Sonntag , 25. Oktober 2020
Caroline Hahn frisiert die Mähne von „Valverde“, bevor es hinaus geht ins Scheinwerferlicht. Wenn der Hengst zur Schlagermusik punktgenau im Takt trabt, bekommen selbst Profis noch Gänsehaut. Foto: geo

Hier riecht Geld nach Heu

Verden. Wenn in Verden die Autos auf den Fußwegen parken, ist Hengstschau in der Niedersachsenhalle. Das Sperma der Pferde gibt es zwar später per Post, den Vater ihres zukünftigen Fohlens wollen die meisten Züchter aber immer noch in der Wirklichkeit erleben, bevor sie eine Samenpipette bestellen. Bei allem technischen Fortschritt und all den spektakulären Veränderungen in der Branche ist eins daher geblieben: Der Februar ist Hochsaison für Hengstschauen in Niedersachsen, da wollen die Gestüte und Deckstationen zeigen, was sie haben. Denn im März beginnt der zweite Teil der Arbeit: die Besamung der Stuten.

Verden der Nabel der Pferdewelt

Hengstschauen gibt es auch in der Lüneburger Umgebung, in Medingen zum Beispiel und demnächst in Luhmühlen. Aber die mit Abstand größten und wichtigsten finden im 115 Kilometer entfernten Verden statt, in der eigens für den Reitsport ausgebauten Niedersachsenhalle. Wenn dort die Stars der Szene über den Sand traben, reichen die 3700 Sitzplätze nicht aus, so groß ist das überregionale Interesse an potenziellen Erzeugern für den Sportlernachwuchs.

„Es ist die Passion, die Faszination, die diese Schauen ausmacht“, sagt Udo Wagner. Wagner arbeitet als selbstständiger Berater in der Reitsportbranche, außerdem organisiert er die gemeinsame jährliche Hengstschau der weltbekannten Gestüte Helgstrand und Schockemöhle. 2019 zum ersten Mal aufgelegt, hat die Show zuletzt Berühmtheiten wie „Revolution“ und Doppelweltmeister „D’avie“ ins Scheinwerferlicht von Verden geholt.

„Revolution“ war 2015 der bis dahin teuerste je auf einer deutschen Auktion verkaufte Hengst: Für 1,2 Millionen Euro sicherte sich Helgstrand ihn damals. Heute liegt der deutsche Rekord bei mehr als zwei Millionen Euro für einen Hengst in Verden, im Ausland kann ein Pferd auch das Zehnfache kosten.

Waren die Arbeitspferde von früher klobig, schwer, eckig, steif und zäh, wie sie es eben sein mussten, haben die Rosse von heute kaum noch Arbeit im früheren Sinne. Die Zucht hat sie verändert. „Die Pferde von heute sind blütig, hochbeinig, elegant, rittig und geschmeidig“, sagt Wagner. „Ihre Aufgabe ist es, den Menschen Freude zu bereiten.“

Sie sollen gefallen. Und ihre Verkäufer wissen, wie das geht: mit der Verbindung von Qualität, Performance und Emotion. Wenn ein Pferd namens „Zauberlehrling PS“ durch das Tor in die Halle läuft, glitzern nicht nur die Lackstiefel der Reiterin und das Stirnband des Hengstes.

Sportpferde kosten Millionen

Dann erklingt auch der Soundtrack des passenden Kinofilms: „Harry Potter“ natürlich. Und wenn „Valverde“ zu dem Schlager „Die immer lacht“ punktgenau im Takt trabt, bekommen selbst Profis noch Gänsehaut. „Die Pferde werden behandelt wie Könige“, sagt Andreas Helgstrand, Reiter und Züchter gleichermaßen. Massagen, Osteopathie, Chiropraxis, Aquatraining. Bei Helgstrand dürfen die Pferde auch noch auf die Weide oder aufs Paddock zum Spielen, erzählt er. Das ist nicht immer der Fall, wenn es um Sportpferde im großen Stil geht: Viel zu groß ist die Gefahr, dass sich die Millionenwerte verletzen.

Kauft ein Züchter später tatsächlich Samen eines Hengstes von Helgstrand oder Schockemöhle, läuft das so: Er bestellt, wenn die Stute ihren Eisprung hat. Der Samen wird abgenommen und ist per Expressversand am nächsten Tag beim Züchter. Der Tierarzt nimmt die Insemination vor, und dann werden die Daumen gedrückt: Schließlich kostet eine Pipette mit 13 Milliliter Samen und 600 Millionen Spermien – diese Menge ist gesetzlich vorgeschrieben – zwischen 800 Euro und einigen Tausend Euro. Es gibt Hengste, die decken per Post 700 Stuten im Jahr, bis nach Neuseeland und Südafrika.

Damit Superstuten sportlich nicht ausfallen und sich trotzdem vermehren, lassen Züchter wie Helgstrand und Schockemöhle ihre befruchteten Eizellen in Leihmütter transferieren. Eine Anlage wie die von Schockemöhle, in der jährlich 500 Fohlen zur Welt kommen, wird in einschlägigen Foren daher auch „Fabrik“ genannt. Bis zu 6000 Pferde hält der berühmteste Züchter der Welt in Mecklenburg-Vorpommern, ist dafür bewundert und umstritten.

Scheichs und andere Milliardäre als Züchter

Mit ihrem Blumenschmuck an den Säulen und dem Niedersachsenlied zu Beginn wirkt die Hengstschau fast wie aus der Zeit gefallen im Vergleich zu den übrigen Veränderungen in der Branche. Waren Pferdezüchter früher in erster Linie Landwirte, verdienen heute Private-Equity-Fonds weltweit mit.

Zwar gibt es sie noch, die ländlichen Züchter mit jahrhundertealtem Betrieb. Ansonsten ist die Welt der Sportpferde eine Welt, in der Geld tatsächlich nach Heu riecht. Züchter sind Scheichs in Abu Dhabi, in Deutschland sind es Unternehmer wie Red-Bull-Milliardär Dietrich Mateschitz, Kaffee-Erbe Andreas Jacobs, Ex-Adidas-Chef Herbert Heiner oder Fußball-Weltmeister Thomas Müller.

Die Schau-Saison endet in der Region am Donnerstag, 26. März: Dann zeigt das Landgestüt Celle seine Hengste in Luhmühlen. Beginn ist um 19 Uhr, Tickets gibt es an der Abendkasse.

Von Carolin George

Hintergrund

Das Ross im Wappen

Niedersachsen ist Pferdeland, erkennbar nicht nur an dem Ross im Wappen. Um die 200.000 Pferde leben in Niedersachsen, zehn der 34 in Deutschland anerkannten Pferdezüchtervereinigungen haben laut Landwirtschaftsministerium hier ihren Sitz mit rund 23.000 Zuchtpferden. Der Durchschnittspreis für ein Reitpferd lag laut Deutscher Reiterlicher Vereinigung 2018 bei 25.000 Euro. Der Gesamtumsatz rund um den Pferdesport beträgt in Niedersachsen jährlich geschätzt 900 Millionen Euro, heißt es in der Broschüre „Wirtschaftsfaktor Pferd“. Zudem seien zwischen 50.000 und 70.000 Arbeitsplätze mit dem Pferd verbunden.