Donnerstag , 1. Oktober 2020
Schäfer Clemens Lippschus freut sich über den Heidschnucken-Nachwuchs. (Foto: t&w)

Intensive Wochen für Schafe und Schäfer

Schneverdingen. Der ganze Schaftstall ist vom tiefem Blöken der Heidschnucken erfüllt. Doch wer ganz genau hinhört, der nimmt auch die leisen, zarten „Mäh“-Rufe wahr, die sanft aus allen Ecken ertönen. Es ist wieder Lammzeit in der Lüneburger Heide, für Schaf wie Schäfer bedeutet das hauptsächlich: Stress. Schäfer Clemens Lippschus vom Verein Naturschutzpark (VNP) freut sich darauf, ab Mitte April mal wieder eine Nacht durchzuschlafen. Seine Arbeitstage momentan sind lang, die Nächte kurz: „Um 7 Uhr morgens füttere ich die Schafe, mache alles fertig, dann kommen die Schafe in den Stall. Und von da an schaue ich etwa alle zwei Stunden, ob ein Tier gelammt hat. Das ist in der Regel stündlich der Fall.“

Heidschnucken haben starke Muttergefühle

Knapp 300 Lämmer sind in seiner Herde in den vergangenen Wochen zur Welt gekommen. „Gerade wird es wieder etwas ruhiger“, berichtet der 29-Jährige. „Es geht immer kleckerweise los, dann kommt die heiße Phase und danach kleckert es sich langsam wieder aus.“

Innerhalb von anderthalb Wochen hat Lippschus in seiner Herde 200 Neuzugänge begrüßt. „Da war an Schlaf wirklich nicht zu denken.“ Die Lammzeit ist für den Schafhüter, die schönste, aber auch die anstrengendste Zeit des Jahres. Auch nachts schaut er etwa alle zwei Stunden im Stall nach dem Rechten, einen Wecker brauche er dafür nicht. „Ich habe soviel Adrenalin im Blut, da werde ich von ganz alleine wach, ich mache das nach Gefühl.“ Wenn es gut läuft, schafft er es, sich mittags mal für eine Stunde aufs Ohr zu legen, „aber das ist momentan Nebensache.“ Lippschus leistet Geburtshilfe, betreut die Lämmer und füttert im Notfall mit der Flasche zu. Clemens Lippschus ist zufrieden mit dem bisherigen Verlauf der Lammzeit. „Es gab keinerlei Komplikationen, 80 Mutterschafe müssen noch lammen, dann haben wir es für dieses Jahr geschafft.“

Nach sechs bis acht Wochen laufen die Lämmer mit

Heidschnucken sind leichtlammige Tiere, Schwergeburten gibt es selten, erklärt er. Viel zu tun hat der gelernten Heizungsbauer dennoch: „Wenn die Tiere die ersten Wehen haben, sind ihre Muttergefühle manchmal schon so stark, dass sie sich einfach ein Lämmchen klauen. Da muss ich dann natürlich dazwischen gehen“ Manchmal fehle aber auch die Bindung der Mutter zu ihrem Kleinen. Um diese zu gewährleisten, kommen Mutter und Lamm die ersten Tage in eine „Lammbox“. So nennen Schäfer die kleinen Gehege im Stall, genug Platz für eine große und eine kleine Schnucke. Dort nehmen die Lämmchen ihre erste Muttermilch zu sich, diese sogenannte „Biestmilch“ ist für sie lebensnotwendig. Lippschus: „Lämmer werden ohne Abwehrkräfte geboren, die bekommen sie erst durch die Milch.“

Die nächste Station im jungen Lamm-Leben ist nach wenigen Tagen der „Kindergarten“. Das ist ein etwas größeres Gehege im Stall, dort werden mehrere Mutterschafe mit ihren Lämmern gehalten. Etwa sechs bis acht Wochen nach ihrer Geburt laufen die Tiere das erste Mal für ein paar Stunden mit der Herde mit, um sie langsam in die Heidepflege „einzuarbeiten“. „Am Anfang sind sie sehr verspielt, werden schnell müde, schlafen mal in der Sonne ein oder laufen weg“, berichtet Lippschus. „Das ist auch nochmal eine stressige Zeit, in der man sehr aufmerksam sein muss.“ Der Einsatz der Schafe in der Heide ist unverzichtbar, nur durch ihren ständigen Verbiss von aufkommenden Gehölzen, Gräsern und Kraut kann sie als Kulturlandschaft erhalten bleiben. In jeder der sechs Schafherden des VNP liegt der Ziegenanteil bei mindestens fünf Prozent, weil diese das Gehölz besser zerbeißen als Schafe.

Heute ist ein ungemütlicher Tag, draußen schüttet es. Ob Lippschus sich in solchen Momenten doch manchmal in ein warmes und trockenes Büro wünscht? „Auf gar keinen Fall“, sagt er sofort. „Manchmal zieht sich so ein Tag schon, aber ich wollte schon immer Schäfer werden, ich gehöre nach draußen.“ Lippschus strahlt. „Wenn man im Frühling auf der Weide ist, die Sonne scheint und die Lämmer hüpfen über die Wiese, dann muss man diesen Beruf einfach lieben.“

Von Lea Schulze