Sonntag , 20. September 2020
Strahlen auch in der Krise: Annegret Ostermann hat ihren Optimimus trotz großer Belastung nicht verloren. (Foto: t&w)

Die stillen Helden der Krise

Lüneburg. „Was derzeit abläuft, ist wirklich extrem.“ Seit mehr als 20 Jahren ist Annegret Ostermann im Einzelhandel tätig, viele Stunden sitzt sie täglich an der Kasse bei Tschorn in der Sandpassage. Doch eine Situation wie aktuell in der Corona-Krise hat die 55-Jährige noch nie erlebt. Sie räumt ein: „Was gerade passiert, das macht schon was mit einem.“

Während Politik und Behörden eindringlich dazu auffordern, angesichts der rasanten Verbreitung des Virus Zuhause zu bleiben, ist Annegret Ostermann eine von jenen, die jeden Tag unter Menschen sein müssen, um die Stadt am Laufen zu halten. Es gibt viele Lüneburger, die in diesen Wochen zu den stillen Helden des Alltags werden. Da sind natürlich Rettungsdienste, Polizisten, medizinisches Personal. Aber da sind auch Busfahrer, Optiker – und Kassiererinnen. Die empfohlenen anderthalb bis zwei Meter Sicherheitsabstand zu den Mitmenschen zu halten, ist für sie faktisch unmöglich.

Zwar hat der Edeka-Betrieb in der Sandpassage eine Plastikscheibe als provisorischen Schutz aufgehängt, um eine Trennung zwischen Kassiererinnen und Einkäufern zu wahren. Doch dass Kunden an der Scheibe vorbei näher an Annegret Ostermann herankommen, um etwa noch eine Frage loszuwerden, passiert noch immer regelmäßig. „Viele denken mittlerweile aber mit“, sagt die 55-Jährige. Auch die rot gestrichelte Abgrenzung im Kassenbereich soll daran erinnern, Abstand zu halten.

Vorsicht ja, Angst nein

In anderen Supermärkten müssen Verkäuferinnen auf einen solchen provisorischen Schutz ganz verzichten. Vielerorts aber hängen Zettel mit der Bitte, mit Karte statt mit Bargeld zu bezahlen, um auch nur flüchtige Fingerkontakte auszuschließen. Aber auch hier gilt: Ein Restrisiko bleibt immer. Das weiß auch Annegret Ostermann. Um eine andere Tätigkeit zu bitten, kam für sie aber nie in Frage. „Wenn es passieren soll, dann ist das so“, sagt sie zum Thema Ansteckung.

Eine Einstellung, die viele der Verkäuferinnen haben, mit denen die Landeszeitung spricht. Vorsicht ja, Angst nein. Das Stichwort Corona ist natürlich immer im Hinterkopf präsent, ihren Beitrag zur Bewältigung der Krise wollen sie aber weiter leisten. Natürlich sind da immer noch die gedankenlosen Kunden, die sich zum Beispiel auf einen Kaffee beim Bäcker treffen, anstatt wie gefordert Menschenansammlungen möglichst zu vermeiden. Auch hier versuchen die Supermärkte, so weit es geht, durch Einschränkungen Sensibilität zu wecken. Sitzgelegenheiten werden abgebaut, den Mittagstisch gibt es nur noch außer Haus. Während das Thema Corona erst nach und nach bei den Menschen anzukommen scheint, ist es für Annegret Ostermann und ihre Kolleginnen angesichts ihres Jobs allgegenwärtig. „Ich gehe jetzt mit anderen Augen durch den Tag“, sagt sie. Und bei Bedarf lieber immer einen Schritt zur Seite.

Von Thomas Mitzlaff