Montag , 21. September 2020
Uta Kaltenbach, Besitzerin des Gärtnerhofs Bienenbüttel, macht durch Schmuck aus Bohnen auf die große Sortenvielfalt aufmerksam. Foto: Hoffmann

„Vielfalt bedeutet Lebensqualität“

Lüneburg. Painted Pony, Schwarze Witwe und Lazy Housewife – das sind nur drei von über 250 Bohnensorten, die Uta Kaltenbach, Besitzerin des Gärtnerhofs Bienenbüttel, im Laufe der Jahre gesammelt hat. Wie Perlen auf eine Kette gezogen, präsentiert die Gärtnerin ihren Schatz auf dem Saatgutfestival im Museum Lüneburg, das am Sonnabend bereits zum vierten Mal stattfand. An 38 Ständen konnten Besucher seltene Gemüsesorten kaufen, tauschen und auch weitergeben. Die Resonanz war groß: Zeitweise schoben sich über 1000 Besucher durch die schmalen Gänge.

„Ziel ist, alte Sorten zu erhalten“

Das freut besonders Organisator Peter Szekeres. Der Diplom Biologe ist selbst passionierter Gärtner und will die Freude am Gärtnern durch das Festival aufleben lassen: „Saatgut wurde schon immer über die Gartenzäune getauscht. Weil die meisten Menschen in der Stadt aber keine Nutzgärten mehr haben, findet das in dieser Form nur noch selten statt“, so Szekeres. Es habe sich stattdessen eine neue Szene gebildet, weltweit gebe es Börsen und Festivals wie dieses – ob im Netz oder analog.

Das Lüneburger Festival sei also nur ein Teil eines riesigen, weltweiten Netzwerks. „Das Ziel ist, alte Sorten zu erhalten. Denn Vielfalt bedeutet Lebensqualität.“ Seit der Industrialisierung der Landwirtschaft muss Gemüse heute vor allem schnell wachsen und makellos aussehen, damit es gut verkauft wird. Dadurch ist die Vielfalt verloren gegangen. Alte Sorten haben aber viele Vorteile gegenüber den neuen: Da sie sich über Generationen an die Bedingungen einer Region angepasst haben, sind sie deutlich robuster und benötigen keinen künstlichen Dünger.

Gemüse, Kartoffeln, Kräuter und Blumen

Die Bohne sei dafür ein gutes Beispiel, sagt Uta Kaltenbach. „Ich finde es faszinierend, wie viele verschiedene Sorten es gibt, die kaum jemand kennt.“ Im Bienenbüttler Ortsteil Neu-Steddorf betreibt sie gemeinsam mit ihrem Partner den Gärtnerhof, auf dem sie biologisches Gemüse, Kartoffeln, Kräuter und Blumen anbaut. Da die meisten Bohnen ihrer beachtlichen Sammlung jedoch keine Zulassung vom Bundessortenamt haben, werden sie nicht, wie das andere Gemüse im Hofladen oder auf dem Wochenmarkt verkauft. Ihr gehe es ausschließlich darum „den Reichtum zu erhalten, damit sich der Genpool nicht weiter ausdünnt.“

Die Gärtnerin möchte in der Gesellschaft mehr Bewusstsein für die Sortenvielfalt schaffen. Ihre Idee: Schmuck aus Bohnen. Wie Perlen zieht sie die bunten Hülsenfrüchte auf Ketten und Armbänder. Auch andere Aussteller haben kreativ für mehr Vielfalt im Garten geworben: Wer sich in die Liste der Mitmachaktion der politischen Initiative „Aktion Agrar“ eintrug, bekommt zum Aussaattermin zwischen Februar und April Saatgut einer alten und gefährdeten Sorte nach Hause geschickt. Durch zeitlich passende Tipps für die Aussaat, die Pflege und die Ernte per E-Mail soll die Aktion begleitet werden. So kann verloren gegangenes Wissen praktisch wieder angeeignet werden. Ein weiteres Highlight des Festivals war der Tauschtisch, an dem die Besucher Saatgut ihrer Lieblingssorte mitbringen und gegen eine andere Sorte eintauschen konnten.

Das Motto des diesjährigen Saatgutfestivals war der Grünkohl. Organisator Szekeres begründet die Wahl: „Der Grünkohl hat schon immer Menschen zusammengebracht – sei es bei einer Kohlfahrt oder dem Grünkohlessen in Gesellschaft. Und genau das möchte ich mit dem Saatgutfestival auch erreichen.“

Von Anna Hoffmann