Dienstag , 22. September 2020
Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil diskutiert mit Studenten der Leuphana. (Foto: Leuphana/Patrizia Jäger)

„Wir stolpern so vor uns hin“

Lüneburg. Der Zeitrahmen bereits überzogen, die eigentlich letzte Frage schon beantwortet, trotzdem rief ein Student seine Frage, nun ohne Mikro, dem Podium zu. Letztlich konnte an diesem Abend nicht auf alle Fragen eingegangen werden. Zu groß war das Interesse, als Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil im Zentralgebäude der Universität als Gast auf dem Podium saß. Eingebettet in die Konferenzwoche sollte er einen Gedankenanstoß geben und mit den Studenten diskutieren. Was bewegt die Gesellschaft, die Politik und die Wissenschaft? Welche Antworten werden gebraucht? Das waren die Leitfragen der Veranstaltung mit dem Titel „Lokal? Global? Digital?“.

Was zumindest die Studenten bewegt, wurde früh deutlich, es ist vor allem der Klimawandel. Wie mit der Unsicherheit und Ungewissheit über die Zukunft leben, ohne durchzudrehen? Das Vertrauen in Politik und Politiker ist nach 30 Jahren, in denen klimapolitisch wenig passiert ist, spürbar gesunken. Welche Möglichkeiten politischer Einflussnahme bieten sich noch, wenn doch bereits jetzt Massen auf die Straße gehen und für eine stringentere Klimapolitik demonstrieren?

Für Deutschland war 2019 eine Zäsur

Politisches Engagement sei ungemein wichtig, sagte Weil: „Die Erfahrungen des vergangenen Jahres zeigen, dass öffentlicher Druck in einer funktionierenden Demokratie auch zu Veränderung führt: Für Deutschland war das Jahr 2019 eine Zäsur.“ Auch wenn die politische Umsetzung von vielen als Enttäuschung angesehen werde, hätte sie dem Klimaschutz einen völlig anderen Stellenwert gegeben und zum Umdenken in der Wirtschaft geführt. Neben einer CO₂-Bepreisung komme besonders der Energiepolitik eine zentrale Rolle zu. „Da stolpern wir so vor uns hin, in einer Zeit, wo eigentlich sehr konkreter Zubaubedarf vorhanden ist. Daran müssen wir arbeiten“, gab der Landespolitiker zu. Die Chancen dafür bestünden sowohl auf Bundes- und Länderebene, aber auch in Kommunen: „Angepasste Energiesysteme und unterschiedliche Verkehrskonzepte wirst Du am Ende immer nur kommunal umsetzten können.“

Doch reicht das alles überhaupt aus? „Sollte nicht der Begriff ,Wohlstand‘ neu definiert werden, als ein Wohlstand, an dem alle Teil haben?“, regte eine Studentin kritisch an. „Müssten wir nicht eigentlich über ein ganz anderes Modell des Wirtschaftens nachdenken, das nicht davon lebt, dass wir unseren Planeten ausbeuten?“, ergänzte ein Kommilitone.

Klimaschutz braucht Zustimmung

„Das ist ein Bewusstsein, dass im Großteil der Bevölkerung nicht vorhanden ist und dabei natürlich eine total interessante Vision“, fand Weil: „Ich würde mir sehr wünschen, dass es schnell durchführbar ist. Das glaube ich jedoch nicht“.

Es sei wichtig, alle Betroffenen mitzunehmen, grundsätzlich, doch momentan gerade beim Thema Klima. „Klimaschutz braucht Zustimmung. Denn ohne Zustimmung in der Gesellschaft geht es in der Demokratie nicht“, machte Weil deutlich. Und die Gesellschaft sei in dieser Hinsicht gespalten: in diejenigen, die mehr Aktivitäten fordern und die, denen das zu schnell und zu viel wird. Daher würde es nicht funktionieren, einfach einen Schalter umzulegen, sondern nur als konsequenter Prozess, der jedoch Zeit brauche.

Doch, ob sich unsere Gesellschaft die noch nehmen kann, bezweifeln viele. Ihnen geht es nicht schnell genug. Die Diskussion setzt sich somit auch nach dem Ende der Veranstaltung im informellen Rahmen kontrovers fort über Politik und Visionen einer möglichen Zukunft.

Von Tjade Brinkmann