Sonntag , 27. September 2020
Beate Petersen und Gerd Bindernagel haben noch keine Nachschubprobleme bei Südfrüchten, auch die Preise seien stabil, sagen sie. Fotos: t&w

Einmal an die frische Luft

Lüneburg. Gestern auf dem Lüneburger Wochenmarkt: Mehr Stände als in den Wochen zuvor, reger Besuch, Frühlingsstimmung. Es sind die Details, an denen man merkt: Irgendetwas ist anders. Am Bäckerwagen zieht sich die Schlange deutlich länger hinaus, die Menschen halten Abstand. In den umliegenden Straßen sind die meisten Geschäfte längst geschlossen, der Lärmpegel ist deutlich niedriger. Und ein Thema beherrscht fast alle Gespräche – das Coronavirus und der damit verbundene weitgehende Stillstand des öffentlichen Lebens.

„Die Kundschaft ist zum Teil eine andere“, sagt etwa Veronika Stephan von „Spargel Heinrich“. Auch andere Marktbeschicker haben festgestellt, dass neben den Stammkunden viele unbekannte Gesichter einkaufen. „Viel mehr Menschen haben frei und sie kommen dann gezielt hierher, um frische Waren zu holen“, vermutet Stephan. Desinfektionsspray hat sie immer in der Tasche – und auch Abstand ist ein ständiges Thema.

Ulrike Deus (l.) ist Stammkundin auf dem Wochenmarkt – Abstand halte man ja allein schon durch die Auslage, sagt Veronika Stephan von „Spargel Heinrich“.

Die Stadtverwaltung hat am Morgen Informationsblätter an den Ständen verteilt, man solle darauf achten, dass die Kunden Abstand auch untereinander halten. Außerdem sind ab Sonnabend auch hier die Verkäufer verpflichtet, Einweghandschuhe zu tragen, die sie stündlich wechseln müssen. Diese Regelung gilt bereits für das Personal in Supermärkten. „Weil die Beschicker aus verschiedenen Bundesländern kommen, wollten wir so alle auf denselben Informationsstand bringen“, sagt Stadtsprecherin Ann-Kristin Jenckel.

Ab Sonnabend sind die Verkäufer verpflichtet, Einweghandschuhe zu tragen

Von Ausnahmezustand ist aber unter dem Strich wenig zu spüren, „die Leute müssen ja etwas essen“, ist es für Michael Meyer vom gleichnamigen Jorker Obsthof nicht verwunderlich, dass die Geschäfte nahezu normal laufen. „Wir kommen weiter hier nach Lüneburg solange wir dürfen“, steht für ihn außer Frage. Heute laufe es gut, stellt auch Ulrich Voß aus Vierlanden fest. Seine Gärtnerei hat Blumen im Angebot; Stiefmütterchen, aber auch Tulpen gehen gut weg. In den vergangenen Wochen sei das schon anders gewesen. „Das gute Wetter heute spielt natürlich auch eine große Rolle“, sagt seine Mitarbeiterin Jutta Henselek.

Obsthändler Michael Meyer aus dem Alten Land verzeichnet keine großen Umsatzeinbußen. „Die Leute müssen ja auch was essen“, sagt er.

Der Wochenmarkt habe doch letztlich auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe in dieser schwierigen Zeit, meint Gerd Bindernagel, der seit vielen Jahren Südfrüchte verkauft. „Hier können sie an der frischen Luft und natürlich mit dem nötigen Abstand wenigstens einigermaßen soziale Kontakte pflegen.“ Probleme, an Ware zu kommen, habe er selbst noch nicht gehabt. „Aber Kollegen berichteten durchaus, dass auch auf dem Frucht-Großmarkt nicht mehr unbegrenzt Obst zur Verfügung steht: „Lastwagen brauchen teils lange, um über die Grenzen zu kommen und man weiß nie, wann die letztlich liefern.“

„Die Touristen bleiben aus und auch die Geschäftsleute, die sonst über die Mittagszeit hier essen.“ – Sylvia Olma, Marktbeschickerin

Zentrale Anlaufstelle auch für viele Marktbeschicker ist der Sülfmeistergrill direkt vor dem Rathaus. Hier ist immer Zeit für einen Klönschnack, es werden die neuesten Informationen ausgetauscht, hier kennt man sich. Öffnen darf Sylvia Olma ihre Bude auch in den kommenden Wochen, denn sie ist eingetragene Marktbeschickerin. Und Wochenmärkte bleiben geöffnet, so steht es ausdrücklich in der Allgemeinverfügung des Landkreises, die ab dem heutigen Donnerstag gilt. Mittwochs laufen bei ihr die Geschäfte nicht mehr so gut, schildert Olma: „Die Touristen bleiben aus und auch die Geschäftsleute, die sonst über die Mittagszeit hier essen.“ Unter dem Strich aber hat sie Verständnis für die Maßnahmen der Behörden: „Für uns ist das zwar nicht schön, aber so eine ernste Lage hatten wir ja noch nie.“

Und Ulrike Deus, Stammkundin auf dem Wochenmarkt, sieht es noch aus einer anderen Perspektive: „Das ist Neuland für alle, auch für die Politik. Ich möchte aktuell nicht an deren Stelle sitzen.“

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Von Thomas Mitzlaff