Donnerstag , 24. September 2020
Claas Steinhauer (links) berechnet zusammen mit Landwirt Jens Diersen den CO2-Abdruck für die Milchproduktion auf dem Hof in Amelinghausen. (Foto: t&w)

Klimaschutz rechnet sich

Amelinghausen. Jens Diersen besitzt 55 Kühe, alle produzieren Methan. Jens Diersen hat auch einen Melkroboter – und der frisst viel Strom. Seine Tiere haben Hunger. Das meiste Futter erntet er von seinen Feldern, Soja allerdings kommt aus dem Ausland. Das alles macht sich bemerkbar – im Portemonnaie des Landwirts, aber auch in seinem Gewissen. Jetzt will er „Klimabauer“ werden, wissen, was Sache ist und wie er die Treibhausgasbilanz seines Betriebes in Amelinghausen verbessern kann. Denn immer wieder wird seine Branche für die Klimaveränderungen zur Verantwortung gezogen, gleichzeitig ist sie aber auch unmittelbar betroffen vom Wandel: Extremwetterereignisse wie Starkregen, Dürren und Hitze haben viele Bauern in den letzten Jahren an ihre Grenzen gebracht.

Landwirte wollen Beitrag zum Klimaschutz ausbauen

Mit dem Projekt „Klimabauern – Landwirtschaft macht Klimaschutz“ will der Bauernverband Nordostniedersachsen (BVNON) zusammen mit Partnern den Beitrag der Landwirtschaft zum Klimaschutz ausbauen. Eine nicht ganz uneigennützige Sache für die elf teilnehmenden Betriebe aus der Region: Wird der eingesetzte Dünger effizienter genutzt, Diesel gespart oder die Energieeffizienz erhöht, kann sich das oft auch für den Landwirt rechnen. „Ich glaube, es gibt keinen Kollegen, der sich damit nicht beschäftigt“, sagt Diersen. Aber viele, die nicht genau wüssten, wo sie stehen und an welchen Stellschrauben sie noch drehen könnten, um weniger Treibhausgase zu produzieren.

Claas Steinhauer vom BVNON unterstützt die Bauern bei der Suche nach Lösungen. Auf der Grundlage vorhandener Daten ermittelt er mit Diersen zusammen gerade den CO₂-Abdruck für die Milchproduktion auf seinem Hof. Da schneidet der Bauer deutlich besser ab als der Durchschnittswert der Landwirtschaftskammer.

„Egal, was man in der Landwirtschaft macht: Ganz klimaneutral zu wirtschaften, das ist momentan noch nicht möglich.“
Jens Diersen, Landwirt

Das liege unter anderem an der gasdichten Lagerung der Gülle aus dem Stall, erläutert Steinhauer. In der Biogasanlage kann das Methan nämlich nicht in die Atmosphäre entweichen, dort gilt: Je mehr Methan, desto mehr Energie! Hausaufgaben gibt es trotzdem: Der Experte schlägt vor, die Nutzungsdauer der Kühe zu erhöhen – von derzeit 32 auf 40 Monate. Das kann sich auch Diersen gut vorstellen, zumal im vergangenen Jahr einige seiner Tiere aufgrund der schwachen Nachfrage auf dem Zuchtviehmarkt früher zum Schlachter gingen, als er es gewollt hatte. Darüber hinaus plane er, eine Photovoltaikanlage auf seinem Scheunendach zu installieren.

Bleibt noch die Sache mit dem Soja-Futter. Jens Diersen könnte zertifizierte Bohnen beziehen, für deren Anbau keine Wälder gerodet werden. In der Vergangenheit habe er versucht, ganz auf das Futtermittel zu verzichten, allerdings ohne Erfolg: Die Tiere wurden nicht so schnell trächtig, die Fett- und Eiweißwerte der Milch litten unter der Umstellung. „Egal, was man in der Landwirtschaft macht: Ganz klimaneutral zu wirtschaften, das ist momentan noch nicht möglich.“

Laut Steinhauer stammen etwa zehn Prozent der Treib-hausgase in Deutschland direkt aus der Landwirtschaft. Anders als häufig angenommen, hänge das aber nicht unbedingt mit dem Spritverbrauch in der Ackerbewirtschaftung zusammen. Viel stärker ins Gewicht falle der Stickstoffdünger. Denn dieser werde oftmals im Ausland unter hohem Energieaufwand hergestellt. Darüber hinaus könne der gedüngte Boden Gase freisetzen.

Ergebnisse könnten auch für Politik interessant sein

Mit den erhobenen Daten von Jens Diersen und seinen Kollegen aus den Landkreisen Lüneburg, Lüchow-Dannenberg und Uelzen soll ein Katalog zur künftigen Orientierung der Landwirte zusammengestellt werden. Ziel sei es, langfristig eine Beratung anbieten zu können, um die Umsetzung der erarbeiteten Klimaschutzmaßnahmen auch über die dreijährige Projektlaufzeit hinaus zu begleiten.

„Wir zeigen Grenzen und Möglichkeiten auf“, erklärt Steinhauer. Die Ergebnisse könnten auch für die Politik bei der Erarbeitung neuer Gesetze interessant sein.
Gefördert wird das Projekt „Klimabauern“ übrigens zu 80 Prozent vom Bundesumweltministerium.

Von Anna Petersen