Mittwoch , 23. September 2020
Ramadan Y. verbirgt sein Gesicht zum Prozessauftakt hinter einem Aktenordner. Foto: be

Ziegelstein-Prozess wird neu aufgerollt

Lüneburg. Unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen und strengen Einlasskontrollen startete am Donnerstag das Verfahren gegen Ramadan Y. neu. Dem 39-jährigen Mann aus dem Sudan wird versuchter Totschlag in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung vorgeworfen.

2018 war er in eine tätliche Auseinandersetzung zwischen Einheimischen und Zuwanderern in der Bleckeder Landstraße verwickelt. Im Zuge des Streits soll er mit einem drei Kilogramm schweren Ziegelstein mehrere Ausholbewegungen gemacht und den Stein schließlich mit großer Wucht gegen den Kopf von Sascha W. geworfen haben. Dieser soll währenddessen auf dem Boden mit einer weiteren Person gekämpft haben und wehrlos gewesen sein. W. erlitt schwere Verletzungen, unter anderem einen Schädelbruch.

Freispruch wegen nicht ausschließbarer Schuldunfähigkeit

Ramadan Y. soll laut Staatsanwaltschaft danach ebenfalls mit einem Ziegelstein nach einer Frau geworfen haben, die durch ihr Dazwischentreten weitere Tätlichkeiten auf den am Boden liegenden Mann verhindert habe. Die Staatsanwaltschaft ist davon überzeugt, dass Y. den Tod des Sascha W zumindest billigend in Kauf genommen hat.

Wegen nicht ausschließbarer Schuldunfähigkeit hatte das Landgericht ihn im ersten Anlauf freigesprochen, ordnete jedoch zugleich die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an. Auf dessen Revision hin hob der Bundesgerichtshof das Urteil auf, deswegen wird nun vor einer anderen Strafkammer erneut verhandelt.

Wie Pressesprecher Nicolas Vollersen gegenüber der LZ erklärte, sei nun wieder jeder Ausgang des Verfahrens möglich: „Der Angeklagte kann vollständig freigesprochen werden, es kann erneut eine Maßregel angeordnet werden, er kann zu einer Strafe verurteilt werden, auch eine Verurteilung und die Einweisung in eine Psychiatrie sind möglich.“ Aus Sicht des Bundesgerichtshofs habe die 4. große Strafkammer des Landgerichts Lüneburg die Gründe für die Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung nicht ausreichend dargelegt.

Bundesgerichtshof hob ursprüngliches Urteil auf

Zu den Vorwürfen linksgerichteter Organisationen, dass ein rassistischer Hintergrund des ganzen Vorfalls nicht ausreichend gewürdigt worden sei, wollte Nicolas Vollersen sich nicht äußern. „Der Sachverhalt wird jetzt neu aufgerollt, und alle erforderlichen Umstände werden von der Kammer geprüft.“ Vertreter verschiedener Organisationen saßen bei der gestrigen Anklageverlesung im Zuschauerraum, ebenso zahlreiche Freunde von Ramadan Y., die er aus der Ferne freudig begrüßte.

Seit Ende vergangenen Jahres sitzt Y. wieder in Untersuchungshaft. In den kommenden Wochen wird die Kammer entscheiden müssen, ob bei ihm eine schwere psychische Erkrankung vorliegt und ob er aufgrund einer solchen für die Allgemeinheit gefährlich ist. Es sind ein knappes Dutzend Zeugen geladen, die Kammer hat zwei Sachverständige hinzugezogen. Nächster Verhandlungstag ist der 17. März.

Von Lea Schulze