Sonntag , 25. Oktober 2020
Mit seiner Musik sorgt Kaur Kask für wohlige Entspannung bei Svenja Ahlfeldt und ihrem Söhnchen Leonard. Foto: t&w

Klangvolle Unterstützung

Lüneburg. Jeden Donnerstag kommt Kaur Kask mit Körpertambura und Gitarre ins Klinikum. Er setzt die Instrumente dort ein, wo Menschen am Anfang des Lebens und auf dem letzten Lebensweg eine klangvolle Unterstützung gut tut. Die LZ begleitete den Musiktherapeuten auf der Frühgeborenen- und auf der Palliativstation.

Als Leonard auf die Welt kam, war er viel zu früh dran. Es war der 8. Dezember, kurz nach der 24. Schwangerschaftswoche musste bei seiner Mutter Svenja Ahlfeldt ein Notkaiserschnitt durchgeführt werden. Leonard brachte 698 Gramm auf die Waage. Mit seinem Zwillingsbruder Jonathan kam er auf die Frühchenstation. Nur Leonard schaffte den mühsamen Weg ins Leben – auch Dank der medizinischen Möglichkeiten, die diese Station bietet.

Besondere Entspannung für Mutter und Kind

Den Inkubator hat er inzwischen mit einem Bettchen getauscht, über dem ein Monitor hängt, mit dem er verkabelt ist. Der zeigt Puls, Sauerstoffsättigung und Atemfrequenz an. Manchmal piept‘s, wenn sich einer der Werte ungewöhnlich verändert. Kask hat etwas Behutsames, als er das Zimmer betritt und sich neben Svenja Ahlfeldt setzt. Die liegt lächelnd auf einer Liege, ihren kleinen Schatz hat sie in ein weiches Tuch gehüllt auf ihre Brust gelegt. Auf Kasks Frage, wie es dem Baby geht, sprudelt es aus Svenja Ahlfeldt heraus: Er hat zugenommen, er wiegt nun 1550 Gramm, trinkt selbst und ist inzwischen stabil.

„Ich würde jetzt Musik machen. Genießen Sie es einfach. Schlafen Sie ruhig ein, aber Sie können natürlich auch stopp sagen“, führt Kask aus. Und dann gleiten seine beiden Zeigefinger über die Körpertambura. Sanfte Klänge wabern durch den Raum. Es ist wie eine leichte Welle, auf der man dahin gleiten möchte. Svenja Ahlfeldt hat die Augen geschlossen, ihr Gesicht wirkt zunehmend entspannt und mit der rechten Hand streichelt sie sanft über ihr Kind. Nur ab und zu macht Leonard einen kleinen Quiekser. Kurz danach fällt der Wert der Atemfrequenz ab – Ausdruck dafür, dass der kleine Mann ganz ruhig wird.

Als ihr bald nach der Geburt das Angebot Musiktherapie gemacht worden sei, „war ich erst skeptisch. Aber dann habe ich mich entschlossen, alles für mein Kind anzunehmen, was ihm gut tut“, berichtet die Mutter. Ihre Erfahrung: Die Musiktherapie schaffe eine besondere Atmosphäre der Nähe, in der Mutter und Frühgeborenes sich gemeinsam entspannen und aufeinander einlassen können. „Es ist ganz wichtig, dass er meine Emotionen wahrnimmt.“ Denn durch die Frühgeburt kommt es zu einer abrupten Trennung, die beide oft traumatisch erleben. Das Frühchen wird in den ersten Lebensmonaten auf der Intensivstation ständig überwacht. Es ist umgeben von unbekannten Geräuschen und Stimmen.

Lernen, Orientierung, Kreativität

Kask ist überzeugt, dass sich die Musiktherapie positiv auswirkt auf die Entwicklung des Frühchens sowie dessen spätere kognitiven Fähigkeiten wie zum Beispiel das Lernen, die Orientierung oder Kreativität. Das sei auch durch Studien belegt.

Während es das Angebot auf der Frühchenstation auf freiwilliger Basis erst seit zwei Jahren gibt, gehört es auf der Palliativstation bereits seit sechs Jahren zum therapeutischen Konzept bei der ganzheitlichen Betreuung und Behandlung unheilbar erkrankter Menschen. Speziell geschulte Pflegekräfte und Ärzte arbeiten hier unter anderem mit Physio- sowie Psychotherapeuten und ehrenamtlichen Hospizhelfern zusammen, um körperliche und psychische Pro-­bleme des Patienten zu lösen. Musik schaffe einen Zugang zu Patienten, den man oft über Worte nicht hinbekommen könne, wissen Dr. Wolfgang Schmitz, Leiter der Station, und seine Kollegin Annedore Ihle. Sie sei ein „Türöffner“, damit der Patient über sein Leben reflektiere und über Sorgen sowie Ängste reden könne. Über Musik tauchen Assoziationen und Bilder aus der Vergangenheit auf, was es dem Erkrankten oft einfacher mache, sich etwas von der Seele zu reden. „Viele sind erst skeptisch und fiebern dann dem nächsten Termin entgegen“, sagt Schmitz.

Singen hilft ihr gegen Traurigkeit und Angst

Wie Antoniette Adlawan Hera (47). Erwartungsvoll schaut sie erst Kask, dann die Gitarre an. „Ich schlage ‚Summer wine‘ vor. Kennen Sie das? Würde das passen?“, fragt er. Als sie nickt, beginnt er zu spielen und zu singen. Sie wiegt den Kopf, schnippt mit den Fingern und stimmt in den Refrain ein. Er habe „a very nice voice“, eine sehr schön Stimme, attestiert sie anschließend. Ihre Augen strahlen und sie wünscht „bitte mehr“. Bei „Lemon Tree“ tanzt ihr ganzer Oberkörper, bei „Don‘t worry, be happy“ lächelt sie, um dann selbstversonnen zu sagen: „Diese Krankheit besiege ich.“

Dass sie Zweifel daran hat, zeigt sich, als sie etwas später erzählt, sie habe schon mehrere Chemo- und Strahlentherapien hinter sich. „Ich habe Angst.“ Dagegen und gegen die Traurigkeit sei das Singen das Beste. Und es hilft ihr sich zu erinnern, auch an ihre philippinische Heimat. „Kennen Sie dieses Lied aus Cats?“ fragt sie Kask, der Titel fällt ihr nicht ein. „Mein Lieblingslied.“ Viele Erinnerungen seien damit verbunden, sagt sie und in ihren Augen bilden sich Tränen. Der Musiktherapeut hakt nach, welches es sein könnte. Und er verspricht, es einzustudieren – bis zum nächsten Mal.

Von Antje Schäfer

Hintergrund

Wer bezahlt‘s?

Die Musiktherapie für die Frühchen wird ausschließlich über Spenden finanziert, die von den Fundskerlen – Förderkreis der Gesundheitsholding – eingesammelt werden. Die Kosten für das Angebot auf der Palliativstation tragen jeweils zur Hälfte der Ambulante Hospizdienst Lüneburg und das Lüneburger Klinikum.