Samstag , 26. September 2020
Krätze ist eine durch Krätzmilben verursachte parasitäre Hautkrankheit. Foto: AdobeStock

Lästige Krätze auf dem Vormarsch

Lüneburg. Mit der Krätze, oder wie sie im Fachjargon heißt, der „Skabies“, hat sich Peter Bergen, bis vor kurzem als Hygienefachkraft beim Niedersächsischen Lan desgesundheitsamt tätig, viele Jahre intensiv beschäftigt. Vor zwei Wochen ging der 66-Jährige in den Ruhestand – auf sein Wissen wollten die Veranstalter des 7. Lüneburger Hygienetags dennoch nicht verzichten, Bergen war jetzt einer der Referenten, gab vor seinem Vortrag schon der LZ Auskunft zum Thema Krätze, die zuletzt wieder häufiger auftrat. Ein Beispiel: Die Zahl der gemeldeten Krätzefälle im Jahr 2018 betrug in 371 Einrichtungen in der Region Hannover 542, ein Jahr zuvor waren es 400 Fälle in 216 Einrichtungen gewesen, im Jahr 2015 waren nur 32 Fälle von Krätze in 22 Einrichtungen gemeldet worden.

Herr Bergen, in der Vergangenheit zeitweise eine Volkskrankheit, vor wenigen Jahren aber kaum noch ein Thema, hat sich die Krätze in den zurückliegenden Jahren wieder stark verbreitet. Wie ist das zu erklären?
Das ist ein komplexes Geschehen. Es gibt Menschen, die prädestiniert dafür sind, um an Krätze zu erkranken. Das sind beispielsweise arme Menschen, das sind auch Kinder, das sind sehr alte Menschen, Menschen, die für sich selber nicht gut sorgen können, das sind aber auch auf Grund besonderer Situation Schutzsuchende, Migranten, Flüchtlinge. Und wenn sich das summiert, dann summieren sich auch solche Erkrankungen. Das Zweite ist, dass Krätze eine Erkrankung ist, deren Häufigkeit in Wellen erfolgt, sodass man also Jahre hat mit relativ vielen Krätzefällen und Jahre, wo das relativ wenig auftritt. Aber genau weiß man das nicht.

Was genau ist Krätze?

Peter Bergen, Hygienefachkraft im Niedersächsischen Landesgesundheitsamt Hannover. Foto: t&w

Krätze ist eine Erkrankung, die dadurch entsteht, dass kleine Spinnentierchen, Milben, sich auf der Haut befinden, dass dann eine Begattung stattfindet und dass die begatteten Weibchen sich in die Haut eingraben und dort Kot und Eier ablegen. Dieser Kot und diese Eier führen dazu, dass eine allergische Reaktion entsteht. Und das juckt. Und zwar ziemlich stark und unerträglich, sodass man sich unter Umständen auch blutig kratzt. Und das ist das Problem. Aus den Eiern entspringen neue Milben, die sich dann wieder paaren und in die Haut eingraben.

Wie kann man sich anstecken?
Ich sage immer: Man muss sich ein bisschen liebhaben. Sonst läuft da nicht viel. Notwendig ist wirklich länger andauernder Körperkontakt von mehreren Minuten, um Krätze zu übertragen. Nicht flüchtige Berührungen, sondern mehrere Minuten. Und das führt dann zu einer Übertragung der Krätzmilben. Problem an der Geschichte ist aber: Je mehr Krätzmilben sich auf der Haut befinden, umso leichter ist die Übertragung. Und das kann von Person zu Person unterschiedlich sein. Besonders gefürchtet ist die Borkenkrätze, wenn ganz viele Krätzmilben auf der Haut sind. Dann ist Krätze eben nicht zögerlich ansteckend, sondern hochansteckend, sodass man auch durch flüchtige Kontakte jemanden anstecken kann. Das ist eine der Besonderheiten bei Krätze, die auch erklärt, warum sie auch schnell weitergetragen werden kann.

Verändern, entwickeln sich die Krätzmilben?
Das ist eine Befürchtung, die man schon seit sehr vielen Jahren hat. Es gibt Hinweise, dass die Medikamente, die man verwendet mit der Zeit an Wirkung verlieren. Aber das ließ sich bisher nicht nachweisen. Man kann sagen, dass die beiden Wirkstoffe Permethrin und Ivermectin nach wie vor wirksam sind. Sie können verabreicht werden, und nach wie vor ist nicht von einer Resistenz auszugehen.

Was sind erste Anzeichen einer Krätze?
Die ersten Anzeichen sind, dass man sich eigentlich ganz wohl fühlt, dass man aber nachts vor allen Dingen einen Juckreiz verspürt, der einen daran hindert einzuschlafen. Die Milben fühlen sich nämlich bei Wärme sehr wohl und werden dann auch aktiv . Das Dumme ist: Das kommt schleichend, nicht plötzlich. Das erklärt auch, warum man das Ganze am Anfang nicht einzuordnen weiß, auch der Arzt nicht. Krätze ist eine außerordentlich schwer zu diagnostizierende Erkrankung und führt zu vielen Fehldiagnosen und Fehlbehandlungen.

Wie wird Krätze behandelt?
Es gibt erstmal eine Salbenbehandlung, verwendet wird eine Art Pflanzenschutzmittel. Der Wirkstoff heißt Permethrin. Damit muss man sich gewissenhaft einschmieren, den ganzen Körper mit Ausnahme der Kopfhaare. Das ist das erste Problem, weil die meisten Leute das gar nicht hinkriegen. Wenn diese Salbenbehandlung aber wirklich lückenlos erfolgt, dann hat sie normalerweise auch Erfolg. Man lässt sie über Nacht einwirken, dann wartet man noch einen Tag und dann ist die ganz Geschichte normalerweise ausgestanden. Es erfolgt noch eine Nachkontrolle und der Drops ist gelutscht. Aber wenn das nicht anschlägt, wenn etwa der Patient selbst gar nicht in der Lage ist, so was durchzuführen, wenn sich gezeigt hat, dass die Salbenbehandlung ohne Erfolg ist oder wenn das Ganze zur Epidemie wird, dann greift man zu einem oralen Mittel und das heißt Ivermectin und davon nimmt man eigentlich auch nur eine Dosis, mit großer Zuverlässigkeit ist die Sache damit auch erledigt.

Ist Krätze meldepflichtig?
Das deutsche Meldewesen ist relativ kompliziert. Aber der einzelne Krätzefall ist vom Arzt oder von einem Labor nicht meldepflichtig. Krätze in Gemeinschaftseinrichtungen ist dagegen normalerweise meldepflichtig, in Schulen, Kindergärten, Altenheimen und so weiter.

Von Ingo Petersen

250 Fachkräfte informieren sich

Hygiene im Blickpunkt

Das Thema Hygiene spielt im medizinischen Bereich eine herausragende Rolle. Aus diesem Grund hatte das Hygiene-Netzwerk des Landkreises für Mittwoch schon zum siebten Mal zum Lüneburger Hygienetag eingeladen. Rund 250 Fachkräfte, darunter Pflegende, Ärzte und medizinisches Personal informierten sich im Gesellschaftshaus der Psychiatrischen Klinik Lüneburg. Landrat Jens Böther, Rolf Sauer als Geschäftsführer der Gesundheitsholding Lüneburg und Dr. Marion Wunderlich, Leiterin des Gesundheitsamts des Landkreises, begrüßten die Teilnehmer. „Das Hygiene-Netzwerk hat sich etabliert und der Hygienetag ist zu einem festen Termin im Landkreis geworden“, erklärte Böther. Vorträge, etwa über Alternativen zur Antibiotikaeinnahme bei wiederkehrenden Blasenentzündungen, darüber, wie Wäsche für Menschen mit schwachem Immunsystem sicher aufbereitet werden kann oder über die Rolle von multiresistenten Krankheitserregern im Abwassersystem standen auf dem Plan.