Freitag , 18. September 2020
Seit Ende August sitzt der Angeklagte Hizir S. in Untersuchungshaft. Foto: be

Streit im Park eskaliert

Lüneburg. Seit dem 30. August sitzt der 37-jährige Fliesenleger Hizir S. wegen versuchten Totschlags in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, am Nachmittag jenen Tages mit einer Pistole auf einen Bekannten geschossen zu haben, der dabei lebensgefährlich verletzt wurde.

Der Tag habe begonnen wie jeder andere, berichtet H. am Donnerstag in der Eröffnung der Hauptverhandlung gegen ihn. Er sei auf dem Rückweg von seinem Deutsch-Kursus in Celle gewesen, als er ein paar Bekannte im Bürgerpark in Unterlüß getroffen und mit ihnen Bier getrunken habe. Schon im Zug nach Celle hatte er sich drei Bier genehmigt, er räumt ein, bereits angetrunken gewesen zu sein.

Beide waren schon zuvor aneinander geraten

Plötzlich sei Abubakar S. aufgetaucht, habe sich auf einer Bank gegenüber niedergelassen und ihn minutenlang mit seinen Blicken fixiert. Schon länger hatte es immer wieder Streitereien und sogar eine Schlägerei zwischen den tschetschenischen Landsleuten gegeben. Laut Hizir S. habe Abubakar S. ihm an diesem Tag gedroht, dass er ihm etwas antun würde, Anlass war eine vorangegangene Auseinandersetzung. Hizir S. gab an, dass er, um einen Streit zu vermeiden, nach einem verbalen Schlagabtausch mit seinem Fahrrad nach Hause aufgebrochen sei. Seine Rechnung sei aber nicht aufgegangen, da sein Widersacher sich ihm angeschlossen habe.

Der Angeklagte verliert sich in langatmigen Ausführungen, die wenig zur Sache beitragen, von Minute zu Minute werden die Blicke der Richter entnervter. Mehrfach wird Hizir S. vom Vorsitzenden Richter Kompisch gerügt: „Jetzt ist Schluss, ich möchte keine Geschichten mehr hören, sondern klare Antworten.“ „Können wir das beschleunigen?“ „Entweder sagen sie jetzt etwas Tragfähiges oder gar nichts“ – so geht es fortwährend. Schließlich gibt Hizir S. zu, auf Abubakar S. geschossen zu haben. „Er hatte ein Messer. Ich dachte, wenn ich ihm in die Beine schieße, ist er erstmal ausgeschaltet.“ Er traf sein Opfer jedoch mit einem Steckschuss in den Rücken, das Projektil musste am selben Tag operativ entfernt werden. Abubakar S. habe Glück gehabt, heißt es.

Angeklagter verstrickt sich in Widersprüche

Der Kammer fällt es schwer zu glauben, dass Hizir S. ohne Tötungsvorsatz handelte. Zumal er sich bei seinen Aussagen immer wieder in Widersprüche verstrickt, die er mit der Begründung, betrunken gewesen zu sein, auszuloten sucht. Für Schmunzeln bis zu Unverständnis und Wut im Saal sorgt die Erklärung des Angeklagten, wie er an die Waffe gekommen sei: Gefunden habe er sie, bei einem Spaziergang im Wald. „Ich habe eine Tüte im Wald mitgenommen für meine Bierflaschen. Als ich hineinschaute, habe ich die Pistole entdeckt.“

Bier scheint im Leben des Hizir S. eine große Rolle zu spielen. Kurz habe er überlegt, die Pistole in den Teich zu werfen, sich dann aber dafür entschieden, sie unter seinem Kühlschrank im Keller zu verstecken. Just am Tag des Vorfalls sei sie ihm dann wieder eingefallen, nach über sechs Monaten.“

Auf konkrete Nachfragen antwortet er, dass er sich wegen Schlafmangels nicht konzentrieren könne, sein Gehirn nicht mehr arbeite, „das erreicht mich alles nicht“. Da platzt Richter Kompisch der Kragen: „Sie verstehen sehr gut, sogar ausgezeichnet. Nämlich, dass es schlecht für sie läuft.“ Tatsächlich hat der Angeklagte sich mit seiner Einlassung sicherlich keinen Gefallen getan. Einzig zum Vorteil könnte ihm gereichen, dass er sich bei Abubakar S. öffentlich für seine Tat entschuldigt hat. Er hat die Entschuldigung angenommen.

Von Lea Schulze