Sanierungsfall Elbbrücken: Die Planungen für Sanierungen oder komplette Ersatzneubauten für zentrale Brücken laufen. Foto: A/Boldt

Belastende Jahre für Pendler

Es kommen womöglich harten Zeiten auf Autopendler in Nordostniedersachsen zu, die auf eine feste Elbquerung angewiesen sind, um auf direktem Weg nach Hamburg oder Schleswig-Holstein zu gelangen. Derzeit laufen Planungen für Sanierungen oder gleich komplette Ersatzneubauten für zentrale Brücken im Bereich der Unter- sowie der unteren Mittelelbe. Damit sollen alle festen Elbquerungen im Abstand von 40 Strom-Kilometern baulich angefasst werden. Betroffen sind die Elbbrücken im Zuge der A1 nach Hamburg, im Zuge der Bundesstraße 404 am Stauwehr Geesthacht sowie die Auto- und Eisenbahnbrücke bei Lauenburg im Zuge der B209. Die LZ beleuchtet, wo und wann genau an der Elbe gebaut werden soll und welche Probleme damit entstehen könnten.

Die Elbbrücke bei Geesthacht muss saniert werden und dürfte spätestens Mitte 2021 gesperrt werden. Ein Verkehrschaos droht. Foto: tja

Unruhe in der Elbmarsch

Marschacht. Pendler aus Niedersachsen, die ihre Arbeitsplätze in Hamburg und Schleswig-Holstein erreichen müssen, nutzen die Elbbrücke im Zuge der B404 bei Rönne in der Samtgemeinde Elbmarsch. Bewohner der Elbmarsch, die ihren Einkauf in Bergedorf, Geesthacht oder Hamburg erledigen, ebenso. Und Schüler und Studenten, die mit der S-Bahn nach Hamburg fahren. Rund 26.000 Fahrzeuge befahren täglich die in den 1960er-Jahren gebaute, mehrteilige Elbquerung, die seit langem sanierungsbedürftig ist.

Die geplanten Sanierungsmaßnahmen an der Brücke, die wohl im Laufe des kommenden Jahres eine Vollsperrung notwendig machen, treiben besonders die Bewohner der Elbmarsch um. Entsprechend groß war das Interesse an der jüngsten Sitzung des Ausschusses für ÖPNV, Wirtschaftsförderung, Tourismus und Mobilität der Samtgemeinde in Marschacht.

Gleich drei Anträge im Zusammenhang mit der Brückenerneuerung hatten die SPD, die CDU sowie die Gruppe Grüne/Piraten im Vorfeld der Ausschusssitzung eingebracht. Die SPD hatte unter anderem eine öffentliche Info-Veranstaltung mit den zuständigen Behörden gefordert, in der diese umfassend über die Pläne informieren. Die sei geplant, aber die Landesbehörde müsse erst ihre Planungen vorantreiben, um Konkretes berichten zu können, sagte Bürgermeister Roth. Die Gruppe Grüne/Piraten hatte einen „Verkehrskoordinator“ für die Elbmarsch gefordert, dieser Antrag wurde von der Mehrheit in die Fraktionen verwiesen. Auf den Vorschlag der CDU, der für die Dauer der Sanierungsarbeiten unter anderem die Einrichtung einer Behelfsbrücke und perspektivisch eine „Tunnellösung“ vorsieht, einigten sich die Ausschussmitglieder als Grundlage für die weiteren Diskussionen.

Ihrem Unmut über die Planungen machten die Elbmarschbewohner in der Einwohnerfragestunde Luft. Eine Vollsperrung der Brücke sei für die Elbmarsch eine „Katastrophe“. Roth: „Wir tun alles, was in unseren Möglichkeiten steht." Und: „Wir sind Leidtragende, aber nicht Herren des Verfahrens.“ pet

Die Elbbrücke bei Lauenburg muss immer wieder saniert werden. Die nächsten Arbeiten sollen bald beginnen. Foto: t&w

Nadelöhr Lauenburg

Hohnstorf/Lauenburg. Der Elbbrücke bei Lauenburg kommt angesichts der Baupläne bei den anderen Elbquerungen besondere Bedeutung zu. Allerdings ist die 1951 erbaute, 517 Meter lange Brücke in die Jahre gekommen. Das wissen auch die Verantwortlichen der Bahn. „In den kommenden Jahren sind deshalb umfangreiche Instandhaltungsmaßnahmen zur Verbesserung der Brückenkonstruktion und der Fahrbahn geplant“, erklärte der damalige Bahnsprecher Egbert Meyer-Lovis schon vor Monaten. Anders ausgedrückt: Diese Arbeiten werden zwangsläufig wieder zu Staus führen und den Ruf als Nadelöhr festigen.

Zuletzt hatte die Bahn im Frühjahr 2019 Korrosionsschäden an dem Bauwerk beseitigen lassen. Dazu war auf 25 Metern Länge auf der Brücke eine Art Behelfsbrücke für Fußgänger eingerichtet worden. Auf den baulichen Zustand der Brücke angesprochen, sagt Dagmar Barkmann, Pressesprecherin des Landesbetriebs Straßenbau und Verkehr Schleswig Holstein, kurz LBV.SH: „Die Brücke ist im Eigentum der Deutschen Bahn. Brückenprüfungen, Planung von Erhaltungsmaßnahmen erfolgen durch die DB.“ Man sei sich der Bedeutung der Elbquerungen gerade auch mit Blick auf die anderen Elbbrücken und die bevorstehenden Arbeiten aber bewusst. Im Rahmen der noch anstehenden Koordinierungen diverser Baumaßnahmen soll ihren Worten zufolge eine parallele Sperrung beider Elbquerungen (Geesthacht und Lauenburg) vermieden werden.

"Beide Querungen liegen in Spitzenstunden nahe an der Kapazitätsgrenze“, weiß Barkmann. „In verkehrsärmeren Zeiten sehen wir daher grundsätzlich ein gewisses Verlagerungspotenzial für bestimmte Verkehre.“ So könnte insbesondere der Schwerlastverkehr bei der Sanierung der Elbbrücke B404 vorrangig auf die A1 verlagert werden. Das hört sich zunächst nach einem Plan an, aber auch die Elbquerungen der A1 sollen erneuert werden. kre

So soll die Autobahnbrücke über die Norderelbe bei Moorfleet aussehen. Vier Fahrspuren pro Richtung sind vorgesehen. Grafik: DEGES

Hamburgs große Lösung

Hamburg. Auch für viele Lüneburger wäre das eine Erleichterung. Die alltägliche, kilometerlange Blechkarawane für abertausende Pendler vor den Hamburger Elbbrücken könnte mit diesem Bauprojekt der Vergangenheit angehören: Die DEGES, steht für Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH, plant die Verbreiterung der A1 von meist sechs auf dann acht Fahrstreifen zwischen der Anschlussstelle Hamburg-Harburg und dem Autobahndreieck Hamburg-Südost bei Moorfleet. Die Herausforderung: In dem Zuge sollen auch zwei Elbquerungen neu gebaut werden: Die Süderelbbrücke vor Hamburg-Stillhorn und die Norderelbbrücke vor Moorfleet sollen in den kommenden Jahren komplett ersetzt werden.

Die ersten Vorboten des Mammutprojekts sehen Hamburg-Pendler derzeit täglich an der A1 in Höhe Harburg. Dort werden Bohrkernproben gezogen, um neue Erkenntnisse über den Baugrund zu erhalten für die künftige Fahrbahnverbreiterung. Die sechsspurige Autobahn ist nach Angaben der DEGES für eine tägliche Verkehrsstärke von bis zu 100 000 Fahrzeugen „uneingeschränkt leistungsfähig“. Jedoch liegen die tatsächlichen Kfz-Zahlen seit Jahren höher, 2017 wurden werktäglich 131 000 Fahrzeuge ermittelt. Mit klarer Wachstumskurve nach oben, denn künftig soll dort die neue Hafenpassage der A26 (siehe Text unten) ebenfalls an die A1 anknüpfen.

„Wir werden den Verkehr auf der A1 aufrechterhalten, wenn wir bauen.“ - Christian Merl, DEGES-Sprecher

Mit dem achtspurigen Ausbau müssen in dem zirka 8,2 Kilometer langen Abschnitt der A1 auch beide Elbbrücken erneuert werden. Befürchtungen, dass Autofahrer dann mit langen Vollsperrungen rechnen müssen, tritt DEGES-Sprecher Christian Merl auf LZ-Nachfrage entgegen: „Wir werden den Verkehr auf der A1 aufrechterhalten, wenn wir bauen.“ Doch das bedarf einer besonderen Ingenieursleistung. „Es wird so sein, dass wir trotz der Neubauten der Süder- und der Norderelbbrücke immer ausreichend Fahrstreifen zur Verfügung stellen können. Das funktioniert so, dass wir beispielsweise bei der Süderelbbrücke den Neubau komplett frei neben die alte Brücke stellen und dann während einer kurzzeitigen Vollsperrung einschieben.“

Solche Vollsperrungen auf der A1 könnten laut Merl zwischen zwei und vier Tagen dauern und werden in Zeiten geringer Verkehrsbelastung, beispielsweise an Wochenenden, angesetzt. Aber was ist, sollten auch die anderen Elbbrücken an B404 oder B209 zu der Zeit wegen Baumaßnahmen nur eingeschränkt nutzbar sein? „Wir werden die Vollsperrungen in jedem Fall mit dem nachgeordneten Netz koordinieren“, sagt Merl.

Derzeit läuft für das Gesamtprojekt die Feinplanung. Das Planfeststellungsverfahren soll ab Ende 2020 durchgeführt werden. Mit dem Ausbau könnte 2025 begonnen werden, wenn das Baurecht rechtzeitig erlangt wird, heißt es. Eine Fertigstellung wird um 2030 angepeilt.

Mit der Baumaßnahme an der A1 müsste auch die Raststätte Stillhorn aufgegeben werden. Als Ersatz ist eine neue Raststätte „Elbmarsch“ in direkter Nähe zum Maschener Kreuz seit Jahren im Gespräch. Doch da gab es zuletzt Vorbehalte auch aus Hannover. Die Diskussion sei in dem Punkt noch nicht abgeschlossen, heißt es. dth

Die Köhlbrandbrücke hat ihre besten Zeiten hinter sich und ist chronisch überlastet. Foto: A/dpa

Und dann ist da noch der Köhlbrand

Hamburg. Und noch eine künftige Dauerbaustelle: Die Elbbrücken werden zwar teuer, doch das wird von der geplanten Hafenquerspange, der A26, noch übertroffen, die auf rund 900 Millionen Euro taxiert ist. Die neue A26 ist in zwei Teilabschnitten geplant. Für den Bereich West ab der Hamburger Landesgrenze bis zur A7 besteht laut DEGES-Sprecher Christian Merl bereits Baurecht. Für den Abschnitt Hamburger Hafen laufen die Planungen noch: Die Hafenquerspange soll langfristig die A7 mit der A1 verbinden, hinweg über die Elbinsel Wilhelmsburg und das Industriegebiet Hafen. In dem Zuge ist der Bau einer weiteren Süderelbbrücke in Sichtweite der Köhlbrandbrücke geplant.

Die Köhlbrandbrücke, Baujahr 1974, soll bald abgerissen werden. Laut Wirtschaftssenator Michael Westhagemann verhandelte Hamburg erfolgreich mit dem Bund, die Köhlbrandbrücke vor einem Ersatzbau von der Landes- zur Bundesstraße hinaufzustufen. Ob als Ersatz dann wieder eine Brücke gebaut werde oder doch ein Tunnel, sei derzeit noch offen, sagte Westhagemann diese Woche bei der Pressekonferenz zur Jahresbilanz des Hamburger Hafens. Klar ist nur, dass sich der Bund zu einer finanziellen Beteiligung an einer neuen Querung des Köhlbrands bekennt – unabhängig davon, ob es am Ende ein Tunnel oder eine neue Brücke wird. dth