Freitag , 25. September 2020
Immer wieder kommt es zu häuslicher Gewalt gegen Frauen. 2018 wurden im Kreis Lüneburg 418 Fälle registriert. Foto: A

Kein Wodka mehr – da trat er zu

Lüneburg. Als seine Lebensgefährtin die Wodkaflasche über der Spüle ausschüttet, dreht der Betrunkene völlig durch: Er tritt die Frau, zertrümmert die Eingangstür und verwüstet die Küche. Der neun Monate alte Sohn ist die ganze Zeit direkt nebenan. Jetzt wurde der 34-jährige Gewalttäter vom Amtsgericht Lüneburg zu einer Geldstrafe von 2450 Euro verurteilt. Dass Richter Pfleger keine Freiheitsstrafe verhängte, ist den Gesamtumständen zu verdanken – im Wiederholungsfall drohe „eine Haftstrafe, die sich gewaschen hat“, betont auch der Staatsanwalt.

Gewalt im häuslichen Umfeld ist längst auch trauriger Alltag für die Lüneburger Polizei. „Und vor Bekanntwerden ist vielfach schon jahre- oder gar jahrzehntelange Gewalt vorausgegangen“, macht Eleonore Tatge, Beauftragte für Kriminalprävention bei der Polizei Lüneburg, gegenüber der LZ deutlich.

Kleines Kind bekommt alles mit

Im Fall, der vor dem Amtsgericht verhandelt wurde, eskalierte die Situation an einem späten Augustnachmittag. Die Lebensgefährtin hat den neun Monate alten Sohn aus der Kita abgeholt, in der Wohnung trifft sie auf ihren Freund und dessen Kumpel. Die beiden trinken Bier und Wodka. „Ich wollte nicht, dass mein Junge das mitbekommt und habe sie zum Gehen aufgefordert“, schilderte sie im Prozess. Als sie zur Bestärkung die Wodkaflasche auskippte, tickte der Vater des Kindes völlig aus, trat der Frau gegen das Schienbein, warf den Kühlschrank um, zerschlug Flaschen. Die verzweifelte Mutter brachte den Sohn noch schnell ins Wohnzimmer, „aber laut Aktenlage hat er alles mitbekommen – ist ihnen eigentlich klar, was das mit so einem Jungen macht?“, nahm der Richter den Angeklagten ins Gebet.

Nach dem Vorfall drohte dem 34-Jährigen der totale Absturz. Die Lebensgefährtin setzte ihm ein Ultimatum. „Und bei der Arbeit habe ich die gelbe Karte bekommen, weil ich da mit Restalkohol im Blut erschienen bin“, schilderte er. Der Vater entschloss sich zur stationären Entgiftung und Therapie. Acht Wochen dauerte beides. Die beiden Eltern wohnten weiter zusammen. „Ich habe mich entschieden, ihm noch eine Chance zu geben, und er hat ja auch seine guten Seiten“, sagte die 33-Jährige.

Alkoholmissbrauch zerstört Persönlichkeit

Der Angeklagte war ohne Anwalt vor Gericht erschienen und räumte alle Vorwürfe ein. „Wenn man so ein Suffkopf war, kann man heilfroh sein, dass Arbeitgeber und Lebensgefährtin einem noch diese Chance geben“, sagte der Staatsanwalt. Er forderte eine Geldstrafe, „ich möchte aber nicht, dass dies als ein falsches Signal aufgefasst wird“. Wenn der Angeklagte es diesmal nicht begriffen habe, würde ein nächster Prozess deutlich anders laufen, betonte er.

„Dieser Tag im August war eine wichtige Zäsur in Ihrem Leben“, sagte Richter Pfleger im Urteil. Alkohol in Massen konsumiert habe schon viele Persönlichkeiten zerstört, auch im Umfeld von Kindern und Freunden. „Sie sind 1986 geboren, da steht einem noch ein schönes Leben bevor, aber nur wenn Sie ihre Alkoholsucht in den Griff bekommen.“ Der 34-Jährige gehöre nicht ins Gefängnis, meinte der Richter: „Sie sollen ihre Arbeit wahrnehmen und Verantwortung für Ihre Familie übernehmen“. Der Angeklagte versprach, dies zu versuchen – und nahm das Urteil, 70 Tagessätze zu 35 Euro, an.

Von Thomas Mitzlaff

Hintergrund

„Wir erhellen das Dunkelfeld“

418 Fälle von häuslicher Gewalt im Jahr 2018 im Kreis Lüneburg (davon 274 in der Stadt) und sogar 437 (Stadt: 286) im vergangenen Jahr – statistisch mehr als einmal täglich muss die Polizei zu solchen Einsätzen ausrücken. Zum Vergleich: Im Jahr 2012 waren „nur“ 60 Taten gemeldet worden. Doch dann trat das Gewaltschutzgesetz in Kraft, es bietet sowohl Opfern als auch Zeugen mehr Möglichkeiten, im Fall von häuslicher Gewalt tätig werden zu können. „Vor 2012 war einfach die Dunkelziffer noch deutlich höher“, sagt Eleonore Tatge von der Polizei Lüneburg. „Aber jetzt erhellen wir das Dunkelfeld.“

Zumeist seien es Nachbarn, die die Behörden alarmieren, „manchmal sind es auch Kinder oder die Opfer“. Doch in vielen Familien sei die herrschende Gewalt ein Tabuthema, „oftmals geben sich die Opfer eine Mitschuld und behaupten dann, die Treppe hinunter gefallen zu sein“. Jetzt aber gebe es so viele Kontaktadressen und Hilfsmöglichkeiten, „dass sich Opfer in einem früheren Stadium dorthin wenden“. Hilfe werde aber auch Tätern angeboten.