Dienstag , 29. September 2020
Pflanzen sind immer stärker Hitzestress ausgesetzt. Foto: Adobe Stock

„Mit dem Klima verändert sich der Markt“

Lüneburg. Klimawandel und Landwirtschaft – eine Beziehung, die viele Fragen aufwirft. Ihnen hat sich Dr. Claas Teichmann jetzt bei der Kreisversammlung Lüneburg des Bauernverbandes Nordostniedersachsen gestellt – und zusammen mit den Landwirten einen Blick in die Zukunft geworfen. Die LZ hat sich vorab auf ein Gespräch mit dem Physiker und Klimaforscher getroffen.

Herr Teichmann, es sind stürmische Zeiten: Gerade erst ist „Sabine“ über das Land gefegt. Handelt es sich dabei um einen einfachen Wintersturm oder um einen üblen Vorgeschmack auf etwas, das uns in Zeiten des Klimawandels künftig öfter ereilen wird?

Dr. Claas Teichmann. Foto: Gerics

Dr. Claas Teichmann: Das ist eine gute Frage, die ich so einfach aus dem Stegreif nicht beantworten kann. Womit wir aber rechnen müssen, ist, dass es im Winter mehr Starkniederschläge geben wird. Das haben wir in der Vergangenheit schon beobachten können und zeigen auch die Klimaprojektionen. Im Sommer dagegen nehmen die Niederschläge ab – ein Ungleichgewicht. Hintergrund ist der weltweite Temperaturanstieg. Er führt dazu, dass bestimmte Extreme häufiger auftreten: neue Hitzerekorde, weniger Frost.

Vor welche Herausforderungen stellt das die Landwirte auch in dieser Region?
Die Pflanzen sind zunehmend Hitzestress und Starkregen ausgesetzt. Wenn es keinen Frost gibt, sterben diverse Schädlinge im Winter nicht ab. Da müssen sich die Landwirte anpassen, indem sie zum Beispiel auf Pflanzenarten setzen, die resistenter gegenüber Trockenheit und Schädlingen sind. Inzwischen werden zum Beispiel bestimmte Weinsorten zunehmend auch im Norden angebaut. Solche individuellen Lösungen müssen wir mit den Bauern zusammen entwickeln. Ich glaube aber, dass das Potenzial dafür in diesem Sektor sehr groß ist.

Die Frage ist ja aber auch immer, ob der Markt das hergibt. Gibt es überhaupt genügend Bedarf für norddeutschen Wein oder heimische Melonen?
Auch der Markt wird sich wandeln. Der Klimawandel wird genauso in anderen Gegenden dafür sorgen, dass bestimmte Feldfrüchte nicht mehr angebaut werden können, die wir bislang importiert haben. Die Trockenheit in Südeuropa ist ja noch stärker ausgeprägt. Wenn dort – mal rein fiktiv gesprochen – irgendwann keine Tomaten mehr angebaut werden können, muss das woanders ausgeglichen werden. Zum Beispiel in Deutschland. Konsum und Nachfrage werden sich dem anpassen müssen. Abgesehen davon: Der Wandel kann auch positive Auswirkungen für die Landwirtschaft haben.

Welche denn?
Wenn es länger warm ist, können sich zum Beispiel Vegetationsperioden verlängern. Durch mehr Kohlenstoffdioxid in der Luft wird außerdem das Wachstum der Pflanzen gefördert, was höhere Ernteerträge zur Folge haben könnte. Dazu kommen die möglicherweise neuen Absatzmärkte.

Die Landwirte werden in der Diskussion zum Klimawandel immer wieder auch als Verursacher der Probleme herangezogen. So nach dem Motto: „Selbst Schuld!“ Was sagen Sie?
Land- und Forstwirtschaft spielen natürlich eine Rolle, wenn es um den Ausstoß von Treibhausgasen geht. Diese Gesellschaft muss das Problem aber geschlossen angehen. Ich kann nicht sagen: Die Landwirte sind selber Schuld und mir heute Mittag ein Wurstbrötchen kaufen, das aus dem von ihnen produzierten Fleisch und Weizen besteht. Das wäre zu kurz gedacht.

Wissenschaftler der Uni Würzburg wollen Pflanzen verändern – mit dem Ziel, mehr Kohlendioxid zu binden. Ist das ein Modell für die Zukunft auch der Landwirtschaft? Pflanzen, die nicht mehr nur an ihrer Wirtschaftlichkeit gemessen werden, sondern auch an ihrer Klimaschutzfunktion?
Das Kohlendioxid muss dauerhaft gespeichert werden. Bei den Feldfrüchten weiß ich nicht, wie das in der Praxis funktionieren sollte. Die Frage ist, was es am Ende bringt, wenn die entsprechende Pflanze mehr Kohlenstoffdioxid bindet. Wenn ich die Rübe esse, sie verdaue und die Reste entsorge, habe ich das Kohlenstoffdioxid noch nicht aus der Atmosphäre entfernt, also eigentlich nichts gewonnen.

Haben Sie denn einen Rat für die Landwirte?
Sie sollten den Mut haben, zu experimentieren und sich vielleicht auch mit anderen zusammentun, um die Anpassung an den Klimawandel effizient zu gestalten. Kooperation ist da ein wichtiger Ansatz. Das Klima wird extremer, das ist klar. Aus meiner Sicht haben wir einiges an Zeit verschenkt, um gemächlich umzusteuern und jetzt muss es eben schnell gehen, um Schlimmeres zu vermeiden.

Ideenschmiede für Klimadienstleistungen

Climate Service Center Germany

Das Climate Service Center Germany (Gerics) mit Sitz im Hamburger Chilehaus wurde 2009 von der Bundesregierung im Rahmen der „Hightech-Strategie zum Klimaschutz“ ins Leben gerufen und am Helmholtz-Zentrum Geesthacht – Zentrum für Material- und Küstenforschung GmbH eingerichtet. Ein Team von Naturwissenschaftlern, Ökonomen, Geisteswissenschaftlern und Architekten beschäftigt sich mit den Folgen des Klimawandels und möglichen Anpassungsstrategien.

Von Politik, Verwaltungen und Firmen werden die Experten mit unterschiedlichen Fragen konfrontiert: Inwieweit muss sich eine Stadt mit ihrem Regenwassermanagement auf künftige Starkregen-Ereignisse einstellen? Oder: Wie können Unternehmen die Auswirkungen des Klimawandels im Rahmen ihrer Zukunftsplanung mit berücksichtigen? Claas Teichmann ist an mehreren Projekten beteiligt. Eines war IMPACT2C, das den Klimawandel und seine Auswirkungen bei einer globalen Erderwärmung von zwei Grad Celsius europaweit untersucht hat.

Von Anna Petersen