Sonntag , 20. September 2020
Gab es eine geheime Verbindung zwischen den Klöstern Michaelis und Lüne? Benedikt Fiedler hat sich für dieses Symbolbild als Mönch verkleidet und streicht durch den Gang der Graalfahrt. Foto: A/t&w

Tunnel der Leidenschaft

Lüneburg. Geht es in Lüneburg abwärts, stößt man schnell auf die Sage von den Gängen, die mittelalterliche Ahnen unter Straßen und Gassen gebuddelt haben sollen . Die Bardowicker Straße verwandelt sich für Monate in eine Baustelle – schon redet mancher wieder von angeblichen Tunneln. Darum rankt sich eine Geschichte von Leidenschaft und Mystik; zwischen dem Frauenkloster Lüne und dem Männerkloster Michaelis, damals am Fuße der Burg auf dem Kalkberg gelegen, bestanden heimliche Verbindungen. Nun überwindet Liebe bekanntlich vieles, aber sicherlich nicht die Ilmenau. Stadtarchäologe Edgar Ring sagt ironisch: „Eine Meisterleistung, ein Weg unter dem Fluss. Und am Kalkberg noch ein Ausstieg, der Gang geht in die Höhe – kaum vorstellbar.“ Für ein mittelalterliches System Maulwurf, welches sich kilometerlang sozusagen als Pfad d‘amour unter dem Pflaster entlang schlängelt, gebe es keine Belege.

Großer Bunker unter dem Sande

Ähnliche Geschichten erzählen sich die Bürger in vielen jahrhundertealten Städten, Lüneburg bildet da keine Ausnahme. Tunnel unter der Altenbrückertorstraße, Röhren um den Markt. Fantasie, da plätschert es nur in der Kanalisation aus dem 19. Jahrhundert. Eben solche Abwasserkanäle gebe es auch unter der Bardowicker Straße, berichtet Uta Hesebeck, sie ist im Bauamt für den Tiefbaubereich verantwortlich. Übrigens stehen auch hier Sanierungsarbeiten an, deshalb buddeln die Arbeiter in den nächsten Monaten dort metertief.

Es gibt andere Beispiele für unterirdische Bauten. Ein großes Mauseloch lag lange unter dem Sand. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs legten die Nationalsozialisten einen Bunker an. Der wurde bei den Umbauten des Platzes im Sommer 1999 wieder ausgegraben und war dreimal länger als gedacht, nämlich etwa 130 Meter. Das hatten Bauakten aus dem Jahr 1944 dem damaligen Tiefbauamtsleiter Erhard Busch nicht verraten. Im Stadtarchiv fanden sich spärliche Belege: Die Kosten waren mit 18 593 Reichsmark und vier Pfennigen angegeben. „Stadtbauführer“ Bicher unterzeichnete damals entsprechende Vermerke. Wahrscheinlich mussten – wie bei anderen Luftschutzanlagen – KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter an dem Bunker und einem Löschwasserbecken vor der Industrie- und Handelskammer mitbauen. „Belege haben wir dafür aber nicht“, hatte die damalige Stadtarchivarin Uta Reinhardt berichtet.

Erreichbar durch ein Ausfallpförtchen

Allerdings gab es im Kaland-Haus neben dem Wasserturm eine Außenstelle des Konzentrationslagers Neuengamme. Aufseher zwangen die Männer „Deckungsgräben“ als Schutz vor feindlichen Bombern anzulegen. Aus dieser Zeit rühren Gerüchte, dass Verbindungen aus den Kellern der Häuser zu dem Schutzraum geknüpft worden waren. Gefunden wurde nichts.

Doch hier findet sich eine Spur für die Mär der Gänge. Archäologe Ring erzählt: „In den Kriegsjahren haben Hausbesitzer Kellerwände durchbrochen, um im Notfall ins Nachbargebäude fliehen zu können. Die wurden nach 1945 wieder geschlossen.“

Im Archiv der LZ finden sich Hinweise auf Gänge, die Boten der Stadt vor Jahrhunderten nutzten. So führte eine Poterne, ein Ausfallpförtchen, vom Rathaus Richtung Liebesgrund. „Beim Bau der neuen Staatsanwaltschaft hat ein Baggerführer den Tunnel gefunden“, notiert die LZ im Oktober 1978: „In zweieinhalb Metern Tiefe stieß er bei seinen Aushubarbeiten auf einen aus Ziegelsteinen gemauerten Gang: 62 Zentimeter breit, 1,40 Meter hoch, gewölbt. Fluchtweg und (oder) geheimer Verbindungsweg für Boten und Soldaten des Mittelalters?“

400 Jahre alter unteridischer Weg

Auf einen anderen Tunnel stießen Bauarbeiter schon 1957. Bei Straßenarbeiten am Lambertiplatz entdeckten sie den vermutlich 400 Jahre alten unterirdischen Weg: 1,12 Meter hoch und 70 Zentimeter breit. Von „Sülfmeister-Romantik“, schrieb der damalige LZ-Chefredakteur Helmut Pless. Er fühlte sich überdies an Carol Reed in Graham Greens Wiener Unterwelt-Thriller „Der dritte Mann“ erinnert. In den 1980er-Jahren wurde die Röhre wiederentdeckt. Gerhard Körner, ehemals Direktor am Museum an der Wandrahmstraße, schätzte das Ganze als Kanalisationskanal ein, der zur Entwässerung diente. Andere Gänge habe die Saline gegraben: als Bergwerksstollen, um die Sole abzubauen.

„Graalfahrt“ führt zu Solequelle

Bekannt ist ein Gewölbe Hinter der Bardowicker Mauer. Zwischen zwei Fahrtknechthäusern mit den Nummern 5 und 6, Fahrtknechte waren Arbeiter der Saline, zieht sich das Gemäuer wohl zwanzig Meter tief, um dann jäh an einer Mauer zu enden. Die „Graalfahrt“ führte zu einer der äußeren Solequellen der Saline und mündete bei der Bastion im Liebesgrund im „Graalturm“, einem Förderschacht, der längst abgerissen wurde.

Am Ende bleibt wenig übrig von den Gängen des heimlichen Tête-à-Tête. Und wenn es nur um die Lust des Fleisches gegangen wäre, hätten zumindest die Michaelis-Mönche es nicht weit gehabt: Sozusagen gleich um die Ecke, an der Neuen Straße in der Altstadt, lag der Wonnekenbruk – ein mittelalterliches Bordell.

Von Carlo Eggeling