Mittwoch , 23. September 2020
Lecker: Ofengemüse mit Kartoffeln, Möhren, roter Bete und Rosmarin aus regionalem Anbau waren für LZ-Redakteur Robin Williamson beim „Klimafasten“ ein Festmahl. (Foto t&w)

Bete statt Bento

Lüneburg/Hamburg. Der Termin prangt seit Tagen im Kalender der Kollegen: „Sushi essen (nicht für Robin).“ Denn wer klimafastet, der bekommt kein Sushi. Und während die Kollegen genüsslich eine Rolle nach der anderen schnabulieren, knabbere ich an meinem Biobrot mit veganem Brotaufstrich, dafür aber mit einem guten Gewissen – und einem deutlich geringeren CO₂-Abdruck. Drei Punkte würde eine einzelne Rolle Sushi auf die Klimawaage bringen. Meine Mission ist es, jeden Tag unter 100 Punkten zu bleiben. So will es die App mit dem Namen „Ein guter Tag hat 100 Punkte“.

Deren Entwickler – aber auch das Umweltbundesamt – sagen, dass jeder Mensch am Tag 6,8 Kilogramm CO₂ verbrauchen dürfte, um die Erwärmung des globalen Klimas innerhalb der Grenzen von durchschnittlich zwei Grad Celsius zu halten. Diese 6,8 Kilogramm haben sie in ein Punktesystem umgerechnet – und wer mehr als 100 Punkte verbraucht, lebt über die Verhältnisse der Erde. Zum Vergleich: Nach Angaben der Agentur für Erneuerbare Energien (AEE) betrug der CO₂-Ausstoß pro Kopf in Niedersachsen im Jahr 2017 rund 22,2 Kilogramm pro Tag.

Es ist also in Deutschland fast unmöglich, unter dieser magischen Marke zu bleiben. Und wenn ich meinen durchschnittlichen Konsum außerhalb der Fastenzeit in die App einpflege, möchte ich mich am liebsten verkriechen. Schon wenn ich auf meinem Arbeitsplatz in der Redaktion Platz nehme, habe ich als Bahnpendler aus Hamburg und Täglichduscher fast 50 Punkte verbraucht. Mit zweitem Frühstück, deftigem Mittagessen, stundenlanger Computerarbeit, meinem Dienst- und Privathandy, einem Espresso zwischendurch, der Rückfahrt nach Hause, Einkauf und Abendessen lande ich nicht selten bei mörderischen 250 Punkten. Darin verrechnet sind aber auch meine Gasheizung, mein (immerhin Öko-)Stromverbrauch und der sogenannte „Basiswert“, den jeder Bundesbürger aufgrund der hiesigen Industrie und Infrastruktur grundsätzlich mit sich trägt – in Deutschland sind dies 29 Punkte.

Regeln für die Punktereduktion

Mit dem Beginn der Fastenzeit wollte ich meine 250 Punkte so weit es geht reduzieren. Und stellte mir daher einige Regeln auf:

  • 1. Vegane Ernährung, wenn möglich aus regionalen und saisonalen Produkten;
  • 2. Kein Auto; nur Bus, Bahn, Fahrrad oder zu Fuß;
  • 3. Möglichst wenig Plastik-Verpackungen nutzen.

Schnell stellte ich fest, dass ich über das Essen wohl die meisten Punkte einspare. Allein durch den Verzicht auf Milchprodukte sind das laut App etwa 20 Punkte täglich – vegane Margarine tut’s eben auch. Statt Müsli mit Milch gibt es Porridge zum Frühstück. Dazu Kräutertee – denn schwarzer Tee oder Kaffee sind in dieser Woche tabu.

Seit fast einem Jahr beziehe ich mein Gemüse aus dem Ernteanteil einer solidarischen Landwirtschaft. Das ist definitiv regional, biologisch angebaut und saisonal, aber vor allem zurzeit wenig. Denn noch ist es Winter, und während ich im Sommer kaum weiß, wohin mit all den Feldfrüchten, ist derzeit Schmalhans Küchenmeister. Also muss dazugekauft werden, und im Supermarkt wird der Einkauf schnell zur Gretchenfrage: Lebensmittel, die in meine Klimafastenzeit passen, sind rar gesät. Sind sie vegan, sind sie oft nicht regional. Sind sie bio, sind sie häufig in Plastikfolie verpackt. Und saisonal ist ohnehin momentan nicht viel los. Schwierig, aber nicht unmöglich. Und lecker: Ofengemüse mit Couscous und Rosmarin aus dem Garten etwa. Oder Kürbiscremesuppe mit pflanzlicher Sahne. Zum Nachtisch Apfelkompott. Ob ich mir vorstellen könnte, auch über die Woche hinaus meine Ernährung vegan zu halten? Wohl schon. Aber Käse, Joghurt und ab und zu mal ein Stück Fleisch würde ich wohl doch sehr vermissen.

Zum Termin nach Barskamp? Ohne Auto nicht so leicht

In puncto Mobilität spare ich nur wenig ein in dieser Woche. Ein Auto besitze ich nicht, mit dem Fahrrad wollte ich dann doch nicht nach Lüneburg pendeln. Stattdessen habe ich bei Terminen auf das Dienstfahrzeug verzichtet, bin auf Bus oder Rad umgestiegen. Innerhalb der Stadt kein Problem, nach Barskamp aber wäre das umständlich geworden.

Am Ende habe ich es geschafft, durchschnittlich etwa 70 Punkte am Tag einzusparen. Das ist nicht besonders viel, aber ein Anfang. Und hält vor Augen, dass der Einzelne zwar schon mit einigen Umstellungen seinen „ökologischen Fußabdruck“ verkleinern kann, allerdings wohl für einen wirklichen Wandel deutlich größere Stellschrauben gedreht werden müssten. Auf jeden Fall bin ich sehr gespannt darauf, wie es den LZ-Lesern ergeht, die in den kommenden Wochen ihre Erfahrungen beim Thema „Klimafasten“ mit uns und Ihnen hier teilen werden.

Den nächsten Serienteil gibt es am kommenden Sonnabend.

Von Robin Williamson

Die weiteren Serienteile:

Thermostat runter, Kamin an

Klimafasten für die ganze Welt

Einmal unverpackt, bitte!

Ein alternatives Leben

Klimafasten im Exil