Mittwoch , 30. September 2020
Wenn Familien aus dem Takt geraten, leiden vor allem die Kinder. Schutz erfahren sie bei Pflegeeltern und -familien. Für ihre Aufgabe müssen die ein hohes Maß an Idealismus mitbringen. Foto: AdobeStock

Eine Aufgabe für Berufene

Lüneburg. „Das ist nichts, um damit Geld zu verdienen.“ Mit klaren Worten machte Angela Lütjohann deutlich, dass die Aufnahme eines Pflegekindes in eine Familie mit „viel Idealismus“ verbunden und eine „Aufgabe mit Berufung“ sei. Gemeinsam mit ihren Kollegen aus dem Fachbereich Familie und Bildung informierte die Leiterin Soziale Dienste der Stadt im jüngsten Jugendhilfeausschuss über die geplante Kampagne der Stadt, mehr Pflegefamilien zu finden. Dabei wurde auch einem Vorurteil entgegengetreten.

„Ich warne davor, Heime gegen Pflegefamilien aufzustellen“, sagte Sozialdezernentin Pia Steinrücke. Eine Pflegefamilie sei nicht grundsätzlich immer besser als eine Heimunterbringung, „wir haben auch sehr gute Einrichtungen“. Steinrücke reagierte damit auf eine Äußerung von Philipp Meyn (SPD), der die Ansicht vertrat, es sei besser, Kinder in einer Pflegefamilie unterzubringen als in einem Heim.

Gleichwohl wurde in der Sitzung die hohe Bedeutung von Pflegefamilien für Kinder und Jugendliche betont, die aufgrund „familiärer Zuspitzungen“ vorübergehend oder für einen längeren Zeitraum aus ihrem familiären Umfeld herausgenommen werden müssen. Das bestätigte auch Berthold Schweers, Geschäftsführer des Caritasverbands Lüneburg: „Ich bin froh, dass es diese Kampagne gibt, weil sie zeigt, dass es nicht nur die Heim-Lösung gibt.“

„Klarheit und Offenheit“

Schweers betonte aber auch, dass es wichtig sei, auf die Rückkehrmöglichkeit der Kinder und Jugendlichen in ihre Herkunftsfamilien hinzuweisen. Dem schloss sich auch Wolfgang Schäfer als Vertreter des Amtsgerichts im Jugendhilfeausschuss an. Er appellierte an die Beteiligten, mit „Klarheit und Offenheit“ auf die rechtlichen Rahmenbedingungen hinzuweisen.

Bei Sozialdezernentin Pia Steinrücke stieß er damit auf offene Ohren: „Die enge Beratung beider Familien, der Herkunftsfamilie und der Pflegefamilie, ist das A und O.“ Stephanie Hildebrandt, Sozialarbeiterin im Pflegekinderdienst der Stadt, ergänzte, wegen der Rückkehrmöglichkeit der betroffenen Kinder in ihre Herkunftsfamilien werde auch nicht mehr von einem „Daueraufenthalt“ gesprochen, „wir reden jetzt nur noch von ‚längerfristig‘“. Hintergrund seien Erfahrungen mit Pflegefamilien, die irrtümlich davon ausgegangen waren, ihr Pflegekind bleibe für immer bei ihnen. „Als ihr Pflegekind dann wieder zu den leiblichen Eltern zurückkehrte, brachen zum Teil Welten zusammen.“ Nicht die Familien, sondern das Kindeswohl bestimme den Aufenthaltsort eines Kindes.

Thorsten Treybig, Leiter des Fachbereichs Familie und Bildung, machte deutlich, dass mit der Kampagne aber nicht nur Familien für einen längeren Pflegeaufenthalt gesucht würden. Bedarf habe man auch an Familien oder Personen für eine vorübergehende Inobhutnahme eines Kindes. Hier gebe es zurzeit nur fünf Familien.

Von Ulf Stüwe

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Geld für Pflegekinder

Aufwand wird honoriert

Für die Aufnahme eines Pflegekindes werden verschiedene Aufwendungen von der Stadt Lüneburg erstattet. Je nach Art der Betreuung – allgemeine Vollzeitpflege, sozialpädagogische Vollzeitpflege, sonderpädagogische Vollzeitpflege, sonderpädagogische Vollzeitpflege plus oder Verwandtenpflege – und Alter des Pflegekindes werden monatlich unterschiedliche Sätze gezahlt. Darüber hinaus können einzelne Leistungen auf Antrag erstattet werden.

Im Bereich allgemeine Vollzeitpflege etwa erhalten Pflegefamilien 248 Euro für Kosten der Pflege und Erziehung zuzüglich 568 Euro als Sachaufwand für die Altersgruppe bis 5 Jahre. Ein Elterngeld wird derzeit nicht gezahlt, allerdings gibt es hierzu erste Überlegungen für ein „Elterngeldanaloges Pflegegeld“.