Freitag , 18. September 2020
In Amt Neuhaus erinnert unter anderem diese Gedenkstätte an die Zwangsumsiedlungen entlang der damaligen innerdeutschen Grenze. (Foto: privat)

Erinnerung besser organisieren

Lüneburg. Das Marschhufendorf Konau/Popelau, das Grenztruppengebäude Bitter, die Heimatstube Rüterberg, das Grenzlandmuseum Schnackenburg und viele mehr. Es gibt zahlreiche Museen, Ausstellungen, Erinnerungsorte und Gedenkorte, die sich mit der Geschichte der ehemaligen innerdeutschen Grenze auseinandersetzen. Aber jede tut das für sich, es fehlt an Koordination und Konzepten, das fanden die Verantwortlichen der „Metropolregion Hamburg“ – und wollen das ändern.

Die Metropolregion beauftragte das Institut für Didaktik und Demokratie (IDD) der Leibniz Universität Hannover damit, sich Gedanken über eine bessere Zusammenarbeit zu machen. Erste Ergebnisse wurden jetzt in Lüneburg vorgestellt. Ziel ist, die Geschichte der ehemaligen Grenze zwischen Bundesrepublik und DDR im Bereich der Metropolregion Hamburg im Zuge des Projekts „Grenzgeschichte(n)“ erstmals zusammenhängend zu erzählen.

In einem ersten Schritt haben die Wissenschaftler dazu die Daten von 24 ausgewählten Museen, Ausstellungen und Erinnerungsorten erhoben. Alle Gedenkstätten wurden besucht, Informationen wurden abgefragt, von der Erreichbarkeit und dem Rechtsstatus der Räume über die Barrierefreiheit und die Finanzierung bis hin zum Leitbild und der Bedeutung für den Umkreis.

„Wir wollen die Erinnerungskultur fördern, müssen aber auch den Freizeitwert sehen.“ – Harald Ottmar, Amt für regionale Landesentwicklung

Die Ergebnisse ihrer Arbeit legten die Wissenschaftler jetzt vor. Enthalten sind jeweils eine Beschreibung des Objekts, Potenziale und Besonderheiten, Probleme und schließlich Handlungsempfehlungen. In der folgenden zweiten Projektphase können sich die insgesamt 24 Erinnerungsorte bei der Metropolregion Hamburg um eine gezielte Förderung ihrer Einrichtung bewerben.

Harald Ottmar, Direktor beim Amt für regionale Landesentwicklung, Jürgen Schulz, Landrat des Landkreises Lüchow-Dannenberg, der die Federführung des Vorhabens hat, und Christian Hellwig von der Leibniz Universität, stellten das Projekt vor. Mit über einer halben Million Euro trägt die Metropolregion Hamburg 80 Prozent der Gesamtkosten des auf drei Jahre angelegten Projektes.

Erinnerungsorte sollen attraktiv sein

Ottmar: „Es ist gut, dass uns die ehemalige Grenze 30 Jahre nach dem Mauerfall nicht mehr Tag für Tag präsent ist. Die Geschichte und aktuelle Ereignisse zeigen aber, dass es wichtig ist, uns immer wieder zu erinnern.“ Und weiter: „Wir wollen die Erinnerungskultur fördern, müssen aber auch den Freizeitwert sehen.“ Die Erinnerungsorte sollen für potenzielle Besucher attraktiv sein.

Dem Landkreis Lüchow-Dannenberg als bevölkerungsärmsten Kreis innerhalb der Metropolregion, sei es nicht leicht gefallen, die Federführung für das Projekt zu übernehmen, erklärte Landrat Jürgen Schulz. Von den knapp 1400 Kilometern innerdeutscher Grenze, davon mehr als 300 Kilometer im Bereich der Metropolregion Hamburg, verliefen allein 155 durch den Landkreis Lüchow-Dannenberg. Der sei ehemals von drei Seiten von der Grenze umschlossen gewesen, da sei die Projektleitung „quasi eine Pflicht für uns“ gewesen.

Was Hellwig und seine Kollegen empfehlen, ist unter anderem eine „stärkere Professionalisierung der Einrichtungen“, die in der Regel durch private Initiativen getragen werden. Die Einrichtungen müssten sich „zu themenübergreifenden Lernorten“ weiterentwickeln. Auch die stärkere Ausrichtung der Ausstellungen auf den jeweiligen Ort sollte vorangetrieben werden.

Wenig Forschung über das Leben in der ehemaligen DDR

Verbunden mit der Präsentation der Untersuchungsergebnisse fand in Lüneburg auch ein Workshop für die Vertreter von Museen und Erinnerungsstätten statt. Als Referent kam dazu auch Gerhard Sälter, Leiter der Abteilung Forschung und Dokumentation der Stiftung Berliner Mauer, nach Lüneburg. Seine feste Überzeugung: In der Forschung über das Leben in der ehemaligen DDR sei in den zurückliegenden 30 Jahren „extrem wenig“ passiert.

Von Ingo Petersen