Dienstag , 22. September 2020
Jakob Vicari aus Lüneburg und sein Team haben mithilfe von Sensoren drei Bienenstöcke beobachtet. Das Ergebnis, ein Multimediaprojekt mit dem Namen "#bienenlive" bescherte ihnen den Deutschen Reporterpreis 2019. Foto: phs

Ausgezeichnete Bienen

Der Lüneburger Journalist und Erfinder Jakob Vicari hat mit einem Multimediaprojekt zu den Insekten den Deutschen Reporterpreis gewonnen

Lüneburg. Die Bienenköniginnen „Ruby“, „Cleo“ und „Linda“ sind jetzt in der Winterpause – und auf ihrer Website ist nicht viel los. Macht nichts, denn im vergangenen Jahr waren sie und ihre Völker sehr fleißig. Das wissen nicht nur deren Imker, sondern auch Tausende Nutzer im Internet. Denn mithilfe ausgetüftelter Sensortechnik konnten sie das Treiben der Insekten verfolgen. Und dabei eine Menge über Bienen lernen. „#Bienenlive“ nennt sich das Mammutprojekt, das der Lüneburger Wissenschaftsjournalist und Erfinder Jakob Vicari gemeinsam mit seinem Team und dem WDR im Jahr 2019 gestemmt hat. Dafür erhielten sie den Deutschen Reporterpreis.

Was jetzt mit dieser hohen Auszeichnung belohnt wurde, hat im Grunde vor einigen Jahren mit Urzeitkrebsen angefangen. Da hatte Vicari die Idee, die kleinen Wassertiere zu züchten – und die User im Netz konnten sie mittels eines Mechanismus über Twitter füttern und auch die Heizung an- und ausstellen. „Mir ging es darum, das ‚gute Internet‘ zu zeigen, dass sich die Twitter-Nutzer um die Krebse kümmern.“ Besonders gut funktioniert habe das am Ende aber nicht. Vicari überlegte daraufhin, wie er es schafft, Tiere selbst Geschichten erzählen zu lassen und somit den Lesern eine neue Perspektive zu geben. Er entdeckte den Sensorjournalismus für sich.

Aufs Insektensterben aufmerksam machen

„Mithilfe von Sensoren können wir den Zuschauern ein Live-Ereignis bieten“, sagt Vicari. Zuerst probierten er und sein Team das mit Kühen aus: Sensoren lieferten Daten über Stalltemperatur, die gelaufenen Schritte der Kühe, über die gelieferte Milch und sogar über den pH-Wert des Magens. Diese Flut an Daten speiste ein Redaktionssystem, das aus den Zahlen Sätze bildete. Nutzer konnten dann mithilfe der Daten ein „Tagebuch“ der Tiere lesen – und sogar mit dem Vieh chatten. „Die Superkühe“ nannte sich das Projekt, mit dem Vicari immerhin für den damaligen Reporterpreis nominiert wurde.

Doch am Ende waren es die Bienen, die dem WDR und seinem Team die Trophäe bescherten. Das Konzept war ähnlich: Sensoren an drei Bienenstöcken in Nordrhein-Westfalen gaben Aufschluss über das echte Leben der Insekten. „Wir wollten zeigen, was in einem Bienenstock so vor sich geht – und wie verletzlich er ist.“ Die Idee hinter dem Projekt war, auf das Insektensterben aufmerksam zu machen. „Die Bienen als bekannte und beliebte Insekten dienen uns als Träger dafür.“

Gemessen wurde unter anderem das Gewicht des Stocks, so erfuhren die Journalisten wie viele Bienen und wie viel Honig darin sind und auch die Innentemperatur. Mit einer speziellen Kamera ist es dem Team sogar gelungen, Videos aus dem Inneren eines Bienenstocks zu drehen.

Eigentlich wollten sie auch einzelne Bienen mit einem Mikrochip ausstatten, um herauszufinden, wie viele von ihnen wirklich zu den Aktivsten gehören. „Forscher in den USA haben herausgefunden, dass Bienen eigentlich eher entspannte Insekten sind, sie nur dreimal täglich ausfliegen und die meiste Arbeit von einem recht geringen Anteil ‚Elite-Bienen‘ getragen wird“, sagt Vicari. Das wollten die Forscher nachvollziehen, gelungen ist es ihnen leider nicht. „Wir konnten zu wenige Bienen chippen.“

Thea flog aus, Ruby folgte

Und das war nicht das einzige, was in dem Projekt für Probleme sorgte. „Eines Tages stellten wir fest, dass ein Bienenstock 1,5 Kilogramm leichter war als zuvor. Die Bienenkönigin Thea war mit einem Teil ihres Volkes ausgezogen.“ Grundsätzlich ist es nicht gut, wenn während einer Geschichte eine Hauptprotagonisten verschwindet, sagt Vicari, gleichzeitig boten sich neue Chancen. So konnte das Team beobachten, wie ein Bienenvolk ohne Königin handelt. „Es bleibt nicht untätig, versucht schnell, eine neue Königin schlüpfen zu lassen.“ Das geschah auch – dann hieß es: Lang lebe Bienenkönigin Ruby.

Auch bei diesem Projekt wurden die Daten teilweise automatisch, teilweise von Hand in Texte und Grafiken umgewandelt. Die Nutzer konnten das Bienenjahr aus nächster Nähe nachvollziehen: Warum die Insekten jetzt ausschwärmen, wie der aktuelle Stand der Honigproduktion ist, was die Nahrungsmittelbeschaffung macht. Damit überzeugten die Journalisten auch die Jury: „Das Projekt zeigt beispielhaft, wie Journalismus durch den Einsatz von Sensoren gewinnen kann. Es ist dieser fast kindliche Forscherdrang, der diese Recherche aus den vielen guten Geschichten herausragen lässt,“ heißt es in der Laudatio. Mit dem Preis geehrt wird übrigens das komplette Team um Jakob Vicari, egal, ob Journalist oder nicht. „Da ist auch mein Cousin darunter, der die Platinen gelötet hat.“

Das nächste Projekt ist bei Vicari aber bereits angelaufen: Ein modernes Gemälde wird im Museum mit einem Telefon ausgestattet, so dass die Museumsbesucher mit dem Bild „telefonieren“ können und Hintergründe erfahren können. Aber auch Ruby, Cleo und Linda werden 2020 weitermachen – auch, wenn niemand gerade zuschaut.

Das Projekt „#Bienenlive“ finden Sie hier.

Von Robin Williamson