Mittwoch , 23. September 2020
In vielen Schulklassen sind die Kinder inzwischen über WhatsApp vernetzt – doch das birgt auch Gefahren. Foto: Adobe Stock

Hitler ist nicht lustig

Lüneburg. Nachrichtendienste wie WhatsApp nutzen viele Menschen zur Kommunikation über das Handy. Auch bei Jugendlichen und Kindern ist die App sehr beliebt, vor allem Gruppen, in denen sich Klassenkameraden austauschen können, erleichtern ihnen den Alltag. Doch die Polizei Lüneburg macht jetzt auf ein großes Problem aufmerksam: In der letzten Zeit fanden immer wieder rassistische, homophobe, gewaltverherrlichende oder antisemitische Bilder und sogenannte Sticker Einzug in die digitalen Unterhaltungen der Jugendlichen. Die Polizei will diesem Problem durch Aufklärung begegnen. In einigen Fällen wurden außerdem Strafverfahren eingeleitet.

„Das Phänomen beobachte ich schon seit Längerem“, sagt Arne Schmidt, Beauftragter für Jugendsachen bei der Polizei Lüneburg, Lüchow-Dannenberg und Uelzen. Im Februar hat er sich in einem Brief an die Eltern der Schulen aus den drei Landkreisen gerichtet, um sie auf das Problem aufmerksam zu machen und ihnen Verhaltenstipps zu geben. Schon zuvor erreichten ihn vermehrt Anfragen von Schulen und Eltern, denen diese Sticker mit rechtsextremen Sprüchen und verwerflichen Bilder auf den Smartphones der Kinder aufgefallen waren. Dabei handelt es sich vor allem um Fotos von Hitler versehen mit Sprüchen wie „Du bist lustig. Dich vergas ich als letztes“, sowie Hakenkreuze und andere Symbole des Nationalsozialismus.

Schüler wissen nichts vom Nationalsozialismus

Eine der Schulen, die schon vor dem Elternbrief mit der Polizei kooperiert hat, ist das Gymnasium Oedeme. „Durch einen Hinweis von Eltern sind wir auf das Problem aufmerksam geworden“, erklärt Rektor Stefan Schulz. „Diesem Hinweis sind wir natürlich nachgegangen und haben den Vorfall bei der Polizei gemeldet. Uns ist wichtig, den Schülern zu zeigen, dass wir sowas konsequent zur Anzeige bringen.“

Dazu sind die Schulen auch verpflichtet, erklärt Kai Richter, Pressesprecher der Polizei Lüneburg. Das Weiterleiten von verfassungsfeindlichen Symbolen oder kinderpornografischem Material seien Delikte, die der Polizei gemeldet werden müssen. Richter betont aber auch, dass es im Kreis Lüneburg noch nicht vermehrt zu solchen Anzeigen gekommen ist, da nicht alle dieser Sticker strafrechtlich relevant sind. Dennoch sei die Polizei in jüngster Vergangenheit häufiger von Schulen konsultiert worden. Dort sei dann vor allem Arne Schmidt beratend tätig geworden.

Stefan Schulz vermutet an seiner Schule eine hohe Dunkelziffer, der er durch Aufklärung der Schüler begegnen möchte. Denn er sieht das Problem vor allem in der unzureichenden Reflexion der Schüler. „Diese Sticker auf WhatsApp verschicken sich schnell, da müssen die Schüler nicht mal selber etwas dazu schreiben. Die Hürde ist sehr niedrig“, betont er. Deshalb bietet das Gymnasium verschiedene Präventionsangebote zum Thema „Sicherer Umgang mit dem Smartphone“ an und klärt die Schüler über die rechtliche Situation auf. „Wir müssen ihnen klar machen, dass das Weiterleiten von volksverhetzenden ­Symbolen kein Kavaliersdelikt und auch in keinster Weise lustig ist.“

Schon bei Viertklässlern kommt es zu Vorfällen

Da Arne Schmidt das Phänomen bereits in allen Schulformen und schon ab der 4. Klasse beobachten konnte, vermutet er ein weiteres Problem in der Ahnungslosigkeit der Schüler. Am Gymnasium steht das Thema Nationalsozialismus erst in der 9. Klasse auf dem Lehrplan, so dass viele der Kinder womöglich gar nicht wissen, was sie dort verschicken. Stefan Schulz zieht daraus Konsequenzen: „Wir werden diese Situation zum Anlass nehmen und das Curriculum in der Hinsicht ändern, dass das Thema früher an die Kinder herangetragen wird.“

Arne Schmidt ist es wichtig, dass Eltern in dieser Situation klar Stellung beziehen und mit ihren Kindern über das Thema sprechen. „Es gilt, Verbotenes von Erlaubtem abzugrenzen. Das Gespräch sollte offen und vertrauensvoll geführt werden. Die Kids sollen in uns Erwachsenen Ansprechpartner wissen, die ­helfen können, zuhören, Orientierung geben und unterstützen.“
Eltern sollten allerdings nicht mit Verboten arbeiten, da dadurch das Vertrauensverhältnis gestört werden könnte. Auch die Privatsphäre der Kinder sollte beachtet werden. „Schauen sie nicht heimlich in die Handys der Kinder. Machen sie dies, wenn dann gemeinsam, auf freiwilliger Basis und im Dialog miteinander“, rät Schmidt.

Weitere Informationen finden sich im Internet unter www.klicksafe.de/eltern.

Von Lilly von Consbruch