Montag , 28. September 2020
Ein Blick auf die ausgebrannte Technik in der Halle von Panasonic. Die Entwicklungsarbeiten in den Labors müssen derzeit ruhen. (Foto: t&w)

Der Dreck muss weg

Lüneburg. Ein ganzer Schwung Mitarbeiter des Elektronik-Spezialisten Panasonic sitzt am Vormittag in der Kantine des Unternehmens an der Zeppelinstraße. Doch das hat nichts mit einem gemütlichen Kaffeetrinken zu tun. Die Fachleute haben auf Notfall umgeschaltet: In der Nacht zu Montag ist den Laboren ein Feuer ausgebrochen, Rauch und Ruß waberten durch die Räume. Derzeit sind nicht oder nur mit Einschränkungen zu nutzen. Die Beschäftigten weichen aus in die Cafeteria und in Besprechungsräume. Knapp ein Viertel der rund 400 Kollegen ist im Betrieb, um den Schaden zu analysieren und eine Strategie zu entwickeln, wie es weitergehen kann. Zur Einordnung: Die Polizei hatte den Sachschaden auf rund drei Millionen Euro geschätzt. Doch blickt man auf die Folgen, könnten die Kosten noch weit höher ausfallen.

Geschäftsführer Udo Bachsmann und seine Kollegin Verena Carstens sind sich einig: „Wir stehen zusammen.“ Der Manager, seit 35 Jahren im Lüneburger Werk tätig, sagt: „Wir arbeiten ohnehin eng zusammen, aber jetzt wird es noch enger.“ Damit meint er den Zusammenhalt, aber eben auch die räumliche Situation. Man sei sich einig, die Krise zu meistern. Das könnte aktuell auch über die sonst verpönte „Heimarbeit“ funktionieren: Wer nicht in der Firma arbeiten könne, könne das möglicherweise von zu Hause aus.

Vermutlich defekte Stromquelle Ursache für den Brand

Der Tochterbetrieb eines japanischen Konzerns betreibt im Hafen Entwicklungsabteilungen, der Standort arbeitet an Produkten für die Autoindustrie und entwirft unter anderem Steuerungseinheiten. In einer dieser Testreihen brach das Feuer aus. Nach bisheriger Analyse scheint ziemlich sicher zu sein, dass eine defekte Stromquelle den Brand verursacht hat. „Das war kein Teil von uns, sondern etwas, das extern geliefert wurde“, unterstreicht Bachsmann. Das Signal an die Kunden ist unschwer herauszuhören: Auf unsere Technik ist Verlass, es war nicht unser Fehler.

Die vom Brand betroffene Testreihe habe kurz vor dem Abschluss gestanden, berichtet Verena Carstens. Das bedeutet, sie hätte demnächst in die Produktion eines deutschen Autoherstellers gehen sollen. Auch wenn „die Prüflinge“ selber nicht betroffen seien, stehe man vor verschiedenen Problemen. Denn nicht nur die Labortechnik dieser Reihe ist betroffen, Ruß hat sich überall in die Anlagen gesetzt.

Die beiden Führungskräfte erklären, was passiert ist. Einfach zusammengefasst: Die Testreihen laufen rund um die Uhr, also auch in der Nacht, wenn kaum jemand da ist. Durch den Brand seien überall Rußpartikel gelandet, unter anderem auf Leiterplatten. Dieser feine Staub könne bei Stromdurchlauf zu weiteren Kurzschlüssen führen. Ventilatoren an den Laborapparten spielten dabei eine Rolle: Ähnlich wie beim Einatmen in die Lungen ziehen sie die Partikel ins Innerste der Anlagen.

Experten rücken zur Reinigung an

Das mache die Reinigung besonders kompliziert, sagt Bachsmann. Die Methode Staubtuch bringe nichts: Spezialisten rücken an, um die Geräte wieder zum Laufen zu bringen. Dabei setzt Panasonic auf das Unternehmen, dass im Sommer 2018 auch das Lüneburger Museum am Wandrahm hinzugezogen hatte, nachdem es dort gebrannt und sich Ruß auf die empfindlichen Exponate gesetzt hatte.

Wie geht es weiter? Ersatz ist nicht einfach zu beschaffen. Bachsmann berichtet, dass Lieferzeiten für die komplexen Laborgeräte bei bis zu eineinhalb Jahren betragen: „Die Lieferanten warten nicht auf uns und sind gut ausgelastet.“ So stünden Verhandlungen an. Gemeinsam mit den Partnern aus der Autoindustrie wolle man versuchen, die Zulieferer zu bewegen, zügig für Ersatz zu sorgen. Auch mit der Versicherung führt die Crew Gespräche, um Lösungen zu entwickeln.

Der Zeitdruck sei immens, und eins stehe fest: Verlagern können die Lüneburger nichts. Sie sind innerhalb des Konzerns ein besonderes Entwicklungszentrum, die Aufgaben könnten nichts anderswo erledigt werden. Deshalb schätzt Manager Bachsmann zwar auch das Hilfsangebot von Oberbürgermeister Ulrich Mädge als Symbol der Solidarität der Stadt, doch wirklich etwas tun könne das Rathaus nicht.

Und jetzt haben Bachsmann und seine Kollegen wieder zu tun: die Krise bewältigen.

Von Carlo Eggeling