Donnerstag , 1. Oktober 2020
Sie wollen Aufklärungsarbeit leisten (v.l.): Andrea Krüger, Jasmin Hoppe von der Landberatung Lüneburg, Christoph, Eckhard und Jan Krüger. Foto: t&w

Was die Nachbarn nicht sehen

Ventschau. Die Nachbarn sehen viel. Dass Eckhard Krüger mit großen Maschinen große Felder spritzt zum Beispiel, dass er einen Schweinestall besitzt, vor dem alle paar Wochen ein Transporter hält, um die Tiere zum Schlachthof zu bringen. Aber die Nachbarn sehen nicht alles. Dass Krügers Schweine ihre Ringelschwänze behalten dürfen und die Ferkel draußen auf Stroh aufwachsen, dass er Blühstreifen anlegt – das alles sehen sie nicht, meint der Landwirt.

Es ist noch nicht lang her, da soll eine Anwohnerin eine Unterschriftenaktion im Dorf gestartet haben – gegen die „Giftgaswolke über Ventschau“. Krüger hatte Pflanzenschutzmittel auf seinem Feld ausgebracht, das gefiel den Nachbarn offenbar nicht. Der Bauer fühlte sich missverstanden, ausgeschlossen – eine Lösung musste her.

Vernetzung von Biotopen

„Viele Verbraucher wissen gar nicht, warum wir ein Pflanzenschutzmittel benutzen, wie es im Stall aussieht oder was eine Zwischenfrucht ist“, glaubt Krügers Frau Andrea. Darum hat die Familie zusammen mit der Landberatung Lüneburg Infotafeln entwickelt, die sie schon bald an ihren Feldern aufstellen werden. Auf diesem Lehrpfad rund um Ventschau erfahren Verbraucher zum Beispiel, dass Blühstreifen nicht nur für Insekten wichtig sind und zur Vernetzung von Biotopen beitragen, sondern auch dafür sorgen, dass der Bauer weniger spritzen muss. Dass Zuckerrüben auf einem Hektar bis zu 36 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr speichern und verhältnismäßig wenig Wasser brauchen.

„Vielleicht fragt ja auch mal einer genauer nach“, überlegt Eckhard Krüger. „Wenn ich vom Trecker aus jemanden die Tafeln lesen sehe, würde ich auch mal anhalten.“ Die Initiatoren hoffen, dass das Projekt bald Nachahmer in der Region findet. Für sie ist es auch eine Investition in die Zukunft: Sohn Christoph Krüger will den Betrieb in vierter Generation weiterführen. „Dass das schwierig wird, ist klar“, sagt der 27-Jährige. Weniger Planungssicherheit, höhere Standards bei der Tierhaltung. Der Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration zum Jahresende bereitet ihm schon jetzt Kopfzerbrechen. Soll er die Eber dann impfen, damit die Bildung der Sexualhormone unterdrückt wird? Oder doch lieber unter Vollnarkose kastrieren? Er ist sich da noch nicht so sicher.

16,50 Euro pro Mastschwein

Überhaupt seien Aufzucht und Mast komplizierter geworden, weiß Vater Eckhard Krüger. In Niedersachsen werden rund neun Millionen Schweine gehalten. Dem Landwirtschaftsministerium liegen keine Daten über die Anzahl an Schweinen in Niedersachsen vor, bei denen die Schwänze kupiert wurden. Deutschlandweit lag der Schätzwert laut der Behörde bei 95 Prozent – obwohl laut EU-Richtlinie das Schwänzekürzen bei Schweinen nicht routinemäßig durchgeführt werden darf. Die Krügers verzichten darauf, haben ihren Stall umgebaut und mit Bällen, Stricken und Strohraufen versehen, damit sich die Tiere nicht aus Langeweile gegenseitig beißen. Dafür erhalten sie die sogenannte Ringelschwanzprämie – 16,50 Euro pro Mastschwein, 5 Euro pro Ferkel.

„Das war mutig“, sagt der Senior. Täglich verbringe er nun zwei Stunden mehr im Stall mit Gesundheitskontrollen und der Suche nach bissigen Schweinen. „Täter“, so nennt Eckhard Krüger die Tiere, die einmal Blut geleckt haben. Als Täter fühlt er sich selbst auch manchmal abgestempelt. Einfach, weil er Schweine hält. Einfach, weil er konventionelle Landwirtschaft betreibt.

Bislang gibt es fünf Infoschilder für Gerste, Kartoffeln, Zuckerrüben, Raps und Blühstreifen. Nicht auszuschließen, dass es bald auch eins zur Schweinehaltung gibt.

Von Anna Petersen