Donnerstag , 24. September 2020
„Und dann habe ich ihr gesagt, dass ich sie liebe und heiraten will“, erzählt Wolf-Eberhard über seine Heide. (Foto: phs)

Im Takt des Schicksals

Uelzen. Heide und Wolf-Eberhard haben jahrelang im selben Viertel gelebt, im selben Supermarkt eingekauft – und sich doch nie gesehen. Sie haben wochenlang Tür an Tür im Uelzener Hospiz ihre Ehepartner auf ihrer letzten Reise begleitet. Und als sie vorbei war, da haben sie weinend am selben Tag auf demselben Friedhof zur Beerdigung gestanden – er um 10 Uhr, sie um 11. Aber gesehen haben sie sich nicht. Man sieht ja auch nicht viel um sich herum, wenn 50 Jahre Ehe plötzlich zu Ende gehen.

Wenn Heide heute ihre Wohnung betritt, dann sieht sie zuerst Wolf-Eberhard, der ihr die Tür aufhält, den Mantel abnimmt und einen Kuss gibt. Dann fällt ihr Blick auf ihren ersten Mann Dieter, der neben Ranghild im Silberrahmen auf der Kommode steht. „Die beiden müssen uns behüten“, sagt die 79-Jährige. Dieter und Ranghild haben Heide und Wolf-Eberhard ein halbes Jahrhundert begleitet, an guten wie an schlechten Tagen. So hatten sie es sich vor dem Traualtar versprochen – und so haben sie es bis zum Schluss gehalten. Niemals hätten Heide und Wolf-Eberhard gedacht, dass sie mit Mitte 70 noch ein zweites Mal glücklich werden könnten. Und erst recht nicht, dass dieses Glück im Hospiz auf sie warten würde – dort, wo sich die Liebe von ihrer traurigsten Seite zeigt, aber doch keine neue keimt. Aber nun, genau so war es.

Freunde haben mit dem Kopf geschüttelt

Jetzt sitzen sie, wie jeden Nachmittag, mit einer Tasse Kaffee in der Hand in ihren fellbezogenen Wohnzimmersesseln. In diesen Sesseln haben auch Ranghild und Wolf-Eberhard schon über das Leben philosophiert und aus dem edlen Rosenservice kosteten Dieter und Heide von feinsten Bohnen. Ansonsten ist vieles neu in dieser „alten Liebe“, wie man sagt. Alte Liebe ist anders: aufmerksamer, meint Heide. Toleranter, findet Wolf-Eberhard. Einiges Nicken.

Mit der Toleranz sei es ja bei vielen Freunden nicht weit her gewesen. Sie haben mit dem Kopf geschüttelt, haben gesagt: Das könnt ihr nicht bringen! Weil eine Beziehung, die beim Trauer-Frühstück im Hospiz ­entsteht, ein „No-Go“ sei, erklärt Wolf-Eberhard. Weil sie neidisch sind, glaubt Heide. Und wieder nicken sie synchron – ein ­gemeinsamer Takt des Schicksals, der keinen Dirigenten braucht, keine Erlaubnis. Nur sie zwei.

Die Goldene Hochzeit war das große Ziel

Früher, da war das Leben höher getaktet. Da hat Wolf-Eberhard das Haus morgens im Dunkeln verlassen und oft erst spät wieder betreten. Ranghild zog die Kinder groß, Wolf-Eberhard sorgte für Einkommen. Wenn er am Wochenende mit dem Fahrrad zu weit davon fuhr, kam seine Frau mit dem Wohnmobil, um ihn wieder einzusammeln. Sie hatten einen unausgesprochenen Plan vom Glück – einen Plan, der sie zwei vorsah. Nicht den Krebs. Nicht einen allein. „Das große Ziel meiner Frau war es, noch die Goldene Hochzeit zu erreichen“, weiß Wolf-Eberhard. Und tatsächlich: Am 16. April 2016 schoben die Schwestern eine Hochzeitstorte ins Hospiz, Freunde und Familie kamen. „Drei Tage später war sie tot.“

An jenem letzten Tag kam Heide noch einmal ins Hospiz, um ein paar Sachen ihres kürzlich verstorbenen Mannes abzuholen. Im Foyer saß eine junge Frau. „Sie sah so zerbrechlich aus, so traurig“, erinnert sich die Seniorin. Sie tröstete die Unbekannte, Wolf-Eberhards Tochter. Ihr Vater saß derweil am Bett von Ranghild und hielt ihre Hand – so wie Heide es Tage zuvor bei Dieter getan hatte. Vielleicht ist es gerade das, was die beiden so bald, so eng verband: der Verlust.

Er schätzt die Ordnung, sie beherrscht das Chaos

Jedenfalls führte dieser sie ein paar Wochen später zum Trauer-Frühstück ins Hospiz. „Heide kam, wie immer, auf den letzten Drücker.“ Wolf-Eberhard lacht. Ihm passiert so etwas nicht. Der 77-Jährige würde auch nicht, wie Heide, jede Woche zehn Kilometer durch Feld und Wiesen wandern, er stößt lieber hinterher zum Essen dazu. Er schätzt die Ordnung, sie beherrscht das Chaos. „Du kannst aus einem schwarzen Bock keinen weißen machen“, ulkt Wolf-Eberhard.

Dass schwarz und weiß auch ganz gut zusammenpassen, begriffen die beiden erst viel später. Nach dem ersten Treffen gründeten sie ihre eigene kleine Trauergruppe: Immer wieder verabredeten sie sich zum Essen, irgendwann auch mit gemeinsamen Freunden, von denen sie zuvor nicht wussten, dass es sie überhaupt gab. Anschließend brachte Wolf-Eberhard seine Heide bis vor ihre Haustür. „Natürlich, ohne mir noch die Briefmarkensammlung anzugucken“, erklärt er betont ernst und zwinkert Heide neckisch zu. Bald telefonierten sie täglich – morgens im Bett, knapp 400 Meter voneinander entfernt. Die zuckergeschwängerte Luft zur Rübenkampagne roch auf einmal nach süßer Verheißung.

Heides 102 Jahre alte Mutter gab ihnen den Segen

„Und dann habe ich ihr gesagt, dass ich sie liebe und heiraten will“, erzählt Wolf-Eberhard. „Ich wollte nicht irgendeine liederliche Beziehung, Onkelehe oder so.“ Nur konsequent also, dass der Senior auch bei Heides 102 Jahre alten Mutter um die Hand ihrer Tochter anhielt. Sie gab ihm ihren Segen, Heide aber zögerte: „Ich muss erst mit meinen Jungs reden“, habe sie gesagt. „Da kam ich ganz schön unter Druck.“ Aber klar, das verstand Wolf-Eberhard. „Wir hatten den Kindern schon viel zugemutet.“ Viel, aber nicht zu viel: Wenige Monate später standen Wolf-Eberhard und seine Heide in der Veerßer Kirche vor dem Traualtar – sie in einem eierschalenfarbenen Kostüm, er im Anzug – und gaben sich ein Versprechen: An guten wie an schlechten Tagen, bis zum Schluss.

„Wir wissen, dass einer von uns übrig bleiben wird.“ – Wolf-Eberhard

Mit dem Schluss ist das so eine Sache. Manchmal hilft der Glaube: Wolf-Eberhard und Heide ahnen ihre ersten Ehepartner in einer Art „Kraftzentrum“, von wo aus sie schützend die Hände über sie halten. Aber was, wenn das Schicksal sie wieder aus dem Takt wirft, wenn aus dem Kanon ein Solo wird? Das Paar denkt nicht oft daran. „Aber wir wissen, dass einer von uns übrig bleiben wird“, sagt Wolf-Eberhard und tätschelt Heides Knie. Alte Liebe ist anders: ein Plan vom Glück für heute.

Von Anna Petersen