Dienstag , 22. September 2020
Konferenzwochen-Leiter Sven Prien-Ribcke moderierte die Podiumsdiskussion mit Serpil Midyatli (SPD) und Diana Kinnert (CDU, r.). (Foto: t&w)

Mehr als Links und Rechts

Lüneburg. Können Parteien Zukunft? Diese Frage stand jetzt im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion mit Serpil Midyatli, stellvertretende Bundesvorsitzende der SPD, und Diana Kinnert, Mitglied der CDU. In dem Gespräch wurde deutlich: Beide Parteien bemühen sich, zukunftsfähiger zu werden, doch die jungen Wähler können so schnell nicht überzeugt werden.

Woran es in der aktuellen Politik der beiden Volksparteien krankt, brachten die Frauen schnell auf den Punkt. „Das, was wir uns am runden Tisch überlegen, funktioniert vor Ort häufig nicht“, stellte Serpil Midyatli (44) fest. Deshalb sieht sie die Aufgabe der SPD in Zukunft darin, die Lebensrealitäten der Menschen mehr in den Blick zu nehmen.

Um die CDU und SPD für die Zukunft aufzustellen, schlugen Midyatli und Kinnert die Stärkung der Kommunen, den kostenlosen ÖPNV und die Investition in Wasserstoff-Technologien vor. Auch und vor allem die Klimapolitik müsse außerdem fortschrittlicher werden.

Links-Rechts-Schema interessiert junge Generation nicht

Die Zuhörer sahen indes noch andere Probleme. „Es geht viel zu sehr um den Willen der einzelnen Parteien, als um das beste Ergebnis“, befand eine Studentin. Und weiter: „Es wird zu wenig gemeinsam gemacht. So können Sie keine Zukunft, das frustriert die Wähler.“

Diana Kinnert (29) war sich dessen durchaus bewusst. „Meine Partei geht Themen häufig viel zu langsam an, weil sie Angst hat, zu grün, zu links oder zu liberal zu werden.“ Davon müssten sich die Politiker lösen. „Es muss CDU‘ler geben, die sehen, dass es zukunftsfähige Lösungen gibt, die grün sein können, aber trotzdem mit den Werten der Christdemokraten vereinbar sind.“

Denn genau darum gehe es laut Kinnert im Kern. „Wir müssen auf Basis unserer Grundwerte eine Antwort auf die Herausforderungen der Zukunft finden.“ Das traditionelle Links-Rechts-Schema habe nichts mehr mit der jungen Generation zu tun. Es sei ein Fehler, sich zwanghaft von anderen Parteien abzugrenzen. „Die Konservativen in der CDU haben das Gefühl, zu weit in die Mitte zu rutschen, also sind sie einfach mal gegen Abtreibung“, erklärte Kinnert den derzeitigen Zustand, „aber so kann das nicht mehr funktionieren. Am Ende zählt die Frage, welches Menschenbild man vertreten will.“

Jeder bekommt, was er verdient

Für diesen Wandel seien vor allem die jungen Menschen gefragt, befand Midyatli. Kinnert formulierte dies anders und sorgte damit für Empörung unter den Zuhörern: „In einer Demokratie bekommt das Volk schließlich immer genau die Politik, die es verdient.“ Jeder Wähler hätte die Möglichkeit, das Angebot zu wählen, das ihm zusagt, – oder sich selbst einzubringen.

Der Student Maik Schipmann ließ das nicht auf sich sitzen: „Ich finde, niemand hier im Raum hat Ihre Politik verdient.“ Seiner Meinung nach würden CDU und SPD mit falschen Versprechen arbeiten. „Sie geben sich als umweltschützende Parteien aus, sind es aber überhaupt nicht. Da kann mir keiner erzählen, dass die Wähler das verdient haben.“ Für ihn war klar: „Die Volksparteien können genauso wenig Zukunft wie die AfD.“

Kinnert erkannte das Problem, „dass die agilen, zukunftsfähigen Menschen zurzeit zu den Grünen abwandern“. Aber sie warf ein: „Wie sollen unsere Parteien innovative Vorschläge machen, wenn die Menschen mit den innovativen Ideen nicht Teil der Parteien sind?“ Die Lösung sei, dass CDU und SPD aktiv werden müssten: „Wir müssen uns die Experten ranholen. Wenn wir das nicht schaffen, werden sich neue Parteien bilden, und wir werden untergehen. Und zwar, weil sie es besser machen.“

Von Lilly von Consbruch