Freitag , 23. Oktober 2020
Es gilt das Vermummungsgebot: Eva Pigliapoco und Ivan Sciapeconi vor einem der sonst übervollen und nun leeren Plätze von Modena. Fotos: privat

In der roten Zone

Lüneburg/Modena. In Deutschland gibt es bislang nur Empfehlungen, größere Veranstaltungen abzusagen. Noch lässt sich die deutsche Politik vom Coronavirus also nicht gänzlich aus der Reserve locken. In Italien ist das anders, der Ministerpräsident hat ganz Italien zu einer Sperrzone erklärt. Rund 60 Millionen Menschen sind von den Maßnahmen betroffen. Der Chef der Weltgesundheitsorganisation WHO lobt Italiens „kühne, mutige Schritte, … um die Welt zu schützen“. Nicht auszuschließen, dass auch die Region Lüneburg, wo das Virus bereits den Kreis Harburg erreicht hat, irgendwann abgeriegelt wird.

Was bedeutet es, in einer roten Zone zu leben? Worauf sollten wir uns einstellen, wenn der deutsche Winterschlaf in Sachen Seuchenbekämpfung endet? Eva Pigliapoco (51) und Ivan Sciapeconi (51) erleben in ihrer Heimatstadt Modena gerade, was unsere Zukunft sein kann. Das Ehepaar muss bei der Frage, wie lange in der Region schon Einschränkungen gelten, seinen Kalender holen. „Man verliert das Zeitgefühl komplett“, sagt Eva Pigliapoco, „die Zeit steht still.“ Beide arbeiten als Grundschullehrer. Doch ihre Schule gilt seit dem 24. Februar als verbotene Zone. Geschlossen bleibt sie bis zum 3. April – vorerst. Prognosen sind unmöglich. Es ist das Virus, das die Lehrpläne diktiert.

Das menschliche Miteinander leidet immer

Den Stundenplan für die Gymnasiasten skizziert Ivan Sciapeconi so: „Die sitzen von 8 bis 13 Uhr vor dem Computer und hören ihrem Lehrer zu, die Ärmsten.“ Zwar sind die Universitäten ebenfalls geschlossen, doch Abschlussprüfungen finden trotzdem statt – „die Studenten werden per Gesichtserkennungssoftware identifiziert“. Homeschooling ist für die beiden Lehrer allerdings keine Option. „Wir haben gerade Erstklässler übernommen. Da kann man online natürlich keine schriftlichen Aufgaben vergeben.“ Aber wenigstens den Kontakt halten.

Gerade hat das Kollegium eine zehnminütige Videobotschaft gedreht und an ihre Schüler gemailt. Die Mathelehrerin erinnert die Abc-Schützen an ein Zählspiel, die Englischlehrerin tanzt zu Kate Perrys „Hot N Cold“ mit italienischen Untertiteln. Eva Pigliapoco: „Wir versuchen, die emotionale Bindung zu den Kindern aufrecht zu erhalten.“ Kein leichtes Unterfangen. Eine Erstklässlerin antwortet mit einem kleinen Clip. Als sie davon erzählt, wie es ist, Zuhause eingesperrt zu sein, unterbricht sie sich: „Könnt ihr euch noch an mich erinnern? Ich bin die Ilaria.“

Hinter der Geschichte 

Urlaub abgesagt

Quarantäne, rote Zonen, Fiebermessungen an den Grenzen – das scheint in Lüneburg weit weg zu sein. Für den LZ-Autoren Joachim Zießler rückte das Coronavirus mit einem Mal ganz nahe: Als das norditalienische Modena, in dem seine Schwägerin und sein Schwager leben, plötzlich zur Sperrzone erklärt wurde. Nicht nur die geplante Reise wurde so ein Opfer des Virus. Im Bericht ergründet er, wie die Bewohner der Emilia Romagna der Seuche trotzen.

Zwar löst das Virus bei vielen Betroffenen keine Symptome aus, doch was es immer erkranken lässt, ist das menschliche Miteinander. Normalerweise bildet das Lehrer-Duo Kollegen aus. Nun sind alle Fortbildungen in Norditalien abgesagt. Normalerweise würden sie ihre Verwandten weiter im Süden besuchen – abgesagt. Normalerweise hätte Ivan Sciapeconi sein gerade erschienenes Buch bei zwei Lesungen beworben – abgesagt.

Wo sonst das Leben brodelt, herrscht Stille. Das Virus fegte Modenas Plätze leer.

„Wir versuchen, ruhig zu bleiben, klar zu denken. Aber wir merken, dass wir sehr vorsichtig sind.“ Selbst ärztliche Untersuchungen, die nicht akut notwendig sind, haben sie gecancelt. Vorsicht ist ansteckend. Die ansonsten bis in den späten Abend hinein bevölkerten Straßen Modenas „sind halbleer“. Kulturveranstaltungen – in der links regierten Emilia Romagna traditionell kostenlos – liegen bis auf weiteres auf Eis. „Wir bleiben den ganzen Tag zuhause, nur zu einem Spaziergang zwingen wir uns“, sagt Eva Pigliapoco. Mit Kollegen und Freunden bleiben sie via Skype in Verbindung. „Komischerweise sind es vor allem Rentner, die noch auf den Straßen unterwegs sind“, ergänzt ihr Mann und erklärt das Verhalten der am stärksten Gefährdeten auch gleich: „Es ist typisch für Modena, dass gerade die Älteren noch sehr stark sozial aktiv sind. Denen fällt es schwer, zuhause zu bleiben.“ Kartenspiel sticht Coronavirus.

Italiener sind nicht dafür bekannt, diszipliniert Schlange zu stehen wie etwa die Briten. Bis jetzt. Die Regierung in Rom hat bei Strafandrohung „empfohlen“, dass Kunden nicht mehr in den Geschäften Schlange stehen sollen, sondern vor der Tür an der Luft. Und das mit einem Meter Sicherheitsabstand. Und obwohl die Carabinieri nicht kontrollieren, „hält sich jeder daran“, staunt das Paar.

So steht man in Zeiten einer Pandemie an: draußen vor dem Tabakladen und mit einem Abstand von etwa einem Meter.

Die leeren Piazzas empfinden sie als „surreal“. Vor dem Seuchenzug waren Läden und Restaurants auch am Wochende bis tief in die Nacht geöffnet. Jetzt wurden quasi deutsche Ladenöffnungszeiten verordnet: werktags von 8 bis 18 Uhr. Am Wochenende bleiben die Rolläden ganz unten. Ivan Sciapeconi: „Das ist für Italiener bizarr. Niemand isst abends vor 20 Uhr, also bleiben die Lokale leer.“

Die beiden haben schon seit Wochen keine Pasta mehr im Restaurant geordert. „Wir bestellen unsere Lebensmittel online, wie alle anderen. Deshalb gibt es auch eine Woche Wartezeit.“ Die Zwangspause nutzen beide, um zu lesen und ihre Bücherregale zu sortieren. Eva Pigliapoco: „Wir kennen aber auch Paare, die sich nun heftig streiten, weil sie sich auf die Nerven gehen.“

Wie blank die Nerven mancher Italiener liegen, mussten vor allem Chinesen, oft Kleinhändler, erleben. „Die haben aus Solidarität mit den Italienern am 24. April ihre Geschäfte geschlossen“, meint Sciapeconi. Vielleicht war es doch eher Angst als Solidarität: In Turin und Venedig ist es in den vergangenen Wochen zu gewalttätigen Übergriffen auf die vermeintlich Schuldigen gekommen.

„Wir Emiliani sind konstruktiv, solidarisch und kämpferisch. Das haben wir schon bewiesen und beweisen es jetzt wieder.“ – Eva Pigliapoco

Seuchen bringen immer das Schönste und das Hässlichste im Menschen hervor. Das war im 14. Jahrhundert zu Zeiten der Pest so, wie Giovanni Boccaccio im „Decamerone“ literarisch veredelt hat. Und das ist heute zu Zeiten von Covid-19 so. Das Schöne: „Wir kennen uns mit Katastrophen aus“, sagt Eva Pigliapoco mit Verweis auf das Erdbeben in der Emilia Romagna von 2012. „Wir Emiliani sind konstruktiv, solidarisch und kämpferisch. Das haben wir schon bewiesen und beweisen es jetzt wieder.“ Das Hässliche: Kaum wurde am Sonntagnachmittag in den Gefängnissen bekannt, dass die Besuche von Verwandten wegen des Coronarvirus eingeschränkt werden, brachen in Modena und anderen Städten Revolten aus. In Modena starben drei Häftlinge.

So stolz die Emiliani auf ihre Widerstandskraft sind, so wenig Verständnis haben sie für Regionen Italiens, die von den Virus-Hotspots weiter entfernt sind und deshalb auf Durchgreifen verzichten. Die deutsche Lässigkeit im Angesicht des Virus löst in Modena nur Kopfschütteln aus.

Von Joachim Zießler