Samstag , 26. September 2020
Norbert L. (72) versteckt in Saal 12 des Landgerichts sein Gesicht. Der pensionierte Dannenberger Polizist ist nun vom Vorwurf des sexuellen Missbrauchs freigesprochen worden. Foto: Michael Behns

Zu viele Widersprüche

Lüneburg/Dannenberg. Das mediale Interesse an dem Prozess war groß: Seit Januar musste sich vor dem Lüneburger Landgericht der 72-jährige Dannenberger Norbert L . verantworten, weil er die Töchter seiner Ehefrau missbraucht haben soll. Die Vorwürfe wiegen schwer. Die heute Anfang 20-jährigen jungen Frauen beschuldigten ihn, über einen Zeitraum von drei Jahren immer wieder sexuelle Handlungen an ihnen vorgenommen zu haben, vor dem Fernseher, in ihren Kinderbetten, in seinem Arbeitszimmer. Damals waren die Mädchen zwischen 12 und 15 Jahre alt. Ihre Schilderungen ließen ein Dauermärtyrium erahnen, von Ritualen war die Rede. Die Vorfälle seien so häufig gewesen, dass sie sich nicht beziffern ließen, gaben die jungen Frauen zunächst bei der Polizei an. Abgelassen habe ihr Stiefvater erst von ihnen, als er Angst gehabt habe, sie könnten sich ihrem jeweils ersten Freund offenbaren.

Gutachterin Petra Hänert meldete zumindest Zweifel an der Glaubhaftigkeit der Aussagen der beiden Schwestern an, weil sie sich auffällig ähnlich gewesen seien. „Natürlich kann der Täter auch immer das gleiche machen, aber dass sie auch jeweils an den gleichen Stellen stolperten, das ist schon eklatant.“ Eine Absprache der Schwestern sei nicht auszuschließen, auch seien beide Aussagen blass und oberflächlich geblieben. „Es gibt keinen Punkt, an dem ich wirklich gedacht habe, so muss es gewesen sein.“ Die Detailarmut mit der die Schwestern die traumatischen Ereignisse beschrieben, machte auch den Vorsitzenden Richter Thomas Wolter stutzig. „Die Zeugin liefert hier immer nur ein Ergebnis und rechtstechnische Begriffe, keine Emotionen, keine Dialoge, keine Gerüchte, wie es zu den Situationen kam und wie sie endeten, all das will sie nicht mehr wissen, alles bleibt abstrakt“, wunderte er sich über die Aussage der älteren der Schwestern, Anna K. Von „ausgestanzten Erinnerungslücken“ sprach Wolter, warf die Frage in den Raum, ob sie sich nicht überführbar machen wolle oder einfach nur gut vorbereitet sei.

„Sie wollte sein Leben zerstören. Das ist ihr gelungen.“

Nach Schließung der Beweisaufnahme plädierte die Staatsanwaltschaft auf eine Gesamtstrafe von drei Jahren, dem schloss sich die Nebenklage an. L.s Verteidigerin Silke Jaspert forderte einen Freispruch für ihren Mandanten. „Es geht hier um sehr viel. Vorwürfe, wie die, die hier im Raum stehen, zerstören Leben. Deshalb ist es wichtig, sorgfältig und akribisch zu arbeiten und die Wahrheit zu sagen“, begann sie ihren Vortrag. „Von der Wahrheit sind wir hier leider weit entfernt. Die beiden Zeuginnen lügen schlicht und ergreifend.“ Der Plan der älteren Schwester sei es gewesen, Norbert L. loszuwerden, um jeden Preis. „Anna K. handelte aus dem Wunsch nach Liebe heraus, wollte ihre Mutter für sich alleine haben. Das ist pathologisch.“ Auf ihre jüngere Schwester habe sie Druck ausgeübt, ihr die Vorwürfe souffliert, daher die Ähnlichkeit.

In der Hauptverhandlung habe sich gezeigt, dass die Vorwürfe erfunden seien, kryptisch sei alles geblieben, widersprüchlich. Ich weiß nicht, irgendwie, irgendwann. Vielmehr konkretes habe es nicht gegeben. „Immer sind die anderen Schuld, das zieht sich durch ihr Leben. Und nun sollte es meinen Mandanten treffen“, sagte Jaspert. „Sie wollte sein Leben zerstören. Das ist ihr gelungen.“

Tatsächlich wurden die Vorwürfe bei jedem erzählten Mal weniger, während bei der Polizei noch von Vorfällen jeden Tag die Rede war, wurden daraus auf intensive Nachfrage vor Gericht „vielleicht auch nicht mehr als zwei“. Auch stellte sich heraus, dass konkrete Situationen, die Anna K. beschrieben hatte, so nicht stattgefunden haben konnten. So sprach das Gericht Norbert L. von den Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs frei.

Kein Freispruch zweiter Klasse

„Es ist nicht unsere Aufgabe zu glauben, wir sind nicht in der Kirche“, begründete der Vorsitzende Richter Wolter. „Wir müssen wissen, was der Angeklagte gemacht hat und uns hat es nicht gereicht. Alle Indizien sprechen dafür, dass die von Anna geschilderten Erlebnisse nicht passiert sind. Wir haben es hier mit so unglaublichen Widersprüchen zu tun und nichts Konkretes in der Hand.“

Mehrfach betonte er aber auch, gerade wegen der Anwesenheit der Presse, dass es sich nicht um einen Freispruch zweiter Klasse handele. „Irgendein Leid ist Ihnen geschehen“, wandte er sich an Anna K, die bei der Urteilsverkündung neben ihrer Anwältin saß. „Mit dem Leben aufräumen zu wollen, in Ordnung zu bringen, woran man bislang gescheitert ist, das imponiert mir. Aber es kann nicht nur darum gehen, einen Sündenbock zu finden.“

Von Lea Schulze

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