Donnerstag , 22. Oktober 2020
Endlich wieder Klopapier: Bei Budni an der Willy-Brand-Straße war der Vorrat gestern wieder so groß, dass die Lagermöglichkeiten im Laden nicht mehr ausreichten. Fotos: t&w

Sogar die Diskothek hilft aus

Lüneburg. „Ihre Frau braucht auch einen Einkaufswagen.“ Der Senior schaut irritiert. Gerade will er den Edeka-Markt in Rettmer betreten, da spricht ihn ein junger Security-Mann freundlich, aber bestimmt an. Zwei Eheleute, nur ein Wagen – das ist seit Donnerstagfrüh nicht mehr erlaubt. Jeder, der einen Supermarkt betritt, muss einen Wagen schieben. Das sieht die neue Allgemeinverfügung vor, die der Landkreis Lüneburg im Zeichen der Corona-Krise erlassen hat. Und nicht nur das: Es ist genau festgelegt, wie viele Kunden zeitgleich einkaufen dürfen, nämlich pro 20 Quadratmeter Verkaufsfläche eine Person. Entsprechend ist die Zahl der Einkaufswagen genau abgezählt.

Es ist 8.15 Uhr am Donnerstag im Garbers-Einkaufszentrum, da sind die Einkaufswagen für den Edeka-Markt schon vergriffen. Der Trick, nebenan einen Wagen von Aldi zu nehmen, funktioniert nicht, der eigens georderte Sicherheitsdienst am Eingang passt auf. Wer nicht warten will, geht einfach bei Aldi rein. Keine Kontrollen, kein Einkaufswagen wird verlangt. Ein großes Schild am Eingang weist lediglich darauf hin, dass man zum Schutz von Käufern und Personal möglichst mit Karte statt mit Bargeld zahlen soll. Die anderen Auflagen interessieren zumindest kurz nach Ladenöffnung noch niemanden.

Einmal desinfizieren direkt vor den Augen des Kunden: Bei Tschorn sind die besonderen Hygienevorkehrungen für jeden sichtbar.

Landkreis steht mit seinen Regeln ziemlich alleine da

Mit dem Erlass der 20-Quadratmeter-Regel plus Einkaufswagenpflicht steht der Landkreis Lüneburg allein auf weiter Flur und sorgte entsprechend gestern bundesweit für Schlagzeilen. Wer zum Beispiel in Bienenbüttel einkauft, muss nicht mit Wartezeit rechnen – der Landkreis Uelzen hat keine solche Einschränkung erlassen. Hervorgegangen sei die Sonderregel für Lüneburg aus einer Rücksprache mit dem hiesigen Einzelhandel, heißt es aus dem Kreishaus: Man habe sich gemeinsam die Frage gestellt, „welche Maßnahmen helfen, die Ansteckungsgefahr zu minimieren und gleichzeitig praktikabel sind“. Daraus sei auch die begrenzte Zahl an Einkaufswagen hervorgegangen.

Für die Betreiber der Supermärkte bedeutet dies, das ohnehin in den vergangenen Wochen arg strapazierte Improvisationsgeschick nochmals herauszufordern. Mittwochmorgen hat Katrin Wellmann, Geschäftsführerin von Edeka-Tschorn in der Sandpassage, aus der Landeszeitung von den neuen Auflagen erfahren, die nur einen Tag später in Kraft treten sollten. Bei dem Einkaufsmarkt sind die Platzkapazitäten vor der Eingangstür beschränkt.

„Die Stimmung ist eine andere.“ – Katrin Wellmann, Geschäftsführerin Edeka-Tschorn Sandpassage

Entsprechend anspruchsvoll ist es, eine eventuelle Warteschlange so zu lenken, dass sie zum einen Passanten nicht behindert und dass zum anderen Kunden den geforderten Abstand von einem Meter zueinander halten. „Ich habe kurzerhand eine Notmail an unsere Diskotheken abgesetzt“, schildert die Geschäftsfrau. Die wegen Corona zwangsgeschlossene „Garage“ sprang ein und stellte Absperrband zur Verfügung, die ebenfalls geschlossene „Meierei“ nebenan bietet nun ihren Gastraum als Pausenraum für die Mitarbeiter aus der Sandpassage an.

Derweil geht die Neuregelung an den Kunden nicht ohne Eindruck vorbei, hat Katrin Wellmann beobachtet. „Sie kommen rein, werden angesprochen und halten kurz inne.“ Die Corona-Gefahr ist plötzlich wieder allgegenwärtig, wird ins Bewusstsein gerufen. Entsprechend ruhiger sei es im Markt, „die Stimmung ist eine andere“.

Supermarkt statt Disco: Sicherheitsmann Ramo Baran sorgt an ungewohnter Stelle dafür, dass alles geregelt abläuft.

Während das Team der Sandpassage den Einlass mit eigenen Mitarbeitern kontrolliert, setzen viele andere Supermärkte auf professionelle Sicherheitsdienste. „Wir sind gut gebucht“, bestätigt Ahmad Kerro, der mit „Secu Nord“ seit zwölf Jahren in Lüneburg präsent ist. Aktuell zählen neben der Kreisverwaltung sieben Supermarktketten zu seinen Kunden. Vor allem am Wochenende rechnet der Geschäftsführer des Sicherheitsdienstes mit erhöhtem Kundenaufkommen und wird dafür das Personal vor den Verkaufsstellen nochmal verstärken.

Die Reaktion des Einzelhandels auf die angeordneten Maßnahmen sei nach dem ersten Tag gemischt, bilanziert im Lüneburger Kreishaus Pressesprecherin Urte Modlich. „Wir haben positive Rückmeldungen bekommen, es gibt aber auch Einzelhändler, die sich andere Regelungen wünschen.“ Die Verwaltung nehme gerne alternative Vorschläge entgegen, um dann zu entscheiden, ob diese die wichtigste Maxime erfüllen, nämlich den Schutz der Bevölkerung. „Ohne konkrete Alternativen bleibt es bei der Allgemeinverfügung“, betont Urte Modlich.

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Von Thomas Mitzlaff