Montag , 28. September 2020
Ist auch mit ihrer Spoken Word Performance unterwegs: Huda El Haj Said. Foto: t&w

Über die Liebe in all ihren Formen

Wittorf. Nicht ein imaginärer Freund, sondern der Tod ist der ständige Begleiter der siebenjährigen Maya, schreibt Huda El Haj Said. Als sie 14 war, sah Huda im Fernsehen einen Beitrag über NCL. Die Abkürzung steht für Neuronale Ceroid-Lipofuszinose, und was diese Krankheit genau ist, bringt der 18-jährige Levin im Buch auf den Punkt: „Was für eine beschissene Arschlochkrankheit!“ NCL frisst sich brutal wie eine Demenz durch das Gehirn und nimmt dem Menschen sämtliche Fähigkeiten, die ihn zum Menschen machen. Nur tut sie das nicht bei jenen, die ein reiches Leben hinter sich haben, sondern bei denen, die es eigentlich noch vor sich haben sollten. Bei Kindern.

Etwas von der Existenz des Kindes festhalten

„Ich hatte Kontakt zu einer Familie, deren Tochter Clara an NCL erkrankt war“, erklärt Huda El Haj Said. „Ich wollte unbedingt etwas von der Existenz dieses Kindes festhalten, weil es in jedem Fall sterben würde. Ich konnte aber nicht in die Forschung gehen, um zu helfen. ‚Was kann ich tun?‘, dachte ich mir. ‚Ich kann schreiben‘, sagte ich. Und genau das habe ich getan.“

Im Mittelpunkt des Romans „Die Stille der Unendlichkeit“ steht die 17-jährige Zea. Sie führt ein normales Leben wie so viele Mädchen in ihrem Alter. Nur hat sie eben eine Schwester, an der sich die Krankheit NCL abarbeitet. Maya bekommt mittlerweile kaum mehr etwas mit, sie ist längst erblindet. Zeas Eltern und sie selbst fürchten vor allem die immer wieder auftretenden „Grand Mals“, bei denen Maya epileptische Anfälle bekommt und das Bewusstsein verliert.

Witzig, schlagfertig, ein bisschen verrückt

Wie normal darf Zeas Leben also sein? Darf sie auch an etwas anderes als an ihre Schwester denken? Die Beantwortung dieser Frage wird ihr abgenommen, als sie Levin kennenlernt. Er ist der Schlüssel in eine Welt, in der sich nicht alles um Krankheit und Tod dreht. Er ist witzig, schlagfertig, ein bisschen verrückt, und er wird derjenige sein, der auf den 280 Seiten des Romans Zea ein wenig in jene Normalität zurückholt, nach der sich eigentlich jeder sehnt.

„Ich wollte mit dem Buch in jene Ecken des Herzens gehen, in die man sonst nicht so gut hinkommt“, sagt Huda El Haj Said. Sie wollte keine Fakten, keine Zahlen zur Krankheit liefern, sondern über Gefühle einen Zugang finden. Also schlüpfte sie – damals selbst erst 14 Jahre alt – in die Rolle der 17-jährigen Zea, die Stück für Stück näher an Levin heranrückt. Aber bedeutet das nicht gleichzeitig auch, dass sie sich von ihrer kranken Schwester entfernt?

Abitur am Lüneburger Johanneum

Um genau diese Frage dreht sich der Roman, der mitnichten eine Liebesgeschichte erzählt, sondern vielmehr von der Liebe in all ihren Formen schwärmt, auch wenn sie manchmal noch so sehr weh tut. Geholfen habe ihr beim Rollenwechsel, dass sie selbst eine große Schwester ist – drei jüngere Brüder hat sie.

„Es war zu schnell gekommen, um es zu bemerken und zu spät, um es aufzuhalten“. Oder: „Maya starb schneller, als sie lebte.“ Solche Sätze hat Huda El Haj Said als heranwachsendes Mädchen geschrieben. Das Buch hatte sie in einer früheren Version lange auf ihrer Website veröffentlicht, beendet hatte sie es im Dezember 2016. Da war sie gerade mal 15. Erst vor kurzem ist das Buch als Printausgabe erschienen. Die heute 18-jährige Wittorferin, die ihr Abitur am Lüneburger Johanneum gemacht hat, hofft darauf, im kommenden Wintersemester ein Medizinstudium starten zu können. Bis dahin wird ihr aber nicht langweilig: Sie macht schon mal die nötigen Praktika. Und ist in Sachen Spoken Word Performance unterwegs. Einladungen gibt es genug, im März etwa ist sie bei den Landfrauen in Kirchgellersen. Sie spricht auch bei Stiftungen und privaten Veranstaltungen. „Das ist wie ein Domino-Effekt: Ich bin abends auf einer Veranstaltung und spreche über ein Thema. Und danach kommt jemand auf mich zu und fragt, ob ich nicht auch bei ihm zu Gast sein könnte“, sagt Huda El Haj Said und lacht. Es mache ihr einfach Spaß, mit Sprache zu jonglieren. Zweifellos.

Huda El Haj Said liest am Freitag, 17. April, um 19.30 Uhr aus ihrem Buch – in der Kulturbäckerei. Eine Spoken Word Performance gibt es noch oben drauf.

Von Thorsten Lustmann