Donnerstag , 22. Oktober 2020
Auch wenn es mehr nach Vergangenheit aussieht: Im ehemaligen Hort an der Papenstraße entsteht das Museum der Zukunft. Foto: us

Das Museum, das nie fertig wird

Lüneburg. „Bordell, Spielhalle, Swinger-Club, Sex-Shows – all das dürfen wir nicht, ansonsten sind wir relativ frei.“ Prof. Dr. Michael Braungart schmunzelt bei diesen Worten, doch seine Antwort auf die Frage, was denn sein Museum für Zukunft mache und ob es im Zuge des Umbaus Auflagen seitens der Stadt dazu gebe, war durchaus ernst gemeint. Vor zwei Jahren hatte er das Haus an der Papenstraße von der Stadt gekauft, inzwischen sei man auf gutem Weg, sagt der „Cradle-to-Cradle-Papst“, wie der auch weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannte Verfahrenstechniker und Leuphana-Professor gern genannt wird. Und natürlich hat er noch mehr als nur Aktuelles über das Museum im Gepäck.

„Die Haupträume sind renoviert“, sagt Michael Braungart und lässt dabei nicht unerwähnt, bei den Sanierungsarbeiten Wand- und Deckenfarben verwendet zu haben, die den hohen Ansprüchen des Museums gerecht werden. „Die Farben bestehen aus Bakterien, die Luftschadstoffe umwandeln.“ Überhaupt spielen Bakterien in dem Ressourcen sparenden Kreislaufkonzept, das Braungart mitentwickelt hat und für das er seit Jahren umtriebig auf internationalen Konferenzen die Werbetrommel rührt, eine wichtige Rolle. Schließlich seien 95 Prozent aller Bakterien „unser Freund und nicht unser Feind. Warum also sollten wir sie umbringen?“ Nicht antimikrobiell, sondern promikrobiell sei die Lösung für viele unserer Umweltprobleme.

„Nichts Giftiges gefunden“

Zurück zum Museum. In dem Haus sei „nichts Giftiges gefunden“ worden, weder problematische Holzschutzmittel noch Asbest. Umbauarbeiten stehen dennoch an. So soll demnächst das Kellergeschoss bis zu 80 Zentimeter tiefer gelegt werden, um Stehhöhe für den dort geplanten Seminarraum zu bekommen. Auch ein Zugang von außen zu diesem Raum ist geplant, um bei Veranstaltungen unabhängiger zu sein.

Für den internationalen Austausch – Braungart ist mit Wissenschaftlern rund um den Globus vernetzt – und die Unterbringung von Referenten sollen im Dachgeschoss Gästezimmer entstehen. Ebenfalls eine Bibliothek zum Zukunftsthema „CtC“, der Abkürzungsformel für Cradle to Cradle, was für „von der Wiege bis zur Wiege“ und damit den erhofften biologischen oder technischen Dauerzyklus aller Stoffe steht.

Um Beispiele für seine Idee muss man den Wissenschaftler nicht lange bitten: Stühle mit essbaren Bezugsstoffen, Teppichböden, die Feinstaub binden, oder Pilze für die Produktion von natürlichem Dämmmaterial – überall greife der CtC-Gedanke. Das Pilz-Projekt wurde übrigens gerade im Kellergeschoss des Zukunftsmuseums im Rahmen eines studentischen Startup-Projekts begonnen (LZ berichtete).

Abkehr von einem „schlechten Menschenbild“

Ziel von allem ist die Vermeidung von Abfall, der dem natürlichen Stoffkreislauf nicht mehr zur Verfügung steht. Beim Thema Abfall räumt Braungart auch mit Vorurteilen auf, die häufig auf einem „schlechten Menschenbild“ basierten. „Wer die Menschen als Fremdkörper und nicht als Lösung sieht, wird sie nicht gewinnen.“ Von der „Umerziehung der Leute“, die heute oft mit moralischen Appellen einhergingen, halte er nichts. Und mit Blick auf den derzeitigen Greta-Hype sagt er: „Panik ist kein guter Ratgeber.“

Überhaupt gelte es, Geschäftsmodelle zu entwickeln, die den ressourcenschonenden Einsatz belohnen. „Und zwar, indem technische Geräte nicht mehr verkauft, sondern nur noch vermietet werden.“ Damit würde die Qualität der Geräte steigen, sie wären länger in Gebrauch und nach ihrem Lebenszyklus wieder dort, wo sie produziert wurden. Den diesem Modell zugrunde liegenden Gedanken beschreibt Braungart so: „Die Leute wollen keine Waschmaschinen, sondern saubere Wäsche.“ Gekauft werde nur das, was selbst wieder in den CtC-Prozess eingebracht werden kann.

Er nehme die Marktwirtschaft ernst, sagt der 62-Jährige, das Problem sei nur, „dass die Gewinne privatisiert und die Risiken vergesellschaftet werden“. Dennoch sei er sich sicher, dass die Welt bis 2050 Cradle to Cradle ist, „auch wenn sie zur Zeit eher noch Knödel-to-Knödel ist“. Hoffnung mache ihm dabei vor allem die „Selfie-Generation“: „Die jungen Menschen wollen gemocht werden.“ Das komme der Umwelt zugute.

Wann das Museum denn nun fertig sei? „Nie, es ist ein ständiges Labor.“

Von Ulf Stüwe

Mehr dazu:

Was der Initiator von „Cradle to Cradle“ zur Greta Thunberg sagt und wo Cradle to Cradle steht, das gibt es auf Blog.jj im neuen Podcast „LG 2120“.

Der unterschätzte CO2-Speicher

Das Museum der Zukunft

Zeitreise in eine erhoffte Welt ohne Müll

Museum der Zukunft

Forschungs- und Entwicklungslabor

Das Museum der Zukunft in der Papenstraße 15 ist laut eigener Darstellung ein „Treffpunkt, an dem sich unter der Trägerschaft des Hamburger Umweltinstituts Studenten und Wissenschaftler, Politiker, Mitglieder von Verbänden, Vereinen, Initiativen sowie Nachbarn und Interessierte der Region Lüneburg begegnen, um hier ein Forschungs- und Entwicklungslabor für innovative Technologien für eine zukunftsfähige, langfristige Nutzung aufzubauen“. Weitere Informationen und Besucheranfragen unter www.hamburger-umweltinst.org.