Sonntag , 27. September 2020
Jürgen Kaube (r.) mit Gesprächspartner Tilman Lahme. Foto: tm

„Warum nicht Kochen statt Physik?“

Lüneburg. 16 Bundesländer mit fast ebenso vielen verschiedenen Konzepten, Schulen als Spielball politischer Ideologien, dazu regelmäßig Prügel im Pisa-Ranking – über kaum ein Thema lässt sich in Deutschland trefflicher streiten als das Bildungssystem. Jürgen Kaube hat dazu eine Meinung, und zwar eine entschiedene. Die tat der Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am Montag auf Einladung des Vereins Literaturbüro Lüneburg im voll besetzen Heinrich-Heine-Haus kund. Mit dem Titel seines neuen Buches „Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder?“ hatte der FAZ-Feuilleton-Chef die Grundlage für einen ebenso spannenden wie unterhaltsamen Abend gelegt, bei dem er sich mit Tilman Lahme, ebenfalls Autor und Verwaltungsprofessor an der Leuphana, verbal die Bälle zuwarf.

Neue politische Vorgaben sorgen für viele neue Baustellen

Die Probleme von Schule in der heutigen Zeit – da gibt es angesichts antiquierter Lehrpläne, schlechter Ausstattung und ständiger neuer politischer Vorgaben viele Baustellen. Und schon die Voraussetzung für motivierte Klassen seien denkbar schlecht, weiß Kaube: „Zum Arzt oder Anwalt gehen Sie, weil Sie ein Anliegen haben. Lehrer aber haben das Pech, dass ihre Klienten nicht freiwillig da sind.“

Und in der Schule stoßen die Probanden auf ein Lehrsystem, das in vielerlei Hinsicht mit der heutigen Zeit nicht mehr viel gemein hat. Viele Themenkomplexe würden nicht mehr hinterfragt, weil viel überflüssiger Stoff durchgezogen werden muss, hätten die Lehrer oftmals nicht mehr die Zeit, Schüler, die hinterherhinken, mitzunehmen.
„Keiner kann mir erklären, warum auf dem Stundenplan sechs Stunden für die Römer und vier für die Griechen steht und warum wir die Ägypter ausführlich behandeln, anstatt uns mehr auf weniger Komplexe zu konzentrieren“, kritisiert der Journalist. Beispiel Futur II: „Das gibt es in unserer eigenen Umwelt praktisch nicht mehr, da können Kinder noch so lange bei Youtube unterwegs sein.“

„Deutsch ist längst eine Fremdsprache“

Beispiel Sprachen: „Deutsch ist längst eine Fremdsprache“, weiß Kaube. „Dennoch werden heute Werke wie die Judenbuche gelesen.“ Ein mühseliges Vorhaben, weil reihenweise erst mal die Begriffe erklärt werden müssten. „Wieso muss man überhaupt Physik und Chemie machen, wieso steht stattdessen nicht Kochen als Fach auf dem Stundenplan, da stecken beide Fächer ja mit drin?“ Und er sehe keines Kindes Zukunft gefährdet, weil es kein Physik hatte.

Resümee: Zum einen werde zu viel gelehrt, was die Schüler gleich wieder vergessen können, weil sie es nie brauchen werden. Zum anderen werde schon in jungen Jahren falsch unterrichtet, sagt der FAZ-Herausgeber: „In den ersten Grundschuljahren dürfen die Kinder nach Gehör schreiben und in der dritten Klasse heißt es plötzlich, ihr schreibt ja alles falsch – so vorzugehen, ist nahezu verbrecherisch.“

Viele Studiengänge beziehen sich nicht auf Schulfächer

Überhaupt, die Vorbereitung aufs spätere Leben: „Die meisten Studiengänge beziehen sich auf Fächer, die es an der Schule nicht gibt. Jura, BWL, Medizin…“
Und welche Lösungsansätze gibt es? Zentralabitur wäre schon ein Weg, meint Jürgen Kaube, allerdings eher in der Theorie: „Denn dann wird es Gymnasien geben, in denen schaffen plötzlich von 300 Schülern nur noch 12 das Abitur, das hält die Politik nicht aus.“ Konsequenz wären sinkende Standards und ein Wechsel von der Abschlussprüfung zur Eingangsprüfung. „Das aber ist auch mit extremer sozialer Ungerechtigkeit verbunden, denn manche könnten sich dann teure Schulen leisten, die gezielt auf diese Eingangsprüfung vorbereiten.“
Einen ersten Schritt aber hält der Autor für unabdingbar: „Die Erziehungswissenschaftler müssen sich etwas anderes suchen, die verstopfen nur die Köpfe.“ Rein in G8, zurück zu G9, „was tun die den Schulen bloß an“.

Von Thomas Mitzlaff