Donnerstag , 24. September 2020
Wie unter einer Tarnkappe lebt eine Frau mit ihrem dreijährigen Sohn in der Region. Nach einem tätlichen Angriff ihres Ex-Partners war sie Hals über Kopf in den Norden gezogen. (Foto: Adobe Stock)

Leben unter einer Tarnkappe

Lüneburg. An ihrer Haustürklingel ist kein Namensschild, in ihrem Flur kein Garderobenhaken und noch hängt nicht jede Lampe. Und doch atmet die Frau, die in dieser Geschichte Karla* heißen soll, in ihrer neuen Wohnung tief durch: „Wir haben hier einen Schutzraum, fühlen uns zumindest ein bisschen sicherer.“

Wir – das sind die 44-Jährige und ihr jüngster Sohn Mick* (3). Sie sind vor neun Monaten Hals über Kopf aus dem Südwesten der Republik in den Norden geflohen. Sie brachten 650 Kilometer zwischen sich und André*, den gewalttätigen Ex von Karla, der zugleich Micks Vater ist.

Seitdem leben sie wie unter einer Tarnkappe – beraten von einer Polizistin, die in Karlas alter Heimat für Gewaltprävention zuständig ist. Aber eine Tarnkappe, die vor Gewalt schützt, fordert hohe Opfer. Karla reduzierte ihren Job an einer Uni von Vollzeit auf 450-Euro, gab Wohnung, Freundeskreis und ihr Engagement im Vorstand einer Partei auf. „Und am schlimmsten ist: Ich sehe meine Tochter Cleo* nur noch selten.“ Die 16-Jährige blieb bei ihrem Vater im Südwesten, dem langjährigen Ehemann von Karla. „Deshalb wird meine Erleichterung überlagert von der Trauer um meine Verluste.“

Immerhin: Jan* (19), ihr ältester Sohn, wechselte seinen Studienort, um seine Mutter unterstützen zu können. Sowohl er als auch seine Schwester haben in den sozialen Medien Vorkehrungen getroffen, damit die Mutter nicht aufgespürt werden kann.

Jugendamt legt geheime Adresse offen

Nun ist Karla die Tarnkappe weggerissen worden – von der Justiz. André will sein Recht auf Umgang mit seinem Sohn einklagen. „Bei der Anhörung vor dem Familiengericht war meine Adresse offen einsehbar“, klagt Karla. „Welchen Sinn macht Opferschutz, wenn er vom Umgangsrecht ausgehebelt wird? Was bringt es, dass Deutschland 2017 die Istanbul-Konvention gegen Gewalt gegen Frauen unterschrieben hat, wenn dies im Alltag ignoriert wird?“

Am stärksten erbittert die dreifache Mutter, „dass das Familiengericht bei seiner Entscheidung, was für Mick das Beste sein soll, nicht interessiert hat, was wir erlitten haben.“ Sie greift zu drei Ordnern, in denen Dokumente, Bilder und Chat-Ausdrucke vieles von dem belegen, was sie dann erzählt: Wie ihr Leben und das ihrer Kinder entgleiste, weil sie sich in den falschen Mann verliebte. „Er hatte eine Freundschaftsanfrage über Facebook gestellt. Weil ich glaubte, ihn vom Sehen bereits zu kennen, stimmte ich zu.“ Bei den ersten Treffen verliebte sich Karla. „Er sah sehr gut aus. Und sagte mir, was ich hören wollte. Ich sehnte mich nach Aufmerksamkeit.“ Ihre Ehe war nach 14 Jahren in Funktionalität erstarrt und gescheitert.

Schon früh kam es zu Irritationen, wie Karla sich erinnert. „Er hat mich schnell isoliert, auf die nette Tour. Sagte etwa: ‚Ich brauche diese Treffen und Feiern nicht mehr – du etwa?‘“ Andere spürten durchaus Alarmierendes. „Meine damals zwölfjährige Tochter wollte nicht mehr mit ihm allein in der Wohnung sein, kam immer seltener aus ihrem Zimmer. Sie traute ihm gar nicht. ‚Er meint etwas anderes, als er sagt‘, waren ihre Worte.“ Karla lächelt gequält. „Doch das will man nicht hören, wenn man verliebt ist.“ Schnell wurde sie schwanger. André, der sich beim Kennenlernen noch gebrüstet hatte, ein „Familienmensch“ zu sein, habe sie nun gefragt: „Kannst du das nicht abtreiben?“ Karla ließ sich nicht beirren, doch es wurde schlimmer. „Er zeigte in der Schwangerschaft kein Interesse. Da fragte ich mich schon: ‚Oha, mit dem mein ganzes Leben verbringen?‘“ Es kam zu einem Notkaiserschnitt. „Bei seinen Besuchen in der Klinik hat er nur Fußball geguckt.“ Zu Hause keine Hand gerührt. Nicht eingekauft. „Statt mir zu helfen, hat er nur den übervollen Windeleimer und das ungemachte Bett wie einen Tatort fotografiert.“ Wegen Komplikationen musste Karla noch mehrmals unters Messer, ihre Mutter kam, um sie zu unterstützen.

Beim Spazieren gehen eskalierte ein Streit

„Natürlich habe ich ihm Vorwürfe gemacht, dass er immer zwei Gesichter zeigt. Da wurde es körperlich. Er kam bis wenige Zentimeter vor mein Gesicht, verspottete mich, nannte mich ‚alte F…‘. Das war fast schon sadistisch.“ Als er seinen quengelnden Sohn in der Armbeuge schüttelte, „sprang meine Mutter dazwischen“. Zog sich André schmollend in sein Zimmer zurück, „war ich ganz lieb, um ihn zu besänftigen.“ Vergeblich. Beim Spazieren gehen eskalierte ein Streit, erinnert sich Karla. „Er riss so am Kinderwagen, dass ich Mick gerade noch abfangen konnte, bevor er rausfiel. Passanten kamen zu Hilfe. Da drehte er auf dem Absatz um und ging nach Hause. Dort fälschte er meine Unterschrift, um die Wohnung zu kündigen.“

Im Dezember 2016, der Säugling war vier Monate alt, steigerte sich André in Eifersucht hinein. „Ich sagte zu ihm: ‚Du musst zum Psychiater‘. Da ging er mit ausdruckslosem Gesicht zu einer großen Vase, warf sie nach mir. Dann goß er seinen Kaffee über Mick. Ich musste um mein Leben und um das von Mick kämpfen. Nun zerplatzte ein Blumentopf an der Wand. Ein Splitter zerkratzte Micks Stirn. Als ich aus der Wohnung floh, packte er mich von hinten, würgte mich und drückte mich an die Wand.“ Karla kämpfte sich frei, flüchtete zur Polizei. Als sie unter Polizeischutz zurückkam, um Wäsche und Windeln zu holen, „öffnete er mit einem Glas Wein in der Hand, parfümiert, die Wohnung aufgeräumt. Er fragte die Beamten: ‚Was kann ich für Sie tun? Hier ist nichts passiert!‘“

Karla zog mit ihren Kindern in eine Kellerwohnung, blieb aber in der Stadt.

Schreie, Drohungen und tote Tiere

Unter der Auflage, dass André ein Gewaltsensibilisierungstraining absolviere, wurde kein Verfahren eröffnet. „Bei Umgangstreffen mit Mick beteuerte er: ‚Du musst das nie wieder erleben.‘“ Karla schüttelt den Kopf – über sich selbst: „Man will das hören, will Harmonie.“ Nachdem während der gemeinsamen Zeit schon der Frosch und die Fische der Tochter unter seiner Obhut gestorben waren, starb nun noch Karlas Katze, die vorübergehend in der alten Wohnung geblieben war. „Die tote Katze knallte er in einem Schuhkarton auf den Tisch und sagte: ‚Jetzt hole ich mir das Kind.‘

André ging zum Anwalt, doch Karla behielt das alleinige Sorgerecht. Auch die Angst blieb. Ihr Ex-Partner tauchte im Garten ihres Ex-Mannes auf, fotografierte sie und die Kinder. Ein Reifen ihres Autos wurde zerstochen, im Motorraum fand sich eine aus Schrauben gefertigte Metallspitze. Anfang Juni 2019 zerfiel Karlas Leben in Scherben. „Ich hatte darauf gedrängt, dass ein Umgangstreffen von André mit Mick wegen einer Sturmwarnung in ein Restaurant verlegt wurde. Deshalb kam er schon geladen an, sagte: ‚Du hast gar nichts zu bestimmen. Ich sage, wie lange und wo.‘ Der Junge weinte. André schubste. Ich nahm den Kleinen auf den Arm. Da peitschte er mir mit dem gestreckten Mittelfinger ins Gesicht. Ich weinte, er lachte. Zwei Männer gaben Geleitschutz bis zum Auto. Doch er stellte sich davor: ‚Pass mal auf dein Leben auf!‘ Ich rief die Polizei, da stand er wieder neben dem Auto. ‚Dein Leben kann ganz schnell vorbei sein.‘ Ich fuhr los.“ Noch am selben Abend floh sie mit ihrem Sohn in den Norden.

In „Micks Oase“, wie seine Mutter sagt. Der zuvor verängstigte, klammernde und kaum sprechende Junge blüht auch dank einer Traumatherapie auf, geht schon für Stunden in den Kindergarten. Doch die Oase bietet nur eine scheinbare Sicherheit. Weil das Bundesverfassungsgericht 2010 die Elternrechte gestärkt hat, aus denen das Recht des Vaters auf Umgang mit seinem Sohn entspringt. „Weil mein Ex mich als schlechte Mutter verleumdet, weil das bisher zuständige Familiengericht die Gewalttätigkeit des Vaters ignoriert hat.“ Beim Gespräch kommen Karla die Tränen. Sie hat die vorherige Freundin ihres Ex ausfindig gemacht. Die hatte André verlassen, nachdem er sie über Jahre geschlagen hat und eines Nachts mit einem Kissen ersticken wollte.

Der Spagat der Justiz

Vollständiger Schutz ist dennoch für sie kaum zu haben. Die Polizei kann präventiv nicht eingreifen. „Über ein Annäherungsverbot würde mein Ex lachen“, sagt Karla. Für Justitia ist der „Spagat zwischen dem Schutz des verletzten Kindes und der verletzten Mutter auf der einen Seite sowie dem Recht des Vaters auf der anderen tägliches Brot“, sagt ein Lüneburger Familienrichter. Das Kindswohl stehe dabei über allem.

Derweil zittert Karla vor jedem Brief des gegnerischen Anwalts. „Die Angst, Ohnmacht und Ratlosigkeit sind überwältigend. Unser einziger Schutz sind die 650 Kilometer zwischen uns.“

Unter der durchlöcherten Tarnkappe mag sie nicht auf das Pfefferspray in der Tasche verzichten. Oder die Klingel mit einem Namensschild versehen.

* Namen geändert

Von Joachim Zießler