieder. Die Menschen bekamen schlagartig Fieber, wurden kurzatmig. Oft erschienen innerhalb von Stunden mahagonifarbene Flecken auf ihren Wangen, Hände und Füße wurden bläulich-schwarz, die Lungen füllten sich mit blutigem Schaum. Die Opfer ertranken in ihren eigenen Sekreten. Doch während in Böhmen das öffentliche Leben wie heute zu Corona-Zeiten heruntergefahren wurde, war das Lüneburger Stadttheater zur Eröffnung der Spielzeit „brechend voll“.

Das Massensterben ließ sich nicht länger geheim halten. Ende September fragte laut „LA“ ein Abgeordneter in der französischen Kammer den Marineminister „über die Epidemie, die in den Marinedepots von Brest, Rochefort und namentlich in Lorient ausgebrochen ist. … Der Marineminister Zoyguos versuchte die Erregung durch den Hinweis auf das Auftreten der Epidemie in allen europäischen Ländern zu beschwichtigen“.

Beschwichtigen und die Schuld in anderen Ländern suchen, ist auch die Corona-Taktik von US-Präsident Donald Trump. Obwohl die Pandemie vor 102 Jahren auch für seine Familie ein Wendepunkt war. Der nach Amerika ausgewanderte Pfälzer Friedrich Trump, der sich in den USA Frederick nannte, starb an der Grippe. Seine Witwe und sein Sohn investierten mit der Lebensversicherung in Grundbesitz. Basis des Trumpschen Vermögens war der Grippe-Tod seines Opas.

Trotz Grippe große Veranstaltungen

Der fahle Reiter kam Lüneburg Anfang Oktober näher. In Cuxhaven wurde die städtische Mädchenschule geschlossen, „nachdem dort von etwa 700 Schülerinnen schon rund 250 von der Grippe befallen wurden“. Doch die Lüneburger Pastoren mahnten in der Zeitung: „Schickt die Kinder in die Gottesdienste“. Sie bräuchten gerade in diesen schweren Kriegszeiten seelsorgerischen Zuspruch.

Dieses Foto vom November 1918 zeigt ein kleines Mädchen, das Angst um seine große Schwester hat, die vom Grippevirus infiziert worden ist. Foto: Library of Congress

Am Donnerstag, 3. Oktober, stand in den „LA“ erstmals der Name, unter dem diese Seuche in die Geschichtsbücher gelangte: „Budapest. Infolge der Verbreitung der Spanischen Grippe wurde angeordnet, dass sämtliche Schulen bis zum 15. Oktober geschlossen werden.“ Am selben Tag betrauerte die Familie von Heinrich Steckelberg (29) dessen Tod, „nach kurzer schwerer Krankheit“. Anfang Oktober bröckelte die Front, es gab Gerüchte über eine neue Regierung. Dennoch wurde berichtet, dass der spanische König Alphons XIII „an der Grippe erkrankt ist“.

Am Montag, 7. Oktober, fand die Grippe erstmals im Lokalen Erwähnung: „Von den hier beschäftigten 18 Fernsprechbeamtinnen sind plötzlich 14 an der Grippe schwer erkrankt.“ Männer mussten die „Fräuleins vom Amt“ ersetzen. Die Todesanzeigen mit der Formel „kurzes, schweres Leiden“ häufen sich. Manche Todesanzeigen verbergen ein Drama hinter dem Drama. So betrauerte „Vater Heinrich Glahn auf Urlaub“ seine Tochter Helena (19) „nach kurzer, schwerer Krankheit“. Brachte der Vater den Tod aus dem Schützengraben mit?

„Die große Verbreitung der spanischen Krankheit ist auf die kalkarme Ernährung zurückzuführen.“

Mitte Oktober verlängerte die Hamburger Oberschulbehörde „wegen der zurzeit herrschenden Grippe die Herbstferien“ bis zum 26. Oktober. Der Konfirmandenunterricht wurde ausgesetzt, in den „LA“ fanden sich „Vorsichtsmaßregeln bei Grippeerkrankungen gegen die jetzt so heimtückisch zur Lungenentzündung führende Grippe“. Auch in Lüneburg erhielten die Schulen, die der „Kgl. Regierung unterstehen, Grippeferien“. 102 Jahre später ist unser Arsenal an Maßnahmen gegen Viren offenbar nicht üppiger gefüllt. Aber 1918 war man in Lüneburg inkonsequenter: Im Kino lief „Die Faust des Riesen“ mit Henny Porten, dem ersten deutschen Stummfilm-Star. Und auf dem Marktplatz gab es am Sonntag, 20. Oktober eine „große vaterländische Kundgebung“.

Fünf Tage später waren die Richter erkrankt, Strafkammersitzungen fielen aus, ebenso wurde das Schwurgericht bis Dezember verschoben. Aus Dresden wurden 100 000 Erkrankte gemeldet. „Die Zahl der Todesfälle ist groß“. Die Stunde der Experten. Prof. Oskar Loew aus München: „Die große Verbreitung der spanischen Krankheit ist auf die kalkarme Ernährung zurückzuführen.“ Der Wiener Oberarzt Dr. Philipp Leitner glaubte, Streptokokken lösten die Grippe aus. Er setzte auf Quecksilbersalz. Beide konnten es noch nicht besser wissen, erst 1933 wurde das erste Grippevirus isoliert. Und beide hatten zumindest teilweise recht. Die Mangelernährung im Krieg schwächte die Menschen.

Endlich ebbte die Grippe in Hamburg ab, doch „die Erkrankungen selbst haben nichts von ihrem schroffen, oft schnell zum Schlimmsten führenden Charakter verloren“. Am selben Tag wurde Ernst Witte gedacht, „17 Jahre und 5 Monate“, der „nach kurzer, aber schwerer Krankheit infolge Lungenentzündung und Grippe entschlief“.

426 000 Menschen starben in Deutschland

Anfang November verdrängte ein anderes Virus die Grippe aus den Schlagzeilen – das der Revolution. Am Freitag, den 8. November hatte ein Arbeiter- und Soldatenrat den „größten Teil der politischen Macht“ in Lüneburg in die Hand genommen. Das Kaiserreich war am Ende durch Stillstand gekennzeichnet. Nun wurde das Tempo des Wandels atemberaubend: Demobilisierung, Fürstensturz, Kriegsgefangenenaustausch, Räte, Revolution und das Wahlrecht für Frauen waren die Themen auf den Nachrichtenseiten. Doch noch immer wurden in den Todesanzeigen 15- bis 22-Jährige betrauert. Der Erreger kaperte das besonders kampfstarke Immunsystem junger Menschen und wendete es so gegen sie. Die Revolution brachte die Menschen zu früh zurück auf die Straßen. Am 21. November wurden die Schulen „wegen der wieder stärker auftretenden Grippe“ erneut geschlossen.

In Deutschland starben damals schätzungsweise 426 000 Menschen an der Grippe. Kaum eine Familie, die nicht betroffen war. Dennoch ist die Spanische Grippe eine vergessene Seuche, wie auch die Lektüre der „Lüneburgschen Anzeigen“ bestätigt. Krieg, Hunger, Revolution und der Sturz der Monarchien brannten sich eher in das Gedächtnis ein. Und doch lohnt ein Blick zurück, um die „Panikdemie“ in Sachen Corona einzudämmen. Denn die Unterschiede sind eklatant: Wir sind nicht ausgezehrt, sondern gesund. Unsere Ärzte sind nicht an der Front, sondern in den Kliniken. Die Wissenschaft hat den Erreger längst im Visier. Und der Erreger ist längst nicht so tödlich wie das damalige Virus. Noch. Eine Mutation könnte das ändern.

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Von Joachim Zießler