Freitag , 18. September 2020
Das Neugeborene schreit, die Geburt ist überstanden. Aus medizinischen Gründen wird für die Einleitung gelegentlich auch das Medikament „Cytotec“ eingesetzt. Das scheint nun in Verruf geraten zu sein – zu Unrecht, wie Prof. Dr. Peter Dall findet. (Foto: Adobe Stock)

„Geburtshilfe wird an den Pranger gestellt“

Lüneburg. Für Verunsicherung und heftige Diskussionen haben bundesweite Berichte über das Medikament „Cytotec“ gesorgt, das zur Geburtseinleitung eingesetzt wird, obwohl es dafür nicht zugelassen ist. Unter anderem die Süddeutsche Zeitung und der Bayerische Rundfunk hatten berichtet. Folgen könnten Wehensturm, Gebärmutterriss sowie mütterliche und kindliche Todesfälle sein, hieß es. Prof. Dr. Peter Dall, Chefarzt der Frauenklinik am Lüneburger Klinikum, ist – gelinde gesagt – irritiert, dass „die gesamte Geburtshilfe an den Pranger gestellt wird“.

Wirkstoff wird sogar ausdrücklich empfohlen

Entgegen der Berichterstattung sei der Wirkstoff Misoprostol des Medikaments „Cytotec“ zur Geburtseinleitung unter Experten nicht umstritten, sondern werde unter anderem von der Weltgesundheitsorganisation empfohlen, macht Dall deutlich. Er weist auch auf die jüngst herausgegebene Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) hin, in der es heißt: Es gibt keinen Wirkstoff zur Geburtseinleitung, der ähnlich gut untersucht wurde.

Die Anwendung von Cytotec berge aber in der Tat auch Risiken, wenn im Vorfeld eine Operation der Gebärmutter, zum Beispiel ein Kaiserschnitt oder die Entfernung von Myomen, erfolgt sei. Hier gebe es unabhängig von der Geburtseinleitung immer das Risiko, dass es zu einer Uterusruptur (Gebärmutterriss) mit entsprechenden Risiken für Mutter und Kind kommen könne. „In dieser Situation darf Misoprostol nicht angewendet werden. Es ist verboten und wäre ein Kunstfehler“, sagt der Mediziner.

Keine Einleitung ohne medizinischen Grund

Für die Einleitung einer Geburt gebe es unterschiedliche Gründe. Ein Beispiel sei eine Schwangerschaftsvergiftung, durch die es zu einer Minderversorgung des Kindes sowie zu Nieren- und Leberschäden bei der Mutter kommen könne. Um Mutter und Kind nicht zu gefährden, könne man einen Kaiserschnitt vornehmen oder aber der natürlichen Geburt eine Chance geben. „Mit dem Einleitungsverfahren kann man die natürliche Geburt in Gang setzen.“ Dall hebt hervor, dass die Einleitung immer einen medizinischen Grund brauche. „Wir führen sie nur durch, wenn die Unterlassung ein höheres Risiko für Mutter und Kind bedeuten würde.“

Laut DGGG werden Komplikationen in der Geburtshilfe kontinuierlich erfasst und an eine zentrale Stelle gemeldet. Entgegen Berichterstattungen in einigen Medien könne man aus diesen Daten schlussfolgern, „dass Frauen, die zur Geburt eingeleitet werden (und keine Gebärmutteroperation im Vorfeld hatten), sogar ein niedrigeres Risiko für schwere Komplikationen erleiden“.

Nicht ungewöhnlich, dass die Zulassung fehlt

Bei den Eltern-Info-Abenden in der Frauenklinik wird Dall zu dem Thema detailliert informieren. Auch zu dem Vorwurf, dass es sich bei Cytotec um ein zur Geburtseinleitung nicht zugelassenes (off-label-use) Medikament handele. „80 Prozent der geburtshilflichen Medikamente sind nicht explizit dafür zugelassen, da aus versicherungstechnischen Gründen seit dem Contergan-Skandal kaum Studien in der Geburtshilfe finanzierbar sind. Jede Frau wird über jedes Medikament aufgeklärt, welches außerhalb des Zulassungsbereiches eingesetzt werden soll.“

Von Antje Schäfer