Donnerstag , 1. Oktober 2020
Soll die Fuchsjagd wegen der Mäuseplage reduziert oder eingestellt werden? Darüber streiten derzeit Nabu und Jägerschaft. Foto: A/dpa

Auf den Fuchs gekommen

Lüneburg. Nach der Trockenheit der vergangenen zwei Jahre haben sich die Feldmäuse rasant vermehrt – ganz zum Leidwesen der Landwirte. Die Nager fressen Wiesen kahl, Bauern bangen um ihre Futterbestände. Laut Landwirtschaftsministerium sind derzeit in Niedersachsen bis zu 150 000 Hektar Grünland massiv durch die Mäuseplage beschädigt. Auf der Suche nach Lösungen gerät nun ein Fressfeind ins Visier: der Fuchs. Die Landwirtschaftskammer Niedersachsen rät zu Gesprächen mit der Jägerschaft, „denn nicht in jedem Fall muss der Fuchs aktuell bejagt werden“. Eine zeitweilige Einschränkung der Fuchsjagd gilt als eine Maßnahme zur Verhinderung eines starken Mäusebefalls.

Die Nabu-Kreisgruppe Lüneburg hat dazu ihre eigene Interpretation, erkennt in dem Vorstoß einen längst überfälligen Schritt in Sachen Tierschutz: „Es gibt kein Tier, das so scharf bejagt wird wie der Fuchs“, sagt Vorsitzender Thomas Mitschke. „Bei der Bau- und Fallenjagd geht es immer barbarisch und grausam zu.“ Begriffe, die der Vorsitzende der Lüneburger Jägerschaft, Christian Voigt, für absurd hält. Zwar sei die Jagd auf den Fuchs mit Fallen und Dackeln gesetzlich erlaubt, komme in der Region aber nur selten vor.

„Es gibt kein Tier, das so scharf bejagt wird wie der Fuchs.“ – Thomas Mitschke, Nabu-Vorsitzender

So äußerte er sich – auf Anfrage der Linken – jüngst auch in einer Stellungnahme gegenüber der Kreisverwaltung: Solange sich ein Jäger bei der Bejagung, ganz gleich ob mit Falle oder Waffe, im Rahmen der Gesetze verhalte, sei die Jagd auf den Fuchs nicht zu beanstanden. „Auf der Ebene des Landkreises besteht hier keine Regulierungsoption.“ Zumal die Jagd auf den Fuchs ja auch zum Schutz der Wiesenbrüter beitrage. Ganz zu schweigen vom Niederwild.

So reagieren die Ministerien

Hilfe für Landwirte

Landwirtschafts- und Umweltministerium haben ein schnelleres Antrags- und Genehmigungsverfahren auf den Weg gebracht, um den betroffenen Landwirten zu helfen. Von der Mäuseplage betroffene Betriebe aus Niedersachsen können seit dem 19. Februar mit einem gesonderten Formular Anträge auf Wiederherstellung der Grünlandnarbe im Rahmen außergewöhnlicher Umstände bzw. höherer Gewalt stellen. Zu bürokratisch findet das Thorsten Riggert, Vorsitzender des Bauernverbands Nordostniedersachsen. Er plädiert für ein einfache Anzeige der befallenen Flächen, um diese unkompliziert umgraben und neu besäen zu können.

Mitschke zweifelt das an, spricht gar von einem „Hobby unter dem Deckmantel des Wiesenvogelschutzes und der Niederwildhege“. Dabei handele es sich beim Fuchs um einen wahren „Gesundheitspolizisten“, der vor allem kranke und schwache Tiere erbeute. Seine Bedenken zur Jagd mit aus seiner Sicht zweifelhaften Methoden habe er auch in einem offenen Brief an die Kreisjägerschaft formuliert – jedoch ohne eine Antwort zu erhalten. Voigt bestätigt der LZ, dass er Post von Mitschke bekommen habe, „aber nicht vom Nabu“.

Das sei für ihn der springende Punkt: Nach diversen Unstimmigkeiten in der Vergangenheit hätte er durchaus auf ein Schreiben von der Naturschutzorganisation reagiert, aber nicht auf Mitschke als Privatperson. Der ist nicht groß verwundert, hat sich in der Zwischenzeit für die Gründung der Gruppe „Pro Fuchs“ in Lüneburg stark gemacht und kündigt an, die Bevölkerung über die Jagdmethoden informieren zu wollen, mit seinen elf Mitstreitern für ein Ende der gesetzlich legitimierten Fuchsjagd zu demonstrieren.

Deichverband setzt auf Greifvögel

Voigt glaubt nicht daran, dass die Aktion von Erfolg gekrönt sein wird. Die Jägerschaft pflege auch zu den Landwirten ein gutes Verhältnis, in begründeten Einzelfällen verzichte man mitunter sogar auf die Fuchsbejagung. Noch erfolgreicher in der Mäusejagd seien aber Greifvögel. Darauf setzt auch der Artlenburger Deichverband. Laut Deichhauptmann Hartmut Burmester wurden zum Schutz der Deiche vermehrt Greifstangen aufgebaut, damit Bussard und Co. von dort aus die Nager ins Visier nehmen können, denn: „Es gibt dort schon ein erhebliches Schadbild durch die Mäuse.“ Diese zerstören die Grasnarbe auf den Deichen und stellen damit eine Gefährdung für den Hochwasserschutz dar. In puncto Fuchs schlägt derweil das Niedersächsische Landwirtschaftsministerium ganz andere Töne an:

Der Fuchs habe nicht den geringsten Einfluss auf die Mäusepopulation, teilt Sprecherin Natascha Manski auf Anfrage mit. Dazu folgende Erläuterung: Der Fuchs bevorzuge eine breite Palette an Nahrung. „Untersuchungen haben belegt, dass – obwohl Mäuse flächendeckend vorkommen – teilweise nur jeder achte Fuchs Mäuse aufgenommen hat. Mäuse wurden nur bis zu 21 Prozent in seinem Magen nachgewiesen.“

Maximal 30 Kilogramm Mäuse vertilge der Fuchs im Jahr, so Manski. Sein Revier sei in etwa 250 Hektar groß. Die Sprecherin rechnet vor: „Die alten und die jungen Füchse fressen höchstens 150 Kilo Mäuse auf diesen 250 Hektar Reviergröße, das sind bis zu 7500 Mäuse im Laufe eines Jahres. Es leben auf diesen 250 Hektar Fläche aber bis zu 750 000 Mäuse zeitgleich, also das 100-fache von dem, was die Füchse ganzjährig fressen.“

Von Anna Petersen