Samstag , 19. September 2020
Der Stint ist da: Elbfischer Wilhelm Grube hat die Fangsasion eröffnet. Fotos: be

Appetit auf leckeren Stint

Fliegenberg. Kalt ist es, windig und regnerisch: Nicht unbedingt das Wetter für einen entspannten Spaziergang entlang der Elbe. Aber genau das richtige Wetter, um Stint in der Elbe zu fischen. Wilhelm Grube blickt aus dem Fenster seiner Gaststätte in Fliegenberg, lächelt und sagt: „Wenn es windig ist und die Elbe Hochwasser führt, ist das gut für einen erfolgreichen Fang.“

Der 64-Jährige ist einer der letzten Berufsfischer an der Elbe. Für ihn und seine Mitarbeiter beginnt jetzt die Stint-Hochsaison. Mit seinem 7,50 Meter langen Fischerboot, angetrieben von einem 150 PS-starken Außenbordmotor, geht es jetzt täglich hinaus auf die Elbe, um den begehrten Speisefisch aus dem Strom zu ziehen.

160 Reusen hat Grube in der Elbe aufgestellt. Doch die Zeiten, in denen die Fischfallen mit den bis zu 30 Zentimeter langen silberglänzenden Fischen prall gefüllt waren, sind lange vorbei: Vor 20 Jahren noch hatte der Berufsfischer bis zu 30 Tonnen Stinte aus der Elbe gefischt – im vergangenen Jahr waren es nicht einmal mehr zehn Tonnen. Schuld daran sei die Elbvertiefung, sagt Wilhelm Grube. Riesige Saugbagger vertiefen permanent die Fahrrinne der Elbe. „Die saugen alles ein, was vor das Rohr kommt – Larven, Fische und sämtliche Biomasse. Alles wird im großen Stil abgetötet“, ärgert sich Grube. Und das Ausbaggern führe zu einem Sauerstoffmangel im Fluss. „Unter diesen Sauerstofflöchern leiden unzählige Fische und sterben schließlich daran“, sagt er. „Die Elbe ist kein Fluss mehr, wie man sich ihn vorstellt.“

Dass die Saugbagger auch noch ausgerechnet im Auftrag des Hamburger rot-grünen Senats den Hafen und die Unterelbe aufwühlen, ärgert den 64-Jährigen ganz besonders. Spöttisch stellt er fest: „Ich glaube nicht, dass die Maschinen eine Umweltverträglichkeitsprüfung absolvieren mussten.“ Für ihn ist aber klar, dass die gigantischen Bagger den Lebensraum Elbe und damit langfristig auch die Lebensgrundlage der Fischer zerstören.

Von der Politik erhofft sich Grube nichts mehr: „Ich habe sie hier alle in meinem Restaurant sitzen gehabt“, berichtet frustriert der Berufsfischer. Doch außer schönen Worten sei nichts gekommen. Auch die Idee, den Stint in Aqua-Kulturen zu züchten, sei letztlich am Desinteresse und der mangelnden finanziellen Unterstützung aus Hannover gescheitert. Also wird der Fliegenberger Berufsfischer auch in dieser Saison mit seinem Boot hinaus auf die Elbe fahren, um den heiß begehrten „Minilachs“ zu fangen.

Heute ist der Stint eine Delikatesse

Einem Urtrieb folgend, steigt der Stint nämlich nur zum Laichen in die Elbe. In dieser Zeit von etwa vier Wochen ziehen viele Hunderttausende Stinte in Schwärmen aus der Nordsee an Hamburg vorbei bis in den Raum Fliegenberg-Laßrönne bei Winsen. Endstation ist die Staustufe bei Geesthacht. „Als die noch nicht gebaut war, wanderten besonders starke Exemplare die Elbe sogar bis in den Bleckeder Raum hoch“, weiß Grube zu berichten.

Früher ein Arme-Leute-Essen gilt der Stint heute als eine Delikatesse. Als angenehm empfinden Stint-Fans auch den leichten Geruch nach Gurke, der für die Fische typisch ist. An Land wird den Stinten zuerst der Kopf entfernt, dann werden sie ausgenommen, gründlich gewaschen und gesalzen. „In Roggenmehl gewendet und in Speck gebraten sind sie besonders lecker“, weiß Wilhelm Grube. Speckkartoffelsalat und Apfelmus seien beliebte Beilagen dazu.

Wie verbreitet der Stint einst war, beweisen Straßennamen wie Stintmarkt oder Auf dem Stint: Sie künden noch heute auch in Lüneburg von der einst großen Bedeutung der kleinen Schuppenträger. Noch voraussichtlich bis Ende April dauert die Stint-Saison. Übrigens landen bei Fischer Grube fast nur männliche Stinte auf dem Teller – und das hat folgenden Grund: Die Weibchen halten sich mehr am Ufer auf. Die Männchen schwimmen in der Mitte des Stroms – direkt in die dort aufgestellten Reusen.

Von Klaus Reschke