Mittwoch , 23. September 2020
Über die Corona-Pandemie gibt es viele Falschmeldungen und Verschwörungstheorien. Enttarnt werden sie unter anderem auf der Internetseite „myth busters“ der Weltgesundheitsorganisation. Foto: A/dpa

Wenn die Wahrheit fiebert

Lüneburg. Nicht nur im Krieg ist das erste Opfer die Wahrheit, sondern ebenso in Krisen. Auch in Lüneburg scheinen ebenso viele Lügen durch die Messengerdienste zu schwirren wie Coronaviren durch die Luft. Was sind das für Fake News? Warum werden sie verbreitet? Wo werden sie entlarvt?

Kaum machte am Montag die Meldung die Runde, dass das Johanneum als komplette Schule in Quarantäne geschickt wird, ging eine WhatsApp-Sprachnachricht viral. Deren Adressaten sollten angeblich die betroffenen Gymnasiasten sein. Darin erklärt ein Mann über mehrere Minuten die Notwendigkeit von Schulschließungen, erläutert mögliche Infektionsketten und bekräftigt, es gelte, aus der „Lawine der Ansteckungen ein Schneegestöber“ zu machen. Alles klingt leidlich seriös. Das Problem: Der Absender ist nicht – wie dort stand – „Dr. Moormann, Leiter Klinikum Lüneburg“. Als das Klinikum noch am selben Tag erfuhr, dass sich da jemand mit fremden Federn schmückt, reagierte es sofort. Ein Anruf bei der LZ. Ein Vermerk auf der Website des Krankenhauses: „Hierbei handelt es sich um eine Fälschung. Der Sprecher und Absender dieser Nachricht ist nicht Dr. Michael Moormann.“

Der Absender ist nicht Dr. Moormann

Schon am Sonntag herrschte auf dem Marktplatz bei manchen Hamsterfieber. Grund war die kursierende WhatsApp-Sprachnachricht einer Frau, wonach der Katastrophenschutz am Montag die Aldi-Läden schließen wolle. Ebenso sorgte ein Screenshot einer vermeintlichen „Focus“-Meldung für Verwirrung, wonach die Supermärkte nur noch an wenigen Tagen für wenige Stunden aufmachen würden. Die Schöpfer solcher Fake News mögen in dem Gefühl baden, Ängste und Verwirrung ausgelöst zu haben, aber leider ist Angst ansteckend. Manches leergeräumte Regal in Lüneburgs Märkten dürfte auf Trolle zurückgehen, die sich ihrer eigenen Bedeutung versichern wollten.

Was in Pandemie-Zeiten auch immer Konjunktur hat, sind Verschwörungstheorien. Ein Leserbriefschreiber aus Deutsch Evern etwa warf die Frage auf, wer von „dieser inszenierten Massenpanik profitiere, außer natürlich der Pharmaindustrie“. „Suspekt“ ist ihm die „einseitige Berichterstattung“ der „Mainstream-Medien“.

Der zerstörte Konsens, was wahr ist

Glaubwürdiger findet er da den Hamburger Arzt und Homöophaten Dr. Marc Fiddike, der noch gestern auf seiner Website einen italienischen Arzt zitiert, wonach in Italien nur zwei Menschen am Coronavirus gestorben sein sollen. Von seiner Praxis in Hamburg-Rotherbaum glaubt er offenbar, den Überblick über Fernost zu haben: „In China und Südkorea ist das Problem überstanden!!!“ Der LZ-Leserbriefschreiber findet vor allem ein Video „interessant“, in dem der Arzt die Frage aufwirft, „wie zufällig es sein kann, das eine von Impf-Befürworter Bill Gates geförderte Konferenz im Oktober letzten Jahres in New York die Folgen eines Pandemieausbruchs durchspielt, der nur ein Vierteljahr später Realität wird“.

Hier werden die Zutaten für Verschwörungstheorien gemixt: Einflussreiche Eliten, die die Strippen ziehen, hier Milliardär Gates. Und verdrehte Fakten. Wahr ist: Bill Gates hat nicht Corona vorhergesagt, sondern warnt seit Jahren vor der Rückkehr einer Grippe-Pandemie wie der von 1918. Nicht wahr ist auch, dass er ein „Patent“ auf das Virus habe und von der Pandemie profitiere. Wahr ist: Das englische Pirbright Institut, das von der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung unterstützt wird, hat seit 2015 ein Patent mit dem Titel „Coronavirus“. Allerdings handelt es sich dabei um ein Patent zur Impfstoffentwicklung gegen ein Geflügelvirus, also einen älteren Erreger aus der Gruppe der Coronaviren. Diese Forschungen haben nichts mit der derzeitigen Ausbreitung zu tun.

Judenpogrom vor Ankunft der Pest 1350

Die mörderische Lüge

Die Pest, der Schwarze Tod, wütete Mitte des 14. Jahrhunderts in Europa. Die Menschen gierten nach Erklärungen für die Katastrophe. Neben dem Zorn Gottes und krankmachenden Dämpfen wurde ein anderes Erklärungsmuster angeboten: Die Juden hätten die Brunnen vergiftet. In Lüneburg siedelten sich Juden erstmals im Mittelalter in der Altstadt an. 1350 wurden sie zu Sündenböcken gemacht.

Es kam zu Pogromen – bevor die Pest die Stadt überhaupt erreicht hatte. Ähnlich sah es in anderen Reichsstädten aus. „Geständnisse“ wurden erfoltert. Viele Stadträte forderten von anderen Städten die diesbezüglichen Berichte an. Sie lieferten den Vorwand, um den Mob auf die Juden zu hetzen und sich am Besitz der Ermordeten zu bereichern.

Wieso nehmen Verschwörungstheoretiker so gerne die „Mainstreammedien“, auch „Lügenpresse“ genannt, ins Visier? John David Seidler promovierte über die „Verschwörung der Massenmedien“. Er antwortete der LZ: „Medienkritik ist generell chic, weil sie erstmal kritische Attitüde und intellektuelle Überlegenheit signalisiert. Medienkritiker haben schon immer leicht Schulterklopfer geerntet.“ Dabei unterschieden die Echoräume die heutigen Medienverschwörungstheorien von früheren, etwa denen der Nazis gegen die „Judenpresse“. Seidler: „Während man früher schnell in die Spinnerecke geschoben wurde, findet man heute in den entsprechenden Foren schnell Anerkennung und hochschaukelndes Sich-gegenseitig-Bestätigen.“

Was macht Verschwörungstheorien attraktiv? Der Autor Michael Butter erklärt in einer Schrift der Bundeszentrale für politische Bildung: „Verschwörungstheorien liefern simple Erklärungen für komplexe Sachverhalte und erkennen Muster und Plan, wo in der Realität wahlweise schlicht Zufall, Koinzidenz oder schwer zu überblickende Zusammenhänge herrschen.“
Wo kann man Corona-Aussagen auf ihren Fake-News-Gehalt checken?

Eine gute Orientierung bietet die Seite „myth busters“ der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Faktenchecks liefern auch der „ARD-Faktenfinder“, die österreichische Website gegen Internetmissbrauch mimikama.at und die Website des Berliner TU-Professors Frank Ziemann, der seit 23 Jahren gegen Falschmeldungen kämpft:

https://hoax-info.tubit.tu-berlin.de/hoax/hoaxlist.shtml
https://www.tagesschau.de/faktenfinder/corona-geruechte-101.html
https://www.who.int/emergencies/diseases/novel-coronavirus-2019/advice-for-public/myth-busters
https://www.mimikama.at

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  • Über den aktuellen Stand zum Coronavirus in Lüneburg und Umgebung informieren wir Sie hier.
  • Eine Übersicht über alle Veranstaltungen, die in Lüneburg und Umgebung ausfallen, finden Sie hier.

Von Joachim Zießler